Ein Bagger transportiert gefällte Bäume im Stuttgarter Schlossgarten. Klicken Sie sich durch die Bilder von der Baumfäll-Aktion. Foto:  

Schon etwa 40 Bäume gefällt. Unter Polizeischutz wandelt sich der Schlossgarten zur Baustelle.

 
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Stuttgart - Der Arm der Spezialmaschine senkt sich, greift mit dem oberen Teil den Stamm, von unten setzt die Säge an. Rummm, die Maschine heult auf, Späne fliegen, der Baum vor dem Planetarium ist ab. Der Greifer schwenkt nach links, lädt seine Beute beim Häcksler ab. Innerhalb von Sekunden ist der Baum zu Spänen verarbeitet.

Bei den Fällarbeiten im Schlossgarten legt die Bahn ein beachtliches Tempo vor. Bis zum Abend sind etwa 40 Bäume gefällt und etwa eine Handvoll verpflanzt. Genaue Angaben seien nicht möglich, heißt es beim S-21-Kommunikationsbüro. Am ersten Tag fielen die Bäume vor allem entlang des Südflügels, jetzt fallen auch die großen Platanen zwischen der Straße Am Schlossgarten und dem Planetarium. Bis Ende Februar sollen 108 Bäume gefällt und 68 verpflanzt werden. „Wir sind im Zeitplan“, sagt Tobias Rauch, der zuständige Projektingenieur der Bahn.

Etwa zwei Dutzend Journalisten sind der kurzfristigen Einladung gefolgt und machen sich ein Bild von dem Areal, unter dem einmal der Tiefbahnhof liegen soll. Noch immer wirkt der mittlere Schlossgarten wie eine Festung. Eine Handvoll Zaungäste verfolgt mit gezückten Kameras die Fällarbeiten. Hinter den Absperrungen sind nur Polizisten und die Holzfäller zu sehen. Laut Polizeisprecher Stefan Keilbach sind noch mehrere Hundert Beamte im Einsatz, darunter auch Spezialkräfte. Die Lage ist ruhig. Nur einmal müssen die Polizisten einschreiten, als eine 47-jährige Frau über die Absperrungen klettern will. „Die Einheiten aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern sind bereits wieder abgereist, genauso wie die der Bundespolizei“, sagt Stefan Keilbach. „Unser Ziel ist es, die Sicherung der Baustelle möglichst schnell in die Hände der Bahn zu geben.“

K steht für Kunst

Vom Ausgang der Arnulf-Klett-Passage in Richtung Schlossgarten öffnen sich ungewohnte Perspektiven. Der Platz ist von jeglichem Gehölz befreit, der Blick reicht bis hinüber zum Planetarium. Vor dem Landespavillon parken die Mannschaftswagen der Polizei. Dazwischen liegen überall große Berge mit Gestrüpp und Abfallholz. Die riesigen Müllberge, die am Tag zuvor aus dem Zeltlager zusammengeschoben wurden, sind bereits verschwunden. Auf eine eigentümliche Art wirkt der Schlossgarten aufgeräumt.

Tobias Rauch deutet beim Rundgang auf einen Baum am Südflügel, der einen Schutzzaun erhalten hat. Hier hält eine Fledermaus ihren Winterschlaf, der Baum muss stehen bleiben. Mit einem Sensor werden die Bewegungen des Tieres registriert. Erst wenn der sogenannte große Abendsegler, der zu einer gefährdeten Art gehört, im März oder April sein Quartier verlassen hat, kann der Baum weg. Weil dann die Vegetationsperiode längst begonnen hat, darf die Bahn die Säge frühestens im Oktober ansetzen.

Alle Bäume sind penibel markiert. V steht für Verpflanzung. T für Totholz, K für Kunst. Ein Teil der gefällten Bäume, vor allem die dicken Stämme, werden später einmal zu Kunst verarbeitet, etwa in einer Behindertenwerkstatt. Das Totholz landet im Wald als Biotop für Tiere oder in Kindergärten als Anschauungsmaterial für Knirpse. „Was genau damit passiert, wird noch geklärt“, so eine Sprecherin des S-21-Kommunikationsbüros.

Im Internet kursieren Gerüchte

Vom Zeltlager, das seit Herbst 2010 den Schlossgarten am Bahnhof beherrscht hat, ist so gut wie nichts mehr zu sehen. Hier und da hängt noch müde eine Plastikplane von einem Ast herunter. Nur ein Baumhaus in den Wipfeln einer Platane an der Schillerstraße wird vorerst erhalten bleiben. Die sogenannten Parkschützer haben es auf einem Baum eingerichtet, in der eine Fledermaus überwintert. Der Baum gehört zu jener Kolonie zwischen Bahnhof und Ferdinand-Leitner-Steg, in der auch der streng geschützte Juchtenkäfer vermutet wird. Vom Frühjahr an soll ein Krötenzaun den Käfer in seinem Reservat halten.

Nebenan wird ein kleiner Pavillon auf einen Transporter geladen. Hier hatte die Künstlergruppe Soup (Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene) ihren Infostand gegen Stuttgart 21 eingerichtet. Jetzt soll das Häuschen im Württembergischen Kunstverein unterkommen. Einen festen Platz am Eckensee hat das zuständige Finanzministerium abgelehnt. „Dagegen werden wir vor Gericht kämpfen“, sagt ein aufgebrachter Herr, der den Abtransport verfolgt.

Im Internet kursieren am Donnerstag Gerüchte, die Bahn nehme es mit der Zahl der zu verpflanzenden Bäume nicht so genau. „Wir halten uns genau an die Vorgaben“, versichert dagegen Projektingenieur Tobias Rauch. S-21-Gegnerin Ulrike Braun, die sich spontan den Journalisten anschließt, macht eine andere Rechnung auf. „Die Verpflanzungen hätten besser vorbereitet werden müssen – so aber werden noch viel mehr Bäume sterben als von der Bahn zugegeben.“ Ein paar Meter weiter geht die Sägemaschine unerbittlich ihrer Arbeit nach. Rummm. Der nächste Baum wandert in den Häcksler.