Matthias Gastel war nicht überrascht, dass Bahnvorstand Ronald Pofalla im Januar 2018 einräumen muss, dass Stuttgart 21 teurer und erst 2025 fertig wird. Foto: Stefan Kaminski

Im Januar 2018 billigt der Bahn-Aufsichtsrat die Kostenexplosion bei Stuttgart 21 auf 8,2 Milliarden Euro. Und das Projekt soll nun erst Ende 2025 fertig werden. Der Grünen-Politiker Matthias Gastel fährt oft Bahn und blickt ein Jahr später kritisch auf den Beschluss.

Stuttgart - Wenn Matthias Gastel über die Bahn redet, dann schwingt neben allem Ärger viel Herzblut mit. Es ist ein bisschen wie bei einem enttäuschten Liebhaber. Der Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Filderstadt und „passionierte Bahnfahrer“ (Gastel über Gastel) veröffentlicht im Internet ein Tagebuch über seine Zugfahrten aus dem Südwesten nach Berlin und zurück. Mal sind die Züge verspätet, mal pünktlich, mal funktioniert WLAN, oft geht es nicht, mal fehlen Wagen, dann ist der Zug überfüllt, mitunter ist die Toilette defekt – und dann gibt es noch den penetrant hustenden und niesenden Sitznachbarn, der Gastel in den Speisewagen flüchten lässt, und die lässigen Ansagen der Zugbegleiter, wonach der ICE-Lokführer „ein paar Kohlen mehr auflegt“, damit die Verspätung aufgeholt wird.

Man kann also zurecht davon ausgehen, dass es nichts gibt, was Gastel bei der Bahn noch überrascht.

Als der Kostendeckel in die Luft geht

So ist es dann auch, als Ende Januar dieses Jahres der Bahn-Aufsichtsrat die neuen zeitlichen und finanziellen Rahmendaten von Stuttgart 21 abnickt. Ende November war erstmals davon die Rede, dass der Kostendeckel von 6,5 auf 7,9 Milliarden Euro angehoben und die Inbetriebnahme von Ende 2021 auf Dezember 2024 verschoben werden müsse. Dann legte der Bahnvorstand Ronald Pofalla im Papier für seine Aufseher noch einige Hundert Millionen und Monate drauf: 8,2 Milliarden Euro und Fertigstellung Ende 2025 sind seitdem die Zieldaten. Und das, nachdem jahrelang auf Fragen über Folgen der Probleme die stereotype, vom damaligen S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich kreierte Antwort kam: keine Auswirkungen auf Kosten- und Zeitplan.

„Die Überraschung hat sich Ende Januar in Grenzen gehalten“, sagt dennoch Gastel, der seit 1989 Mitglied bei den Grünen ist. Der frühere Gemeinderat in Filderstadt und Kreisrat in Esslingen, der seit 2013 im Bundestag sitzt, kennt die Geschichte von Stuttgart 21. Nicht zuletzt, weil er zu den Gründern des Filderstädter Aktionsbündnisses „Ja zum Ausstieg aus Stuttgart 21“ gehört, das im Rahmen der Volksabstimmung 2011 über die finanzielle Beteiligung des Landes dem Projekt als Ganzem den Garaus machen wollte.

Volksabstimmung als „bittere Niederlage“

Wie man weiß, ist es anders gekommen, und für Gastel gehört die „sehr bittere Niederlage“ zum politischen Geschäft. „Auch heute“, glaubt er, „würde die Volksabstimmung nicht anders ausgehen.“ Anders wäre es wohl nur, wenn „man schon damals verbindlich gewusst hätte, was man heute weiß.“ Denn dass das Projekt teurer würde, länger dauere und die Bevölkerung stärker belaste, als von den Befürwortern dargestellt, „das haben wir Gegner von Stuttgart 21 schon damals gesagt. Eine Mehrheit hat uns das aber nicht geglaubt oder andere Argumente höher bewertet“, sagt Gastel und zählt auf: die kolportierten Ausstiegskosten, die Chancen für den Städtebau im Zentrum Stuttgarts und die millionenschweren Zuschüsse aus Brüssel und Berlin, auf die viele im Südwesten nicht verzichten wollten.

„Nicht alle, aber viele Befürchtungen, die wir hatten, sind eingetreten“, bilanziert Gastel. Für ihn ist das kein Anlass zur Freude, schon gar nicht für rechthaberischen Triumph. „Ich behaupte, die Verantwortlichen bei der Bahn haben schon damals gewusst, dass ihre Angaben nicht realistisch sind, und sie haben versucht, das so lange zu verbergen wie nur möglich“, sagt Gastel. Und mehr als über Kostensteigerungen und Zeitverschiebungen regt er sich darüber auf, dass „die Bahn nichts daraus gelernt hat und diese Strategie weiter verfolgt“. Jüngstes Beispiel sei die S-Bahn-Unterbrechung am Flughafen, die, obwohl schon länger geplant, auch erst bekannt gegeben worden sei, „als es sich nicht mehr vermeiden ließ.“ Dieses Verhalten – und das kann den Politiker Gastel, den Sozialpädagogen und Diplom-Kaufmann, der am zweiten Weihnachtsfeiertag seinen 48. Geburtstag feiert, richtig aufregen – beschädige auch das Vertrauen in die Politik.

Wird es noch teurer?

Dabei sind die Schwierigkeiten, die sich aus den Kostensteigerungen und Zeitverschiebungen ergeben, schon groß genug: Das Rosensteinviertel, Stuttgarts größter Trumpf im Kampf gegen den Wohnungsmangel, kann erst Jahre später als geplant bebaut werden, der Schienenverkehr in der von Stau und Luftbelastung geplagten Region wird länger behindert, und immer deutlicher werde, dass S 21 nachgebessert werden müsse, wenn es verkehrliche Verbesserungen geben soll. Und die Kosten? „2019 kommt der nächste Sprung“, prophezeit Gastel, „dann sind es mehr als zehn Milliarden Euro“. Dann müsse der Bund sich mehr beteiligen, weil die klamme Bahn das nicht mehr stemmen könne. „Ihr fehlt schon heute Geld für Züge und Personal“, sagt er – und weiß, dass das weiter Stoff für sein Bahntagebuch gibt.

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