Die Geschichte um die Identitätsfälschung des VfB-Stürmers Katompa Mvumpa erregt große Betroffenheit. Doch ist sie ein klassischer Fall im Umgang mit Fußballern aus Afrika – mit einem entscheidenden Unterschied.
Stuttgart - Die Bestürzung über die Abgründe des modernen Profifußballs ist groß, wieder einmal. Nicht nur in Deutschland erregt es großes Aufsehen, das Schicksal des kongolesischen Stürmers Silas Katompa Mvumpa, der in die Fänge zwielichtiger Spielervermittler geriet, der dazu gedrängt wurde, seinen Namen und sein Geburtsdatum zu ändern, dem das Gehalt vorenthalten wurde, ehe beim VfB Stuttgart sein großer Aufstieg begann. Seine bedrückende Geschichte erzählte VfB-Sportdirektor Sven Mislintat, als er den Fall am Dienstag öffentlich machte: „So etwas wünscht man keinem, so etwas darf nicht sein.“
Damit hat Mislintat ohne Zweifel recht. Doch gehört zur Wahrheit auch, dass es tausende andere junge Afrikaner wie Silas gibt, die der Armut in ihrer Heimat entfliehen, ihr Glück in Europa suchen und ein ganz ähnliches Schicksal erleiden. Der entscheidende Unterschied: auf das Happy End hoffen sie vergebens, weshalb ihre Geschichten in den meisten Fällen nicht den Weg an die Öffentlichkeit finden.
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Es ist ein System der Ausbeutung und des Menschenhandels, das von Agenten in Afrika mit kriminellen Methoden befeuert und von den europäischen Clubs auf ihrer Suche nach billigen, Profit versprechenden Arbeitskräften bereitwillig am Leben gehalten wird. „Jeder, der sich auf dem Transfermarkt auskennt, weiß genau, wie dieses System funktioniert. Und weil so viele davon profitieren, gibt es niemanden, der entschlossen dagegen vorgehen würde“, sagt Barthélémy Gaillard.
Der 32 Jahre alte Franzose hat gemeinsam mit seinem Autorenkollegen Christophe Gleizes neun Monate lang in Westafrika recherchiert, um den Ursprüngen der zigtausendfach geplatzten Träume auf den Grund zu gehen. Ein erschütterndes Bild zeichnen die beiden Journalisten in ihrem 2018 erschienenen Buch „Magique système“ über die „moderne Versklavung afrikanischer Fußballer“. Gaillard spricht von „einer Form des Neokolonialismus, angepasst ans europäische Fußballgeschäft. Der afrikanische Spieler wird als Ware betrachtet, wie ein Kilo Baumwolle oder Kakao.“
Die Verheißung auf ein sorgloses Leben in Europa
Nach Schätzungen der in Paris ansässigen Vereinigung „Foot solidaire“ machen sich jährlich sechstausend minderjährige Kicker aus Afrika auf den Weg nach Europa. Agenten vor Ort sorgen für permanenten Nachschub, indem sie auf den Bolzplätzen Kongos, Ghanas oder der Elfenbeinküste Talente ansprechen und ihnen Probetrainings bei großen Clubs in Europa in Aussicht stellen. Es ist die Verheißung auf ein sorgloses Leben, es scheint das Ticket ins Glück, für das die Familien der Spieler ihre gesamten Ersparnisse zusammen kratzen. „Für sie ist ein Fußballprofi in der Familie wie eine Ölquelle im eigenen Garten“, sagt Gaillard.
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3000 bis 5000 Euro kassieren die Vermittler in Afrika, um die Spieler nach Europa zu bringen. Dort angekommen wird von den vollmundigen Versprechungen wenig bis nichts eingelöst. Mit einem halben Dutzend anderer Spieler leben die vermeintlichen Stars der Zukunft im gleichen Zimmer und haben ihre Pässe abzugeben; wenn sie viel Glück haben, landen sie bei einem Amateurclub in Portugal oder Spanien, bei etwas weniger Glück in Thailand oder dem Iran – ansonsten irgendwann auf der Straße. Keine Option stellt in den meisten Fällen die Rückkehr nach Afrika dar, weil entweder das Geld fehlt oder die Scham zu groß ist, es nicht geschafft zu haben. Die absolute Ausnahme ist ein Fall wie Silas Katompa Mvumpa, der es auf verschlungenen Wegen zum gefeierten Profi in der Bundesliga geschafft hat.
Die meisten Fußballer aus Afrika ändern Alter oder Identität
„Sehr positiv“ findet es Gaillard, dass der VfB Silas’ Geschichte so offensiv publik gemacht hat – ihm ist kein anderer Fall bekannt, in dem ein Club auf diesem Niveau Ähnliches getan hätte. Für „wenig überraschend“ hingegen hält der Autor den Ablauf der Anfangszeit auf dem verheißenen Kontinent: „90 Prozent der afrikanischen Spieler sind irgendwann dazu gezwungen, ihr Alter oder ihre Identität zu ändern.“ Die meisten von ihnen ließen sich mit Hilfe von Bestechungsgeldern schon in ihrer Heimat neue Papiere ausstellen; der Rest werde in Europa dazu gedrängt – von ihren Vermittlern, sehr häufig aber auch von Clubs, die damit die Wurzeln nach Afrika kappen und die Zahlung von Ablösen oder Ausbildungsentschädigungen umgehen wollen.
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Auch dass Silas zunächst in Belgien gelandet ist, wundert den Afrika-Experten aus Paris nicht. Schon seit Jahren sei das Land im Fußball „Drehscheibe des Menschenhandels“ – nicht zuletzt für Spieler wie Silas aus der ehemaligen belgischen Kolonie Kongo. Beim RSC Anderlecht landete er 2017 für ein dreimonatiges Probetraining – bei jenem Club also, der in der Vergangenheit schon mehrfach dadurch aufgefallen sei, mit unlauteren Methoden Zahlungen an die Heimatvereine der Spieler vermieden zu haben. „Dort ist jedes Mittel recht, um an billige Spieler aus Afrika zu kommen“, sagt Gaillard.
Nicht gerade den besten Ruf genießt im Übrigen auch Paris FC, von dem der VfB im Sommer 2019 für acht Millionen Euro Silas verpflichtet hat. Erst am Montag bestätigte die Fifa das bereits Ende April verhängte vorübergehende Transferverbot für den französischen Zweitligisten. Der Grund: Tricksereien beim Transfer eines Spielers mit dem Ziel, „die Bestimmungen betreffend der Ausbildungsentschädigung zu umgehen“.