Eine Stuttgarter Mauereidechse – wie es mit ihr und ihren Artgenossen auf dem Gelände in Untertürkheim weitergeht, ist immer noch nicht klar. Foto: dpa/Sina Schuldt

Nicht zuletzt wegen 6000 streng geschützter Eidechsen entpuppt sich der geplante Abstellbahnhof in Untertürkheim für die Bahn als Problemfall. Mitte Januar sollen die Antragsunterlagen nun öffentlich erörtert werden.

Stuttgart - Seit Jahren muss die Bahn ihre Antragsunterlagen für den geplanten Stuttgart 21-Abstellbahnhof in Untertürkheim immer wieder ändern und nachbessern. Jetzt geht das Verfahren auf die Zielgerade. Die zuständige Anhörungsbehörde, das Stuttgarter Regierungspräsidium (RP), plant nach Informationen unserer Zeitung eine öffentliche Erörterung am 15. und 16. Januar in der Untertürkheimer Sängerhalle. RP-Sprecherin Julia Christiansen bestätigt einen Termin Mitte Januar. Einzelheiten würden derzeit noch abgestimmt und rechtzeitig vorher bekannt gegeben.

Bei dem Termin wird es auch um zahlreiche Einwendungen zu den Planfeststellungsunterlagen gehen. Die Frist dafür ist bereits am 12. August abgelaufen. „Im Verfahren wurden rund 370 Einwendungen vorgebracht. Einwendungsschwerpunkte sind die Themen Lärm und Artenschutz“, sagt Christiansen. Gerade der Artenschutz hat die Bahn zuletzt vor massive Probleme gestellt. Denn auf dem Gelände fühlt sich die Stuttgarter Mauereidechse pudelwohl. Eine Art, die sehr speziell ist und nur innerhalb der Landeshauptstadt umgesiedelt werden darf. Selten allerdings ist die Spezies nicht – weder in der Stadt generell, wo laut Gutachten mindestens 140 000 Tiere vermutet werden, noch auf dem Untertürkheimer Areal. Die Bahn geht dort von 6000 Mauereidechsen aus. Im Untersuchungsgebiet sei „eine hohe Anzahl in hoher Individuendichte nachgewiesen“, heißt es dazu in den Unterlagen. Nur: Die Bahn findet innerhalb Stuttgarts keine ausreichenden Flächen mehr, um eine derart große Zahl von Tieren unterzubringen.

Schicksal der Mauereidechsen nach wie vor unklar

Ganz ohne Erfolg ist die jahrelange Suche nach geeigneten Arealen aber offenbar doch nicht geblieben. So glaubt man bei der Bahn wohl, zumindest einen Teil der streng geschützten Eidechsen umsiedeln zu können. Allerdings bei weitem nicht alle – und so greift man in den Antragsunterlagen zu einem Kniff, der die Genehmigungsbehörden gehörig unter Druck setzen dürfte. „Es wird angestrebt, möglichst alle durch das Vorhaben betroffenen Mauereidechsen auf die zur Verfügung stehenden Maßnahmenflächen unter Inkaufnahme eines unzureichenden Habitatflächenumfangs und einer erhöhten Verdichtung umzusiedeln, um eine Schädigung und Tötung im Baufeld zu vermeiden“, heißt es da.

Sprich: Das zuständige Eisenbahn-Bundesamt (Eba) soll genehmigen, die Tiere auf zu kleine Flächen umzusiedeln, um sie zu retten. Und falls dem nicht stattgegeben wird? Dann beantragt die Bahn hilfsweise, die Tiere, für die Ersatzflächen vorhanden sind, mit Reptilienangeln umzusiedeln und alle anderen eben nicht. Sie sollen „im Baufeld belassen“ werden. Das Eba hätte demnach also die Qual der Wahl, auf welche Weise der Artenschutz ausgehebelt werden soll – oder ob man die Bahn komplett ausbremst. Ein Dilemma für alle Beteiligten.

Naturschutzbehörde ist das Zünglein an der Waage

Zünglein an der Waage könnte dabei die höhere Naturschutzbehörde beim Stuttgarter Regierungspräsidium spielen. Sie ist als Träger öffentlicher Belange gehört worden und hat inzwischen eine Stellungnahme zur artenschutzrechtlichen Lage abgegeben. Auf dieser Grundlage wird das Eba letztlich entscheiden. Wie diese Einschätzung ausgefallen ist, will man beim RP nicht verraten. Man wolle dem Eba nicht vorgreifen, heißt es. Klar ist aber: Angesichts der hohen Zahlen an Stuttgarter Mauereidechsen im Stadtgebiet dürfte es schwer werden, die praktisch unmögliche Umsiedlung aller Tiere zu fordern.

Die Entscheidung, wie immer sie ausfällt, dürfte auch für zahlreiche weitere Bauherren wegweisend sein. Denn mit Mauereidechsen auf Baugrundstücken hat natürlich nicht nur die Bahn zu tun. Aber derzeit eben besonders sie.

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