Die heutige Eisenbahnbrücke über den Neckar könnte nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21 zu einem Höhenpark samt Rad- und Fußverbindung werden. Eine Studie zeigt Chancen und Hindernisse.
Die High Line in New York zieht jährlich mehr als sieben Millionen Besucher an. Seit der Eröffnung 2009 hat sich der 2,3 Kilometer lange Park auf einer erhöhten, stillgelegten Bahnstrecke zu einem weltbekannten Wahrzeichen entwickelt. Das wird sich in Stuttgart wohl kaum wiederholen lassen, dennoch könnte auch in der Landeshauptstadt ein ähnliches Projekt realisiert werden. Nach der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 – wann auch immer das nach der erneuten Verschiebung auf unbestimmte Zeit der Fall sein wird – wird die alte Eisenbahnbrücke über den Neckar überflüssig. Die Züge rollen dann über die benachbarte neue Brücke. Eine Machbarkeitsstudie der Stadt zeigt, wie die bisherige Brücke in einen Park und der dann stillgelegte Eisenbahntunnel unter dem Rosenstein als Rad- und Fußverbindung zwischen Bad Cannstatt und der Innenstadt umgewandelt werden kann.
Die historische Eisenbahnbrücke bietet eine rund 6000 Quadratmeter große Fläche
„Es ist eine städtebaulich einmalige Chance“, betonte Yannik Plachtzik vom Stadtplanungsamt bei der Vorstellung im gemeinderätlichen Ausschuss. Die 1914 erbaute Brücke prägt das Neckartal und soll dies auch weiterhin tun. In der Studie des Cannstatter Ingenieurbüros Strehle & Partner wurden drei verschiedene Szenarien untersucht: Der Erhalt, ein Teilerhalt und ein Ersatzneubau. Sollte die alte Eisenbahnbrücke komplett erhalten werden, könnte auf der 6000 Quadratmeter großen Fläche ein grüner Park für die Öffentlichkeit entstehen: „Von Freizeit- und Sportanlagen bis zu Gastronomie ist vieles denkbar“, so Plachtzik. Zeitgleich soll im Zuge der Sanierung – wie in allen drei Szenarien – in einer der beiden 330 Meter langen Tunnelröhren ein rund fünf Meter breiter Rad- sowie ein drei Meter breiter Fußweg eine direkte Verbindung zwischen Bad Cannstatt, dem geplanten Rosensteinquartier und der Innenstadt herstellen. Die Gesamtkosten werden auf rund 33 bis 47 Millionen Euro geschätzt.
Das zweite Szenario ist der Teilerhalt der Brücke. Dabei würde eine Hälfte des denkmalgeschützten Bauwerks abgebrochen. Der Radweg bliebe, ein Park könnte lediglich auf beiden Seiten des Neckars realisiert werden. Durch die technisch schwierigen Baumaßnahmen würden die Gesamtkosten auf 53 bis 72 Millionen Euro steigen. Das steigert sich beim kompletten Abbruch und Neubau in Szenario 3 auf rund 73 bis 112 Millionen Euro. Die Grünanlage würde dabei auf eine kleinen Teil auf Cannstatter Seite zusammenschrumpfen.
Die Anbindung an die Hauptradroute 1 in Richtung Fellbach soll zum Ausgleich des Höhenunterschieds über verschiedene mögliche Rampen an die Kleemann- oder auch an die Schönestraße erfolgen. Zudem sollen auch Anbindungen an beiden Ufern realisiert werden. „Das soll aber erst in einer zweiten Phase der Planung ausgearbeitet werden“, betonte Plachtzik.
Aus Sicht der Stadtverwaltung stellt das Szenario 1 die nachhaltig und funktionalste Lösung dar und soll auch weiterverfolgt werden. Da dies neben den geringsten Kosten mit geschätzt 1100 Tonnen unter anderem auch die deutlich beste CO2-Bilanz aufweist. Trotz allem Charme, den ein Höhenpark versprüht, wie alle Stadträte betonten, sieht Beate Bulle–Schmid (CDU) noch einige offene Fragen. Denn der Erhalt der alten Eisenbahnbrücke setzt voraus, dass die geplante Verlängerung der Cannstatter Neckarschleuse auf eine Länge von 135 Metern ad acta gelegt werde. „Das sehen wir nicht so.“
Denn gemäß dem 2016 verabschiedeten Bundeswasserstraßengesetz sind alle Schleusen entlang des Neckars für Schiffe mit einer Länge von 135 Metern auszubauen. Angesichts der immensen Kosten ist bislang aber nichts geschehen. Auch aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität des Bundes flößen nach derzeitigem Stand keine Mittel in die Sanierung und den Ausbau, so die Studie. Vielmehr verfolge das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Neckar eine Verlängerung der Schleusen für Schiffe mit 100 Metern Länge, „was in Bad Cannstatt auch bei dem kompletten Erhalt der alten Eisenbahnbrücke möglich ist“, so Stadtplaner Wolfgang Maier.
Einem Abbruch für die Schleusenverlängerung steht der Denkmalschutz im Weg
Generell stellt sich die Rechtslage einigermaßen verzwickt dar. Denn das Überqueren einer Bundeswasserstraße, was der Neckar nach wie vor ist, ist nur in Fällen von übergeordnetem Interesse, wie eben dem Bahnverkehr, erlaubt. Wenn die Brücke nicht mehr für die Zugverbindungen genutzt wird, müsste die Stadt daher mit dem WSA über ein neues Recht verhandeln. Einem möglichen Abbruch steht der Denkmalschutz, der das mehr als 100 Jahre alte Bauwerk als äußerst schützenswert einstuft, im Weg. Und nicht zuletzt gilt es mit der Deutschen Bahn noch einen Preis für die alte Eisenbahnbrücke zu finden.
Dennoch soll die Stadt nach dem Willen dem Stadträte die Idee eines Erhalts weiterverfolgen, die notwendigen Gespräche führen sowie die Pläne weiter vorantrieben. Nicht zuletzt durch den Gewinn der neuen Radwegeverbindung, die angesichts von jährlich mehr als einer Millionen Radler an der Engstelle der König-Karls-Brücke zum Schlossgarten aus Sicht von Björn Peterhoff (Grüne) und Stefan Conzelmann (SPD) dringen erforderlich. „Es bringt der Stadt einen deutlichen Mehrwert“, ist Peterhoff überzeugt – nach New Yorker Vorbild.