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Unternehmer, die für S21 den Zuschlag bekommen haben, sind ein Ärgernis für die Gegner.

Stuttgart - Sie werden beschimpft und mit Dreck beworfen. Die Arbeiter, die für Stuttgart 21 auf der Baustelle stehen, sind für viele Projektgegner ausführender Arm der Politik. Doch für kleine Stuttgarter Unternehmen ist Stuttgart 21 ein Konjunkturprogramm. "Ich bin froh um jeden Auftrag", sagt ein Bauunternehmer.

Am Zaun stehen Menschen mit Fotoapparaten. Manche drängeln. Es hängen viele Schilder da. Wer ein Foto durch den Zaun machen will, muss eine Lücke finden. "Bitte nicht füttern" steht auf einem der Schilder. Die Schüler aus Winnenden wissen nicht, warum sie hier stehen. Es regnet. Es ist matschig, und es stinkt nach vermoderter Erde. Sie machen Fotos, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. "Vielleicht ist das hier ja mal historisch", sagt ein Mädchen. Sonst fotografiert sie keine Arbeiter auf Baustellen. Aber das hier ist was anderes. "Das ist Stuttgart 21."

Für manche ist das Projekt eine historische Chance, für andere ein historischer Skandal. Für die beteiligten Unternehmen ist es ein Job. Ein Auftrag wie jeder andere. Hinter dem Zaun fährt ein Mann mit einer Walze hin und her, auf der der Name Julius Bach steht. Ein Bauunternehmen aus Stuttgart, gegründet 1925. Heute ist Thomas Bach Geschäftsführer. Er sagt, dass bei ihm gerade alles durcheinanderläuft. "Tohuwabohu." Seine Männer müssen manchmal von einem Moment auf den anderen anrücken. "In einer Hauruck-Aktion." Dann arbeiten sie zwei Stunden und müssen wieder fahren. Manchmal dürfen sie nur Arbeiten machen, für die sie keinen Lkw brauchen, manchmal dürfen sie gar nicht ran.

Gegner sorgen sich um Mineralquellen

Thomas Bach arbeitet als Subunternehmer für die Hölscher Wasserbau GmbH aus Haren in Niedersachsen. Die Firma ist zuständig für die Grundwasserabsenkung hinter dem Busbahnhof. "Nur Lumpen pumpen", sagen die Projektgegner. Sie sorgen sich um die Mineralquellen, haben Angst, dass der Bahnhofsturm bei einer Absenkung in sich zusammenbricht. Manche schreiben das auf. Sie schicken Mails und Briefe an die Unternehmen. Maria Biener etwa. Sie hat Thomas Bach eine Rote Karte geschickt. Sie sorgt sich um die Artenvielfalt im Schlossgarten. Sie hat kaum Hoffnung, dass ihre Karte etwas bringt. Sie sagt, sie sei empört über das Unternehmen.

Thomas Bach hat mehrere Briefe und Mails bekommen. Er weiß nicht, was er falsch macht. "Ich halte mich an das Gesetz." Er freut sich über jeden Auftrag. In der Krise ist sein Geschäft eingebrochen. Er fährt Kurzarbeit. Manche Unternehmen sagen, dass Stuttgart 21 wie ein Konjunkturprogramm sei. Leicht ist der Auftrag nicht. Bachs Arbeiter haben in den vergangenen Wochen unter Polizeischutz gearbeitet. Wenn gar nicht geschafft werden kann, sprechen die Unternehmer von Stillstandsstunden. Die können vom Hauptunternehmer als Regressansprüche geltend gemacht werden. Bahnchef Rüdiger Grube erklärt, dass eine Bauunterbrechung von einem Monat zehn Millionen Euro koste.

Manche Projektgegner stellen die Adressen von beteiligten Unternehmen ins Internet. Auf die Seite Kartell Stuttgart 21 zum Beispiel. Da steht, dass die Baufirma Wolff & Müller den Zuschlag für Abrissarbeiten am Nordflügel und den Bau eines Technikgebäudes nur bekommen hätte, weil Finanzbürgermeister Michael Föll im Beirat des Unternehmens war. Er hat den Posten im August niedergelegt. Für Stuttgart 21 wurden bisher Bauaufträge im Wert von rund 200 Millionen Euro vergeben. "Rund 400 Millionen Euro wurden bereits in die Planungen für Stuttgart 21 und die Neubaustrecke investiert", so ein Sprecher des Projekts. "Der überwiegende Anteil der Vergaben ging an Firmen aus der Region." Der Vergabe-Prozess umfasst sieben Schritte und ist im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung und in der Sektorenverodnung geregelt. Nicht die Stadt kümmert sich darum, sondern die Einkäufer der Deutschen Bahn AG. Sie müssen den Zuschlag demjenigen Unternehmen geben, das das wirtschaftlichste Angebot macht.

"Kein gutes Signal für Großprojekte"

Die Rolle ist noch neu: Albert Dürr, Geschäftsführender Gesellschafter des mittelständischen Familienunternehmens Wolff & Müller, spricht jetzt öfter mit Journalisten. Sie wollen, dass er etwas Politisches sagt. Über Stuttgart 21. "Es ist nicht unsere Aufgabe als beauftragtes Bauunternehmen, das Projekt zu erklären", so Albert Dürr. Sein Unternehmen sei in eine Rolle gebracht worden, die andere Stellen ausfüllen müssten. "Als Stuttgarter Bürger begrüße ich, dass Bahn, Stadt und Land das Projekt auf die Schiene gesetzt haben, um damit die Stadt Stuttgart voranzubringen." Er glaubt nicht, dass die Verantwortlichen bei der Kommunikation von S21 etwas versäumt haben. "Ich bin kein Kommunikationsprofi, der sich erlauben könnte, dazu ein Urteil abzugeben. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum jemand im Vorfeld das Ausmaß der Überhitzung und die Dynamik dieses Themas richtig eingeschätzt hat."

Dürr sagt, dass man vorsichtig sein müsse mit der Signalwirkung, die von den Protesten gegen Stuttgart 21 ausgeht. "Investoren aus dem In- und Ausland beobachten aufmerksam, was in Stuttgart geschieht. Hier werden Infrastrukturprojekte, die alle Genehmigungsverfahren durchlaufen und demokratisch legitimierte Umsetzungsreife erlangt haben, nachträglich infrage gestellt. Das ist kein gutes Signal für Großprojekte."

Kai Hansen ist Unternehmensberater, seit 20 Jahren. Er bezeichnet sich als leidendes Mitglied der IHK. "Ich kann nicht verstehen, mit welchen faktischen Gründen und auf Grundlage welcher Legitimation die Kammer für die Unternehmer als Gesamtheit spricht - und zwar pro Stuttgart 21." Deshalb hat er sich dem Verbund Unternehmer gegen Stuttgart 21 angeschlossen. "Unternehmer können rechnen", sagt er. "Die heutigen Rahmenbedingungen verlangen, dass man die durchaus guten Ziele preiswerter und schonender erreicht." Eine oberirdische Alternative würde bei einer Kosten-Nutzen-Rechnung besser abschneiden. "In kürzerer Zeit könnte ein höherer Nutzeffekt mit weniger Risiko erreicht werden."

"Die meisten Unternehmen schweigen"

Hansen geht es um eine werterhaltende Nachhaltigkeit und werteschaffende Wirtschaftlichkeit: "Schwäbisch eben!" Die Bäume im Schlosspark seien leistungsfähig. Sie helfen, bei hoher Feinstaubbelastung die Luft rein zu halten. Auch der Bahnhof sei leistungsfähig - wenn er modernisiert würde. "Da wurde Jahrzehnte nicht investiert", sagt er, "das sollte man jetzt tun."

Ulrich Köppen ist Landesgeschäftsführer des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft - und für S 21. "Obwohl ich Alt-68er bin, bin ich heute der Auffassung, dass wir Unternehmen brauchen, die Gewinne abwerfen können." Soziale und kulturelle Standards würden sonst verschwinden. "Verkehrsexperten sagen in den nächsten Jahrzehnten eine Zunahme des West-Ost-Verkehrs um 70 Prozent voraus. Wenn der nicht auf der Straße landen soll, brauchen wir moderne Verkehrsinfrastrukturen." Viele Gegner wissen nicht, welche Unternehmen was brauchen und inwiefern das ganze Land von S 21 profitiert. Die meisten Unternehmen schweigen. Sie haben Angst, dass es dem Image schadet, pro S 21 zu sein. "Ich würde mich freuen, wenn sich noch mehr Befürworter deutlicher äußern würden."

Der Regen wird stärker. Die Schüler sind genervt. Sie packen ihre Fotoapparate ein. Es sind keine Dreckklumpen geflogen. Ein guter Tag für die Arbeiter.

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