Serhou Guirassy hat fast ein Drittel der Bundesligatore des VfB Stuttgart in dieser Saison erzielt. Der Wert des Stürmers misst sich aber nicht nur daran. Findet zumindest Bruno Labbadia.
Für alle Kontrahenten von RB Leipzig gibt es derzeit ja eigentlich einen Grund zum Durchatmen: Christopher Nkunku ist verletzt und damit derzeit nicht einsatzbereit. Der Franzose, der sich noch vor der WM einen Außenbandriss im Knie zugezogen hatte, ist eigentlich der Top-Torschütze (zwölf Saisontreffer) der Leipziger. Allerdings: Auch ohne Nkunku ist der Sturm des Tabellendritten alles andere als ein laues Lüftchen.
Da gibt es Timo Werner (5), André Silva (4), Emil Forsberg, Dani Olmo (je 2) und auch noch Yussuf Poulsen. Dieses Quintett ist fit, spielfreudig, gefährlich und fast ebenso torhungrig wie der verletzte Kollege. Was der VfB Stuttgart an diesem Freitag dagegensetzt, wenn die Weiß-Roten in Leipzig antreten? Vor allem einen: Serhou Guirassy.
Zwölf Spiele erst hat der Stürmer für den VfB Stuttgart bestritten – doch mit Blick auf die jüngsten Auftritte der Mannschaft reden einige schon davon, er sei eine Art Lebensversicherung für das Team. Mindestens aber ein Alleinunterhalter, weil er sechs der insgesamt 21 Treffer des VfB in dieser Saison erzielt hat, weil er als einziger Offensiver der Stuttgarter konstante Leistungen zeigt und weil zwei der drei Tore aus den ersten beiden Partien des Jahres auf sein Konto gehen. „Er ist einer“, sagt Fabian Wohlgemuth, der Sportdirektor des VfB, „der immer vorangeht.“
Kaum Konstanz in der VfB-Offensive
In der nach wie vor jungen Mannschaft des VfB Stuttgart gibt es davon nicht allzu viele, vor allem in der Offensive haben die Kollegen um Guirassy herum oft mehr mit sich selbst und ihren Formschwankungen zu tun als mit den gegnerischen Verteidigern. Silas Katompa (drei Saisontore in der Bundesliga) ist einer davon und nun auch verletzt. Chris Führich (2) musste sich in der Winterpause zwei kleineren Operationen unterziehen. Tiago Tomas (2) fehlt oft die Durchschlagskraft, zudem fällt der Portugiese nun ebenfalls verletzt aus. Luca Pfeiffer (0) ist noch lange nicht der Unterschiedsspieler, der er in der zweiten Liga bei Darmstadt 98 gewesen ist. Und Thomas Kastanaras überzeugte den Trainer Bruno Labbadia zwar durch Fleiß und Lernbereitschaft, ist als 20-Jähriger aber noch weit entfernt davon, ein gestandener Bundesliga-Stürmer zu sein.
Bleibt also Serhou Guirassy, der ehemalige Kölner (2016 bis 2019) als größte Hoffnung auf Tore. Doch der VfB braucht ihn nicht nur deswegen. „Vor allem in den vergangenen beiden Spielen hat er seinen Wert gezeigt“, sagt Labbadia über seinen Angreifer – und betont: „In vielen Bereichen.“ So sei der 26-Jährige keiner dieser Angreifer, die vorne warten, bis ihnen der Ball aufgelegt wird. „Er malocht für die Mannschaft“, lobt der Coach, „er bringt sich für das Team ein.“
Auch gegen den Ball sei er ein wichtiger Spieler, zudem bietet er eine wichtige Anspielstation, wenn der VfB mit einem hohen Ball dem gegnerischen Druck entgehen möchte. „Man kann ihm taktisch Dinge mitgeben“, sagt Labbadia, dessen Vorgänger Pellegrino Matarazzo den Stürmer Guirassy als taktisch intelligent bezeichnete. Fabian Wohlgemuth ergänzt: „Er zeigt keine wechselvolle Laufbereitschaft, sondern gibt von der ersten bis zur letzten Minute Vollgas.“ Und auch in der Kernkompetenz eines Stürmers sieht man Guirassy überzeugend.
Der VfB besitzt eine Kaufoption
Acht Großchancen hat der Franzose, der für Guinea spielt, in dieser Spielzeit der Bundesliga gehabt, sechs davon hat er genutzt. Zwar ist er kein Sprintertyp wie etwa Silas Katompa, der in der Spitze 2,5 Kilometer pro Stunde schneller ist als sein Teamkollege, sein Gespür für die richtigen Situationen hat er aber schon bewiesen. „Er hat“, sagt Labbadia, „einen richtig guten Abschluss.“ Das Zwischenfazit des Trainers: „Er hat für uns einen hohen Wert, und ich hoffe, dass er so weitermacht.“ In dieser Saison, damit dem VfB der Klassenverbleib gelingt. Und womöglich darüber hinaus.
Für ein Jahr ist Serhou Guirassy vom französischen Erstligisten Stade Rennes ausgeliehen. Der VfB zahlt nur das Gehalt von rund zwei Millionen Euro, keine Leihgebühr – und hat danach eine Kaufoption in Höhe von neun Millionen Euro. Sven Mislintat, der Guirassy als damaliger Sportdirektor des VfB nach Stuttgart geholt hat, hält diesen Betrag für „unter Marktwert“. Beim Online-Portal Transfermarkt.de wird Guirassy derzeit auf zehn Millionen Euro taxiert.
Marktwerte, Statistiken, Daten – interessant, aber am Freitagabend eher unwichtig. Dann will der VfB endlich mal in Leipzig überraschen (bisher vier Niederlagen). Wie das gelingen kann? Mit Treffern von Serhou Guirassy – und möglichst wenigen von Timo Werner, André Silva, Emil Forsberg, Dani Olmo und Yussuf Poulsen.