Beim Erörterungstermin für Stuttgart 21 auf den Fildern zeigen sich erneut die Gräben zwischen der Bahn und den Bauern. Ein Landwirt aus Stuttgart-Plieningen erklärt, was ihn und seine Kollegen am meisten wurmt.
Plieningen - Verbesserungen für die Bauern hat Michael Gehrung als Vertreter der Plieninger Landwirte jüngst beim Erörterungstermin für den Planfeststellungsabschnitt 1.3b von Stuttgart 21 auf den Fildern gefordert. Die Kritik speiste sich aus Erfahrungen der Vergangenheit. „Bis jetzt waren die Bauprojekte auf den Fildern alle nachvollziehbar, bis auf dieMesse, für die man eine andere Lösung hätte finden können, aber das Bahnprojekt toppt alles, was unnötigen Flächenverbrauch angeht“, sagt er.
Für alle Flächen, die verbraucht würden, benötige man Ausgleichsflächen – auf Kosten der Landwirtschaft. Für 90 Prozent der Flächen, auf denen in Plieningen für Stuttgart 21 gebaut worden sei, habe man für den ökologischen Ausgleich auf Plieninger Markung Flächen gefunden: „Ob dies für den Wasserfrosch oder für die Eidechse war, alles ist in Plieningen geblieben.“ Auch für die Landwirtschaft, führt Gehrung aus, werde die Fläche nicht mehr. Circa 35 Hektar Ackerfläche seien auf der Plieninger Markung für den Bauabschnitt 1.3a weg. Was den Abschnitt 1.3b angehe, wisse man noch nicht, was komme: „Das steht noch in den Sternen.“
Wie empfindlich sind Eidechsen wirklich?
Wenn Flächen wegfielen hätten die Landwirte kaum eine Chance, im Ort eine andere Pachtfläche zu bekommen. Die Suche nach ökologischen Ausgleichsflächen, sagt Gehrung, sei sehr gewissenhaft betrieben worden: „Vor rund vier Jahren habe ich mit anderen Landwirten, mit Vertretern sämtlicher Umweltämter und der Bahn gesucht, wo man Ausgleichsflächen finden kann, die der Landwirtschaft weniger wehtun.“ Eidechsenhabitate habe man auf einem Wiesen-Areal an der Randlage des Naturschutzgebiets gefunden. „Idealer wäre es für Eidechsen nicht gegangen, aber einer hat es blockiert, weil die Fläche am Rand des Naturschutzgebiets nicht mit Schotterhaufen, in denen Eidechsen Deckung finden, versehen werden dürfe. Ein Kompromiss war nicht möglich.“ So empfindlich, wie die Vertreter des Artenschutzes behaupteten, seien die Tiere aber gar nicht: „Wenn wir auf Feldern und Wiesen arbeiten, sind die Viecher zwar immer noch in der Gegend, aber da, wo man schafft, sind sie weg. So wäre es auf der S-21-Baustelle sicher auch, aber es entstehen trotzdem Auflagen, die der Landwirtschaft wehtun.“
Probleme hätten die Landwirte auch mit den Zäunen, die das Bauprojekt mit sich bringe: „Es gibt ja nicht nur einen Zaun, sondern verschiedene: Es gibt den normalen Bauzaun, damit man nicht in die Baustelle hineinkommt, dann gibt es den Staubzaun, der den Staub abfängt, und dann gibt es die rund 50 Zentimeter hohen Amphibienzäune“, sagt Gehrung. Diese Barrieren behinderten Landwirte, die mit ihren Maschinen unterwegs seien, in ihrer Mobilität: „Wie soll da ein Mähdrescher, der fünf bis sechs Meter breit ist, noch umdrehen?“
Bauern monieren steigende Pachtpreise
Betroffen vom Bahnprojekt seien fast alle Plieninger Landwirte: „Nur einer von uns hat nichts verloren, aber den wurmt es natürlich auch, wenn der Pachtpreis steigt, weil die Flächen knapper werden.“ Er selbst, sagt Gehrung, habe fünf Hektar an Eigentum und Pachtfläche verloren. Darauf habe er Kraut, Mais, Getreide und Kürbisse angebaut: „Wenn der Betrieb halt nur 18 Hektar hat, und fünf davon gehen weg, dann ist das schon eine Zahl.“
Seine Fläche sei endgültig weg, es gebe aber Betriebe, die vorübergehend ein Baulager beherbergten und ihr Land später wiederbekämen. Die Grundfläche müsse dann aufbereitet werden: „Fünf bis sechs Jahre gehen ins Land, bis der Boden wieder so ist, wie er war. Das kennen wir vom Messebau.“ Beim kommenden Bauabschnitt 1.3b, sagt Gehrung, verliere er vorübergehend einen weiteren Hektar für ein Humus-Erdlager.
Trotz des Grolls auf die Bahn seien die Landwirte mit den Arbeitern der Baufirmen in gutem Kontakt. Einige Bauarbeiter wohnten in Plieningen, kauften dort ein, unter anderem auch Filderkraut von den Bauern. „Einige Kollegen haben gesagt, man solle mit den Bauarbeitern rauer umgehen, aber die können doch nichts für das, was sie tun müssen. Wenn aber die von der Bahn kommen, die alles verbockt haben, mit denen ist man dann schon etwas ruppiger.“