Ein Vollzeitstudium mit 40? Immer häufiger wagen sich Ältere wie die 49-jährige Aline Lermer aus Bietigheim-Bissingen erneut in den Hörsaal, obwohl es ihnen nicht leicht gemacht wird.
Tübingen - Es hat eine Weile gedauert, bis Aline Lermer zu ihrer Berufung gefunden hat. „Ich bin fasziniert von Künstlicher Intelligenz und will eines Tages als Forscherin die Zukunft der Menschheit mitgestalten“, sagt die 49 Jahre alte Studentin, die an der Universität Tübingen Kognitionswissenschaften im dritten Semester studiert. Dass sie sich bereits am Fach Informatik die Zähne ausbeißen musste, hat sie nicht von ihrer Vision abbringen können. „Ich bin schon oft im Leben gestolpert und habe mich wieder gefangen“, sagt sie. „Außerdem habe ich keine Zeit zu verlieren.“
Aline Lermer gehört zu einem kleinen, aber wachsenden Kreis von 40-plus-Studenten. Laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg waren vor 20 Jahren 1872 Vollzeitstudenten dieser Altersgruppe an den staatlichen Hochschulen immatrikuliert, im Wintersemester 2018/19 waren es 2815. Hinzu kommen 2236 Studenten aus Baden-Württemberg, die an der Fernuniversität Hagen immatrikuliert sind (2003 waren es 1199), und schätzungsweise weitere 100, die an Privathochschulen studieren. Dass im Südwesten 2017 eine Semestergebühr von 650 Euro für ein Zweitstudium eingeführt wurde, hat den Trend kaum gedämpft.
In der Lebensmitte ist die Bereitschaft groß, neue Wege einzuschlagen
Pasqualina Perrig-Chiello überrascht diese Entwicklung nicht. Die Schweizer Psychologieprofessorin hat sich in ihrer Forschung auf die Lebensmitte konzentriert. „Das ist die Zeit der Bilanzierung“, sagt sie. Da fragten sich viele: „Was habe ich erreicht? Will ich die zweite Lebenshälfte so weitermachen?“ In dieser Phase sei die Bereitschaft groß, sich neu zu definieren und auch unbequeme Wege wie ein neues Studium einzuschlagen. „Auch die meisten Scheidungen fallen in diese Zeit.“
Ein weiterer Aspekt: Die Prioritäten ändern sich. In jungen Jahren spielten bei der Studienwahl häufig Status und Sicherheit eine Rolle, beobachtet Perrig-Chiello. Die Frage, welche Tätigkeit einen erfüllt, stellten sich viele erst später – wenn Geld und Status kein Antrieb mehr sind. Doch während vor 20 Jahren vielen Menschen noch der Mut fehlte, aus der konventionellen Abfolge der Lebensphasen – Schule, Ausbildung, Erwerbsleben, Rente – auszuscheren, beobachtet die Psychologin heute eine zunehmende „Destandardisierung“. „Das schlägt sich ja auch in der Bildungslandschaft nieder“, sagt Perrig-Chiello. „Heute ist es kein Problem mehr, mit 40 Jahren das Abitur nachzuholen. Und niemand schaut schief, wenn man berufsbegleitend studiert.“
Mit 18 Jahren ist vielen Status und Karriere wichtig
Dass sich die Prioritäten verschieben, hat auch Aline Lermer erlebt. Die gebürtige Brasilianerin, die mit ihrem Mann in Bietigheim-Bissingen lebt, hat nach dem Abitur Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert. „Das klang chic. Ich wollte in der Marketingabteilung einer großen Firma arbeiten und Karriere machen“, erinnert sie sich. Doch schon bei ihren ersten Arbeitseinsätzen im Bereich Merchandising fühlte sie sich fehl am Platz. Statt sofort umzusatteln, arbeitete sie jahrelang für Banken und andere Dienstleister, zuletzt für ein Logistikunternehmen.
Vor zwei Jahren überkam sie dann eine Art Torschlusspanik. „Ich spürte, dass es so nicht weitergehen kann.“ In diesen Tagen erinnerte sie sich an den Vater, einen Mediziner, der ihr Faszinierendes über Gehirn und Nervensystem des Menschen erzählt hatte. Als sie auf der Webseite der Tübinger Universität auf den jungen, interdisziplinären Studiengang Kognitionswissenschaften stieß, gab sie sich einen Ruck. Seither pendelt sie zwischen Bietigheim-Bissingen und Tübingen, wo sie sich ein Zimmer gemietet hat. Wie sie das bezahlt? „Ich habe Ersparnisse, arbeite in Teilzeit und habe einen netten Mann, der mich unterstützt.“
Die Finanzierung sei in dieser Altersgruppe der größte Hemmschuh, berichtet Birgit Grunschel, die Leiterin der Zentralen Studienberatung an der Uni Tübingen. Denn mit 40 ist man weder für das Bafög noch für einen staatlichen Bildungskredit berechtigt. Erschwerend kommt hinzu, dass Studenten nur in beschränktem Umfang neben dem Studium arbeiten dürfen. Auch die Arbeitgeber scheinen ab einem gewissen Alter nicht mehr in die Bresche springen zu wollen. „Unsere 40-plus-Studenten sind alles Selbstzahler“, sagt Lutz Hoffmann von der FOM Hochschule für Oekonomie & Management, der bundesweit größten Privathochschule. Von den Jüngeren werde dagegen jeder dritte vom Arbeitgeber unterstützt. Dabei betonen Wirtschaftsverbände immer wieder die Rolle von Weiterbildung. „Es ist richtig, dass sich die Menschen nach Ausbildung oder Studium weiterbilden. Für einen Erfolg in der Arbeitswelt ist das unabdingbar, denn die Anforderungen nehmen angesichts Digitalisierung und immer kürzerer Innovationszyklen weiter zu“, sagt Wolfgang Epp von der IHK Reutlingen, der landesweit für das Thema Weiterbildung zuständig ist.
Die Gruppe 40plus zeichnet sich aus durch hohes Engagement
Zweifel daran, dass sich eine Investition in 40-plus-Studenten lohnt, zerstreut Hoffmann, der 2014 das vom Bund geförderte Projekt „Erfolgreich studieren 40 plus“ geleitet hat. Diese Gruppe müsse sich zwar wieder ans wissenschaftliche Arbeiten gewöhnen. Dafür zeichnet sie sich aus durch „eine hohe intrinsische Studienmotivation, Engagement und eine kritische und anspruchsvolle Haltung gegenüber den Lehrenden“.
Damals monierten Hoffmann und seine Mitstreiter, dass es für Ältere, die berufsbegleitend studieren, keine Informationsportale gebe. Sie müssten aufwendig im Netz recherchieren und Hochschulen einzeln ansprechen. Die Hochschulen wiederum sollten dieser Zielgruppe entgegenkommen, etwa mit Infoveranstaltungen oder Auffrischungskursen von Problemfächern wie Mathematik. „Bis heute hat sich nicht viel getan“, bedauert Hoffmann. Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium sieht keinen Handlungsbedarf: „Ältere Studieninteressierte finden in dem Studienangebot eine große Auswahl, um sich auf die ändernden Anforderungen am Arbeitsmarkt einstellen zu können“, heißt es von dort.