Foto: Hörner

Nordflügel des Hauptbahnhofs wird bald abgerissen. Für Bonatz-Enkel eine "infame Geschichte".

Stuttgart - Wer sich ein Stück vom alten Hauptbahnhof sichern will, kann dies bald tun. Die Bahn hat am Dienstag den Abriss des Nordflügels für den 1. August angekündigt. Die Verblendsteine des markanten Bauwerks werden von einem Unternehmen im Großraum Stuttgart verkauft.

Wolfgang Drexler, Sprecher für das Großprojekt Stuttgart 21 und den Streckenbau Wendlingen-Ulm, verwendet ungern das Wort Abriss. "Es handelt sich um einen Rückbau, wir tragen das Gebäude vom 1. August an ab", sagte der SPD-Landtagsabgeordnete bei einer Pressekonferenz.

Eine Verhandlung vor dem Abriss scheint unmöglich

Zunächst würden Leitungen und Fenster entfernt, das Haus, in dem Teile des Intercity-Hotels, die Post und die Bahnpolizei untergebracht waren, dann Stockwerk um Stockwerk abgetragen. Mit den Bruchstücken wird bis November das Untergeschoss verfüllt. "Wir schaffen damit einen ebenerdigen Zugang zu den Gleisen", erklärt Drexler. Er ist nötig, weil der Nordeingang zur Bahnsteighalle dann nicht mehr benutzt werden kann. Vor ihm und auf Teilen des heutigen Parkplatzes baut die Bahn ein unterirdisches Technikgebäude. Park- und Taxiplätze sollen bis November erhalten bleiben. "Ende November wird der Seitenflügel nicht mehr da sein", sagt Drexler.

Die Ankündigung hat bei den Gegnern der 4,1 Milliarden Euro teuren Infrastruktur zu heftigem Protest geführt. Peter Dübbers, Architekt und als Enkel des Bahnhofs-Architekten Paul Bonatz gegen die Bahn klagend, spricht von einer "infamen Geschichte".

Im Rahmenterminplan der von der Bahn beauftragten Firma Wolff&Müller sei der Abriss vom 15. November bis 20.Januar vorgesehen. "Jetzt sollen auf massiven Druck der Bahn hin in der Urlaubszeit Fakten geschaffen werden", zeigt sich Dübbers erregt. Den Termin vorzuziehen sei "eine Unverschämtheit". Dübbers hat die erste Runde im Urheberrechtsstreit zum Erhalt der Seitenflügel vor dem Landgericht verloren. Er will sich jetzt an Bahn-Chef Rüdiger Grube wenden. Dübbers Berufungsantrag liegt beim Oberlandesgericht (OLG). Die Frist zur Begründung läuft. "Man muss sie nicht ausschöpfen", sagt OLG-Sprecherin Josefine Köblitz. Eine Verhandlung noch vor dem Abriss scheint aber unmöglich.

Fraktionen loben "verbesserte Informationspolitik"

Den Abriss wird nicht Wolff&Müller, sondern GL Abbruch aus Esslingen übernehmen. Die Firma gibt wieder verwertbare Stoffe an ein Unternehmen im Großraum Stuttgart zum Verkauf weiter. Das gilt auch für die Natursteinfassade. GL Abbruch wollte sich mit Hinweis auf die Vertragslage nicht zum Verbleib der Steine äußern.

Zeitgleich mit dem Abbruch soll der Aufbau eines 17 Kilometer langen Rohrnetzes rund um den Bahnhof und einer Grundwasser-Reinigungsanlage beginnen. Um die Gruben für den Tiefbahnhof ausheben zu können muss das über dem Mineralwasser liegende Grundwasser abgepumpt werden. Dabei falle der Wasserspiegel stellenweise um fünf bis acht Meter, erläuterte der für den Bauabschnitt zuständige Projektingenieur Bastian Engel.

Fraktionen loben "verbesserte Informationspolitik"

Der Spiegel wird an 90 Messstellen überwacht. Um den Druck auf das Mineralwasser möglichst konstant zu halten und Schäden für Bäume, aber auch an den tragenden Eichenpfähle unter dem Bahnhofsturm zu vermeiden, muss gereinigtes Grundwasser über Versickerungsbrunnen wieder ins Erdreich fließen. Dazu wird eine Filter- und Pumpanlage beim früheren Fernomnibusbahnhof aufgebaut. Zunächst waren drei dieser Anlagen vorgesehen. Die Konzentration auf eine spart Geld, führt aber zu längeren Leitungen. Die bis zu 20 Zentimeter starken Rohre werden oberirdisch zu Brunnen zum Beispiel in der Wera-, Kerner- und Jägerstraße, eine Ableitung bis zum Neckar geführt. 2017, wenn das Dach über dem Tiefbahnhof fertig ist, sollen sie abgebaut werden. Anwohner würden rechtzeitig über den Aufbau informiert, verspricht Drexler.

Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 sowie die Grünen im Land und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordern einen sofortigen Baustopp. Die Bahn und ihre Baupartner agierten mit einer "unfassbaren Selbstherrlichkeit" so die Grünen. Es solle der "falsche Eindruck erweckt werden, Stuttgart 21 sei unumkehrbar", sagt VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb. Die Bahn gehe "skrupellos vor", kritisiert der SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker. "Es gibt rechtskräftige Verträge", sagt Wolfgang Drexler, es seien 1,4 Milliarden Euro für Planung, Grundstücke und Bauaufträge ausgegeben worden, das Projekt sei unumkehrbar.

CDU, SPD, FDP und Freie Wähler im Gemeinderat begrüßten am Dienstag die Infomationen von DB-Projektleiter Hany Azer im nicht öffentlichen Teil des Technikausschusses. Azer stand zum ersten Mal seit seinem Arbeitsbeginn vor mehr als zwei Jahren Rede und Antwort. Seine Präsentation sei erst "minimalistisch" gewesen, sagt die SPD-Fraktionschefin Roswitha Blind. Auf Nachfrage sei dann "fundiert und detailliert" berichtet worden, loben die Fraktionen die "verbesserte Informationspolitik".

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