Stuttgart 21 Bahnsteigumbau: Im Hauptbahnhof wird es eng

Von Konstantin Schwarz 

Vor 39 Monaten wurde das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit viel Prominenz, lautstarkem Protest und dem symbolischen Anheben eines Prellbocks gestartet. Von kommender Woche an erreicht die Baustelle die Bahnsteige. Alle werden um 120 Meter verkürzt.

Stuttgart - Vor 39 Monaten wurde das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit viel Prominenz, lautstarkem Protest und dem symbolischen Anheben eines Prellbocks gestartet. Von kommender Woche an erreicht die Baustelle die Bahnsteige. Alle werden um 120 Meter verkürzt.

220 000 Pendler und Reisende drängen sich täglich durch den Stuttgarter Hauptbahnhof. Von Sonntag an müssen sie teils längere Umwege in Kauf nehmen. Die Bahn greift bei ihrem Projekt Stuttgart 21 dann in alle acht Bahnsteige ein. Bis zum 22. Oktober sollen nach 13 Bauphasen alle Prellböcke um 120 Meter von der großen Kopfbahnsteighalle weggerückt und soll ein neuer Querbahnsteig als Verteiler entstanden sein. Die alten Bahnsteige werden dann auf dieser Länge abgerissen. So kann die Bahn die Baugrube für den neuen Tiefbahnhof ausheben und eine Baustraße anlegen. Wo die Grube geöffnet ist, geht es ab April 2014 vom Torso des alten Bonatz-Bahnhofs aus über zwei Brücken zum Verteilsteg.

„Die Kunden gewöhnen sich schnell an den Umbau, drei bis vier Tage, es sind ja meist Pendler“, setzt Nikolaus Hebding, der Leiter Bahnhofsmanagement der DB in Stuttgart, auf die Lern- und Leidensfähigkeit der Kundschaft. Alle Mitarbeiter seien hoch motiviert, man wolle positive Rückmeldungen erhalten, sagte Hebding am Donnerstag beim Presserundgang durch die Baustelle Bahnhof.

Vorarbeiten für den Tiefbahnhof

In der ersten Bauphase sind nur die Reisenden der laut Hebding täglich 15 an Bahnsteig eins haltenden Züge betroffen. Werktags fahren die Züge auf Gleis 1 und 2 ein, der Weg zur Kopfbahnsteighalle ist den Reisenden dann aber wegen der Baustelle versperrt. Der Umweg wird ausgeschildert und von zusätzlichem Personal flankiert. An den Wochenenden bis 2. Juni und am 30. Mai (Fronleichnam) werden die Züge auf andere Gleise verteilt. Vom 15. Juli bis zum 14. August fahren wegen der Bauarbeiten zwei Regionalzüge und zwei IC-Linien an Stuttgart vorbei. Grundsätzlich arbeitet sich die Bahn beim Bahnsteigrückbau aus Richtung der Landesbank durch den Bahnhof. Geschafft wird vor allem in den nächtlichen Sperr­pausen.

Dem Umbau ging die Verlängerung der Bahnsteige in Richtung Bad Cannstatt und die Neuordnung des Gleis- und Weichenfelds voraus. Im letzten Schritt sollen einige bisherige Einschränkungen wieder aufgehoben werden. Zum Beispiel sollen Reisende wieder trockenen Fußes zum Zug kommen, weil der nach dem Umbau noch erhaltene Teil des Bahnhofsdachs mit Kunststoffbahnen verkleidet wird. Die Scheiben waren aus Statikgründen vor dem Winter entfernt worden. Auch das Gleis 8, auf dem Betonblöcke das bei Sturm labile Dach halten helfen, stehe dann wieder zur Verfügung, sagt Sven Hantel. Er leitet den Regionalbereich Südwest des DB-Betriebs Station und Service.

Wenn alle Bahnsteige rückgebaut sind und der Querbahnsteig in Betrieb ist, hat die Bahn ihre Vorarbeiten für den Tiefbahnhof abgeschlossen. Begonnen haben sie am 2. Februar 2010 mit viel Prominenz und lautstarken Protesten. 18 Monate waren in der Baugenehmigung für diesen Abschnitt angesetzt. Die Bahn korrigierte Ende 2009 auf 30 Monate. Bis November werden sich 45 Monate für den Gleisfeld- und Bahnsteigumbau angesammelt haben.

Zeitplan für den Bahnsteigrückbau „sehr ambitioniert“

Das sind 27 Monate mehr als ursprünglich geplant – oder 15 Monate mehr als von der Bahn später eingeräumt, rechnete der ­Verkehrsclub Deutschland (VCD) am ­Donnerstag vor. Insofern scheine der jetzt verkündete Zeitplan für den Bahnsteigrückbau „sehr ambitioniert zu sein und mehr dem Zeitdruck geschuldet, vor dem Fahrplanwechsel im Dezember fertig sein zu wollen“, so der Verkehrsclub. Er erwartet, dass Pendler nun täglich bis zu 15 Minuten mehr unterwegs sind, weil die Wege länger werden. Sven Hantel spricht von fünf Minuten, um die sich der längste Weg (Umstieg von der 1. Klasse ICE an Gleis 16 auf die S-Bahn) strecke. Eingerechnet ist dabei, dass der alle Gleise verbindende Fußgängertunnel und der S-Bahn-Abgang im Bahnhof geschlossen werden. Wer von oder auf die S-Bahn umsteigt, muss damit durch die Klett-Pas­sage.

„Wenn alle anderen Bauabschnitte von Stuttgart 21 ähnlich verspätet sind, ist fraglich, ob vor 2025 jemals ein Zug den Stuttgarter Tiefbahnhof anfahren kann“, sagt der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb. Der Umbau der Bahnsteige sei abschließend und für die nächsten zehn Jahre, sagt Wolf-Dieter Tigges, der stellvertretende Bauabschnittsleiter. Auf Nachfrage korrigierte er: „Das Fertigstellungsdatum für Stuttgart 21 ist der 31. Dezember 2021.“ Macht noch acht­einhalb Jahre Baustelle.

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