Nichts außer dem Straßennamen (Bebenhäuser Hof) erinnert heute daran, dass sich das Dreifarbenhaus, das größte Bordell der Stadt, auf sakralem Grund befindet. Der Stuttgarter Pflegehof des Bebenhäuser Klosters stand einst hier.
Stuttgart - „Kaiser’s“ steht über der ausgefahrenen Markise. An der Ecke Hirschstraße/Bebenhäuser Hof, weniger Schritte vom Stuttgarter Rathaus entfernt, befindet sich 1942 ein Kaffeegeschäft, das nach Josef Kaiser benannt ist, nach dem Gründer eines Imperiums. Ein großer Teil des Umsatzes hatte die Familie Kaiser im späten 19. Jahrhundert durch Hausieren gemacht – sie ging mit einer Karre durch die Straßen und bot die grünen Kaffeebohnen an.
Mit seiner Idee, den Kaffee geröstet und nicht, wie bisher üblich, roh und grün zu verkaufen, hatte Josef Kaiser durchschlagenden Erfolg. Immer mehr Läden eröffnete er. 1939 besaß der ehrgeizige Kaufmann aus Westfalen bereits 1900 Filialen, unter anderem eine in Stuttgart. Bis in den 1970er gab es das „kaiserliche“ Kaffeehaus, ehe das Unternehmen in Tengelmann aufging.
1957 wurde das Dreifarbenhaus am Bebenhäuser Hof eröffnet
Kaiser’s befand sich am Bebenhäuser Hof, also zwischen dem Rathaus und dem einstigen Pflegehof des Klosters Bebenhausen. Ein Pflegehof war eine Art Wirtschaftshof, die Außenstelle eines Klosters in der Stadt, die vor allem dem Handel diente. Im Zweiten Weltkrieg blieb nur ein Trümmerfeld davon übrig – damit ist auch die Außenstelle des Zisterzienserklosters zerstört worden.
Aus einem bereits 1298 urkundlich erwähnten Gebäude ist Ende des 15. Jahrhunderts mit dem Bau des Stuttgarter Hofs des bei Tübingen gelegenen Klosters begonnen worden. Drei hohe Arkaden mit spitzem Bogen zeugten von der einstigen Kirche an dieser Stelle. Nach einer Inschrifttafel zwischen dem zweiten und dritten Spitzbogen ist der Pflegehof im Jahr 1502 unter Abt Johann von Friedingen fertiggestellt worden.
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Der gute Abt konnte nicht ahnen, dass sich am historischen Ort einmal das angeblich älteste Gewerbe der Welt niederlassen würden. Als sich nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges der käufliche Sex in Ruinen ausgebreitet hat, wollte die Stadt die „Trümmerhuren“ vertreiben und gab 1957 grünes Licht für den zuhälterlosen Lustvollzug.
Bei der Eröffnung des „Hotels Garni“, wie das aus Einzelzimmern bestehende Gebäude zunächst hieß, war die Besitzerin Elena Bihler 57 Jahre alt. Über hundert ist sie geworden. 46 Geschäftsleute hatten vergeblich gegen die Pläne von Frau Bihler geklagt, die jedoch OB Arnulf Klett auf ihrer Seite hatte. Er wollte, dass die Prostituierten von der Straße wegkamen.
Die Doppelmoral ärgerte die einstige Chefin
Ein Ehepaar mit gastronomischer Erfahrung übernahm die Verwaltung des Hauses, das in den Frankreich-Farben gestrichen wurde, weil man den Nachbarn in Sachen Sinnenfreuden mehr zutraute. Nach dem Tod des Geschäftsführers übernahm seine Frau dessen Job gleich mit. Bis ins hohe Alter kochte sie für ihre „Mädels“ und suchte die anschaffenden Mieterinnen aus.
Die Doppelmoral und die damals übliche Diskriminierung ärgerten die einstige Chefin sehr. Das Arbeitsamt, erzählte sie einmal, habe ihr keine Putzhilfen vermittelt, weil dieses Haus keiner Frau zuzumuten sei. Und im Winter habe sich eine Firma geweigert, Streusalz an diese Adresse zu liefern. Auf der Facebook-Seite des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album erinnert sich Lars Baumann an seine Arbeit bei Hertie: „Wir konnten vom Schulungsraum aus auf den Eingang sehen. War spannend, da wir gewettet haben, wer rein geht. Der Einsatz betrug 50 Pfennig.“
Das als „Musterbordell“ mit kommunaler Hilfe eröffnete Laufhaus hatte in den Anfangsjahren nur bis 23 Uhr auf – und blieb sonntags mit Rücksicht auf die Kirchgänger geschlossen. In der Pandemie hat das Haus mit den drei Farben freilich werk- wie sonntags geschlossen. Die Erinnerungen an den Klosterhof sind hier nicht mehr sehr präsent. Die Straße Bebenhäuser Hof führte einst von der Hirschstraße gerade aus und bog nach links ab. Heute kann man bis zum Josef-Süß-Oppenheimer-Platz durchlaufen.