Das Land rechnet bis 2030 mit deutlich mehr Fahrgästen, es will deshalb neue Doppelstockzüge mit sehr breiten Türen bestellen.Fotos: Lichtgut/Max Kovalenko Foto:  

Die Zahl der Bahnreisenden soll bis 2030 enorm steigen. Um den erwarteten Ansturm bewältigen zu können sind Doppelstockzüge nötig. Zwei davon würden hintereinander auf ein Gleise im Tiefbahnhof passen.

Stuttgart - Die Schieneninfrastruktur des Projekts Stuttgart 21 mit dem achtgleisigen Durchgangsbahnhof reicht aus Sicht des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg aus, die prognostizierte stärkere Nachfrage im Schienenverkehr bis 2030 und den Deutschlandtakt im Fernverkehr zu bewältigen. Eine neue Untersuchung erwartet im Regionalverkehr 232 Prozent mehr Personenkilometer und 139 Prozent mehr Fahrten als 2010. Auf der S-Bahn soll der Zuwachs 35 Prozent erreichen.

Um den auch wegen des Klimawandels gewünschten Nachfragezuwachs zu bedienen, will das Land bis 2030 neue Doppelstockzüge einsetzen. Die Nahverkehrsgesellschaft des Landes (NVBW) hat dazu ein Markterkundungsverfahren gestartet. Bestellt werden sollen bis zu 220 derartige Züge mit je 860 Sitzplätzen, mindestens aber 120, jeweils 200 Meter lang. Diese Triebfahrzeuge können geflügelt (geteilt) werden. Die jetzt verkehrenden Nahverkehrszüge der NVBW könnten dann auf anderen Strecken im Land eingesetzt werden, die bis dahin elektrifiziert sein sollen.

Land wirbt für Ergänzungen zu S 21

Gerd Hickmann, Abteilungsleiter im Verkehrsministerium, sagte am Donnerstag bei der Erörterung zu dem bei S 21 in Untertürkheim geplanten neuen Abstellbahnhof, man brauche für eine Verdoppelung der Transportkapazität keine Verdoppelung der Abstellkapazitäten. Wenn nötig, könne eine Fläche beim Bahnhof in Obertürkheim zusätzlich genutzt werden. „Eine Verdoppelung der Verkehrsleistung ist machbar, darüber hinaus wird es eng“, sagte Hickmann. Das von Winfried Hermann (Grüne) geführte Ministerium nehme die Zeit nach 2030 in den Blick, es müsse möglichst viel Verkehr auf die Schiene verlagert werden. Das bedeute, man spreche mit den S-21-Partnern über spätere Ergänzungen des Systems, zum Beispiel beim Engpass zwischen Feuerbach und Tiefbahnhof, wo man auf zwei Zusatzgleise dränge. „Zur Zukunftssicherheit ist auch der Bau einer unterirdischen Ergänzungsstation am Tiefbahnhof möglich“, so Hickmann, genauso sei es bei Tangentiallinien. Wichtig sei, dass keine Option verbaut werde.

Den S-21-Gegnern bei der Erörterung in der Untertürkheimer Sängerhalle machte Hickmann keine Hoffnung, dass sich das Ministerium weiter am Tiefbahnhof abarbeite: „Wir werden keine theoretischen Was-wäre-wenn-Betrachtungen machen. Wir haben alle Hände voll zu tun, den Bahnverkehr 2025 in Gang zu bringen“. Die S-21-Infrastruktur soll im Dezember 2025 in Betrieb gehen. Ein Kritikpunkt ist, dass im Tiefbahnhof in Spitzenzeiten Doppelbelegungen, also zwei Züge an einem Bahnsteig, nötig sind. Allein 33 Nahverkehrszüge sind für die Spitzenstunde geplant, insgesamt 49 Züge insgesamt wären möglich.

Höherer Qualitätsanspruch nötig

Im Nahverkehr des Landes werden für Stuttgart viele Neufahrzeuge der Hersteller Bombardier und Stadler eingesetzt. Noch sind nicht alle ausgeliefert. Sie haben je nach Wagenzahl 210 bis 329 Sitzplätze. Die vom Land angefragten Doppelstockzüge könnten mit je 860 Sitzplätzen mehr also doppelt so viele Reisende ans Ziel bringen. In der morgendlichen Spitzenstunde sollen so in Regionalzügen 22 200 Fahrgäste – am Tag 110 000 – nach Stuttgart und zurück pendeln können.

Hickmann wurde aber nicht nur gegenüber den S-21-Gegnern deutlich, sondern auch gegenüber den Bahnvertretern. Nach den Erfahrungen mit den Qualitätsproblemen im Schienenverkehr sei das Ministerium der Auffassung, dass eine testierte „wirtschaftlich optimale Betriebsqualität“ für komplexe Infrastrukturen „nicht genügend Redundanz und Robustheit“ aufweise. Wenn die Schiene attraktiver werden solle, „müssen höhere Qualitätsansprüche gelten“, so Hickmann.

Betrieb von S 21 zur Not vorerst ohne Abstellbahnhof

Die Projektgegner stellen die Leistungsfähigkeit von S 21 in Abrede. Sie forderten am Donnerstag, den Abstellbahnhof im Rosensteinpark zu erhalten. Fraglich sei, ob es überhaupt einen neuen Abstellbahnhof in Untertürkheim auf dem Gelände des brach liegenden Güterbahnhofs brauche. S-21-Projektchef Manfred Leger habe erklärt, dass S 21 auch ohne diesen funktioniere. Florian Bitzer von der Projektgesellschaft trat dem entgegen. Ohne die neue Abstellfläche sei im Durchgangsbahnhof „weder ein leistungsfähiger noch wirtschaftlicher Betrieb möglich“. Denn „dann müssten wir Geisterzüge ganz weit durch die Region fahren, um sie abstellen zu können“. Dennoch werde man den Betrieb im Tiefbahnhof auch aufnehmen, wenn man den Abstellbahnhof nicht bis Ende 2025 in Betrieb nehmen könne. „Die Messe ist gesungen“, so Bitzer allgemein zu S 21. Der Bau des Abstellbahnhofs soll Ende 2021 begonnen werden. Es könnte aber später werden, denn ein Naturschutzverband prüft wegen der Eidechsenproblematik eine Klage.

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