Wohin mit den Bäumen aus dem Stuttgarter Schlossgarten, die Stuttgart 21 weichen müssen? Quelle: Unbekannt

Wie viele Bäume im Schlossgarten müssen gefällt werden? Gutachten nennt erstmals Zahlen

Stuttgart - Im Schlossgarten stehen 294 Bäume dem geplanten Tiefbahnhof im Weg. Nach einer aktuellen Expertise müssen bis zu 102 Bäume gefällt werden; bis zu 78 Bäume könnte man verpflanzen. Doch die Zeit drängt; und die Suche nach Ersatzstandorten ist mühsam.

"Jetzt besteht noch die Chance, viele Bäume im Schlossgarten zu retten." Mit diesem Appell zieht Wolfgang Dietrich, der Projektsprecher von Stuttgart21, derzeit durch die Lande. Dietrich läuft die Zeit davon. Das macht ungeduldig. "Manchmal gewinnt man den Eindruck, es wird bis zur Volksabstimmung Mikado gespielt", sagt er. Mit Blick auf die Bäume sei die derzeitige Atempause in der Debatte um das Bahnprojekt verlorene Zeit, warnt Dietrich.

294 Bäume stehen zwischen Hauptbahnhof, Planetarium und Biergarten in dem Bereich des Mittleren Schlossgartens, der für den Bau des geplanten Tiefbahnhofs ursprünglich komplett gerodet werden sollte. In der Schlichtung hatten sich die Projektpartner aber darauf verständigt, so viele Bäume wie möglich zu erhalten.

Sofern die Volksabstimmung am 27.November im Sinne der Deutschen Bahn ausgeht, wird sie wohl noch vor Jahresende mit dem Abbruch des Südflügels beginnen. Die Bäume müssen bis 29.Februar 2012, dem Ende der vegetationsarmen Zeit, weichen.

Ein anerkannter Fachmann hat den bedrohten Baumbestand im Auftrag von Dietrichs Büro untersucht. Die Ergebnisse liegen unserer Zeitung vor. Im günstigen Fall könnten demnach 119 Bäume erhalten werden, auch durch Anpassung der Baulogistik. Im ungünstigen Fall können nur 76 Bäume stehen bleiben. Für eine Verpflanzung geeignet oder "eingeschränkt geeignet" wurden im günstigen Fall 78 Bäume ausgemacht; unter ungünstigen Bedingungen sind es 69.

Die Hälfte der Bäume, die gefällt werden, haben Stammumfänge von über 180 Zentimetern

Gefällt werden müssen laut der Expertise 88 beziehungsweise 102 Bäume. Davon hat die Hälfte einen Stammumfang von über 180 Zentimetern. Solche Großbäume können wegen der Dimensionen ihrer Wurzeln und ihres Gewichts von bis zu 200 Tonnen kaum transportiert werden. Eine Platane mit 697 Zentimeter Stammumfang wurde bereits 2010 am alten Busbahnhof gefällt.

Ein weiterer Gutachter soll jetzt im Auftrag der Deutschen Bahn eine zweite Expertise erstellen. Schon jetzt steht fest, dass es neben der Herausforderung, jahrzehntealte Bäume erfolgreich zu verpflanzen, ein weiteres Problem gibt: Es fehlt an neuen Standorten. "Zurzeit haben wir 23 alternative Standorte sicher, ein paar stehen noch in Aussicht", rechnet Dietrich vor. Anders gesagt: Für etwa 40 bedrohte Parkbäume fehlt noch die rettende Alternative.

Der S-21-Sprecher sieht an dem Punkt das Land, die Stadt und die Wirtschaft in der Pflicht. Die Resonanz auf seine Appelle fällt aber noch verhalten aus. OB Wolfgang Schuster (CDU) will die Baumfrage erst "im Rahmen eines Dialogforums mit Bürgern und Experten diskutieren". Er hoffe, sagt Schuster, dass man das Dialogforum nach der Volksabstimmung starten könne. "Mein Ziel ist absolute Transparenz bei dem emotionalen Thema Bäume", so Schuster.

OB Schuster will „absolute Transparenz“ beim Thema Bäume

Das SPD-geführte Finanzministerium, das den Landesbesitz Schlossgarten verwaltet, teilt auf Anfrage mit, dass man die Bemühungen, möglichst viele Bäume zu erhalten, "unterstützt". Man werde auch sondieren, welche Flächen des Landes für eine Verpflanzung geeignet sind. Die IHK Stuttgart geht davon aus, dass die Baum-Offerte - wenn sie erst offiziell vorliegt - bei den Unternehmen in der Region auf reges Interesse stoßen wird. "Jede Firma, die bei Bauarbeiten Bäume fällt, muss dafür Ersatz schaffen", erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter. "Wenn man die Bäume binnen drei oder vier Jahren verpflanzen könnte, wäre es noch leichter", so Richter.

Doch Spielraum gibt es kaum. "Spätestens im Februar 2012 rollt das Problem endgültig auf uns zu", warnt Dietrich. "Dann müssen wir wissen, wohin jeder einzelne Baum konkret verpflanzt werden kann. Andernfalls muss er gefällt werden."

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