Die schräge Groteske „fort schreiten“ zwischen weit entfernter Vergangenheit und Zukunft ist im Studio-Theater zu sehen. Damit legen die neuen künstlerischen Leiterinnen einen vergnüglichen Start hin.
Dieses Stück spielt mal im Jahr 2413 n. Chr., aber auch 11 000 vor Chr., es schaut tollkühn in die Zukunft und amüsant in die Vergangenheit. Schauplatz der Groteske „fort schreiten“ von Konstantin Küspert aus dem Jahr 2020, jetzt im Studio-Theater zu sehen, ist ein Raumschiff von 700 Meter Länge und mit 500 Menschen Besatzung. Da die Erde nicht mehr „wohnlich“, sondern vom Menschen kaputtbewohnt ist, macht sich das Raumschiff „Granda Paso“ 2075 ins All auf zu einem bewohnbaren Planeten mit einer Existenzmöglichkeit für die Menschheit. Der ist bloß schlappe zwei Lichtjahre von der Erde entfernt. Kommandantin Alix (kühl-vernünftig: Caroline Sessler) ist in der Raumkiste geboren, die schon seit 155 Jahren durchs All saust.
Große Plastikballons, mimen auf der Bühne Planeten. Die fünf Akteure sind in hellblaue Astronautenanzüge gewandet, die an Science-Fiction-Filme der sechziger Jahre erinnern.
Eckig wie Automatenfiguren
Michaela Springer (Ausstattung) hat für die Produktion diverse witzige Kostüme entworfen. Im Raumschiff agiert eine eigenartige Truppe. Neben der Kommandantin sind das Chefingenieur Klio (Björn Luithardt), Gewerkschafter Ponto (immer locker: Tobias Wagenblaß) und ein Hausmeister namens Roboclean, den Uwe-Peter Spinner als einen liebenswert Unzeitgemäßen spielt.
Alle bewegen sich bisweilen eckig wie Automatenfiguren und sprechen ein herrlich technizistisches Kauderwelsch. Was zum Beispiel ist ein Hydrazintank?
Eine beängstigende Figur ist Kim, eine „selbstverbessernde“ KI in Gestalt einer Frau. Angela Neis spielt sie glänzend als arrogantes Großmaul: „Ich werde immer schlauer und kann nichts dagegen tun.“
Ein Riesenproblem entsteht, als ein Asteroid auftaucht, der in 46 Stunden mit der Zukunftsfähre zusammenstoßen wird. Die Menschen an Bord sind komplett fremdbestimmt, es gibt „Missionsparameter“, die genau festlegen, wie der Flug abzulaufen hat, und dann wird es richtig spannend.
Die Klimakrise macht die Erde unbewohnbar
Amüsant sind die historischen Rückblicke. In der Altsteinzeit schnappt der Hausherr sich den Speer, muss aber den Müll hinuntertragen. Carl Benz wünscht sich als traumhafte Zukunftsvision Straßen, die prallvoll mit „Automobilen“ sind.
Nah an der Gegenwart mit ihrem Hauptproblem der Klimakrise ist Konstantin Küsperts recht philosophischem Stück mit seiner ziemlich absurden Idee einer Besiedlung des Alls. Von Gott ist immer wieder die Rede. „Die Erde ward wüst und leer“, heißt es in der Genesis. Das hört man mit Blick auf die Gegenwart ganz neu. „Warum habe ich diese Vollidioten erschaffen?“, fragt sich Gott im Stück und meint natürlich die Menschen. Nadine Klante hat das alles stimmig inszeniert. Gemeinsam mit Daniela Urban, die bei „fort schreiten“ die Dramaturgie besorgte, leitet sie ab dieser Spielzeit das „Studio-Theater“ künstlerisch. Der Auftakt mit dieser ersten schön schrägen und vergnüglichen Produktion ist geglückt.
Nächste Aufführungen 23., 25. und 26. Oktober.