Etwa ein Viertel der Studierenden hierzulande leidet Studien zufolge unter Stress, jeder sechste ist sogar psychisch erkrankt. Dabei galten junge Akademiker lange als wenig anfällig. Was steckt dahinter?
Stuttgart - Die Panik kam meist vor den Prüfungen. Sie vergaß zu essen, saß bis tief in der Nacht in der Bibliothek, fand kein Ende – und keine Zeit mehr für andere Aufgaben. Wenn Susanne Seibel (Name geändert) nachts todmüde nach Hause kam, konnte sie nicht einschlafen, weil die Angst die Gedanken kreisen ließ. Sprach jemand sie darauf an, reagierte sie gereizt, manchmal brach sie in Tränen aus. Irgendwann wurde der Druck zum ständigen Begleiter ihres Studiums, jede Aufgabe wurde zur Qual. „Ich hatte ständig Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden, schlechte Noten zu bekommen, nicht gut genug für einen Job in einem umkämpften Bereich zu sein“, sagt Susanne Seibel, 28, heute, zwei Jahre später. Das Gefühl ging nicht weg, obwohl sie im Studiengang Politikwissenschaften eine der Besten ihres Jahrgangs war. Eine „depressive Verstimmung“ nannte die Psychologin in der Beratungsstelle des Studierendenwerks das damals. Sie befand, dass Susanne Seibel unter Leistungsdruck und Versagensangst litt. Und damit kein Einzelfall sei.
Immer mehr Studierende, das zeigen Studien, leiden unter psychischen Problemen und Stress. Ein Viertel fühlt sich einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschulforschung zufolge „stark gestresst“. Für die Studie wurden im vergangenen Jahr mehr als 6000 Studierende online befragt. Vor allem junge Frauen klagten über Probleme. Jede fünfte Studentin, so die Studienleiter, habe Symptome einer generalisierten Angststörung gezeigt, also Nervosität, Ängstlichkeit, Anspannung. Auch Anzeichen einer depressiven Verstimmung seien bei ihnen häufig.
Immer mehr Studierende suchen Beratung
Erhebungen der Krankenkassen zeigen zudem, dass jede oder jeder sechste sogar psychisch erkrankt, wie es im jüngsten Arztreport der Barmer-Krankenkasse heißt. Die AOK hat für unsere Zeitung die Zahlen für Baden-Württemberg ausgewertet: Demnach wurde bei etwa 25 Prozent der Studierenden im vergangenen Jahr eine psychische Erkrankung diagnostiziert, bei zehn Prozent sogar mehrfach. Wer sich nicht behandeln lässt oder wer zwar nicht krank ist, aber psychisch belastet, wird gar nicht erfasst.
Ob der Anteil derjenigen tatsächlich zunimmt, die psychische Probleme haben oder gar krank werden, sei schwer einzuschätzen, sagt die Diplompsychologin Barbara Kurth von der Beratungsstelle des Studierendenwerkes Tübingen-Hohenheim. Vor der Tür zu ihrem Büro hängen Artikel mit Tipps zur Stressbewältigung, von dem hellen Raum aus blickt sie über den Hohenheimer Campus. Für viele ist die Beratungsstelle eine erste Anlaufstelle. Zwar steigen die Zahlen derjenigen, die Beratung suchen, sagt Kurth, doch an den Hochschulen sind auch immer mehr Studierende eingeschrieben. Und die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, sei in den vergangenen Jahren gesunken, weil die Sensibilität für psychische Belange gestiegen sei.
Der Leistungsdruck nimmt zu
„Klar ist auf jeden Fall: Die Studierenden empfinden stärkeren Leistungsdruck“, sagt Kurth. Das löse zwar nicht unbedingt eine psychische Erkrankung aus, aber häufig depressive Verstimmungen, Erschöpfung, Selbstwertprobleme, Ängste. „Viele haben zumindest das Gefühl, enorm hohen gesellschaftlichen und eigenen Erwartungen gerecht werden zu müssen – und sind überfordert.“ Sie beobachtet: Junge Wirtschaftswissenschaftler beispielsweise wollen nicht nur gut im Studium sein, sondern nebenbei noch zahlreiche Praktika absolvieren, dazu ein Auslandssemester, sie wollen sich ehrenamtlich engagieren, aber auch im Businessclub – und nebenbei noch eine Sprache lernen. Und dann, nach dem Studium, sollte es gleich der perfekte Job sein.
Warum dieser Druck? Barbara Kurth, Jeans, Pferdeschwanz, offenes Lachen, nennt mehrere Gründe: Zum einen die gesellschaftlichen Bedingungen wie hohe berufliche Anforderungen oder die Idee, dass es unbedingt ein Studium sein muss. Zum anderen befinden sich die Studierenden in einer Umbruchsituation – Auszug aus dem Elternhaus, eventuell eine neue Stadt, die finanzielle Abhängigkeit, und sie müssen ihr Leben nun selbst organisieren. „Psychische Probleme treten oft in solchen Situationen auf“, so Kurth. Und dann seien da die Herausforderungen, die ein Studium eben so mit sich bringe: die Prüfungen, die Abgabefristen, die limitierten Studienplätze für den Master, der Konkurrenzdruck, die kurzen Regelstudienzeiten, die ungewisse berufliche Zukunft. „Diese Faktoren machen vielen Panik, Druck und führen zu einer großen Verunsicherung“, beobachten Barbara Kurth und ihr Team.
Fragt man bei den anderen Beratungsstellen der Studierendenwerke in Baden-Württemberg, lautet die Einschätzung der Psychologen ähnlich. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre, geben die Studierendenwerke an, hat die Zahl derjenigen, die Hilfe bei den Beratungsstellen suchen, fast überall um ein Viertel oder gar die Hälfte zugenommen. Der Übergang ins Erwachsenenalter berge ganz allgemein ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen, heißt es.
Psychologen raten, sich mehr Zeit zu nehmen
Verändert habe sich aber die Art der Belastungen. Die Psychologen nehmen speziell seit den Bologna-Reformen einen gestiegenen Leistungsdruck wahr. „Wir beobachten, dass Studierende generell möglichst alles in minimaler Zeit durchziehen, um keine Lücken im Lebenslauf entstehen zu lassen“, heißt es beim Studierendenwerk Mannheim. Reinhard Mack, der seit 25 Jahren als Psychotherapeut beim Studierendenwerk in Konstanz arbeitet, beobachtet eine „hohe Selbstoptimierung, bis hin zu perfektionistischen Ansprüchen, die zu Zusammenbrüchen führen“.
So oder so, sagt Barbara Kurth: Man dürfe nicht unterschätzen, was Leistungsdruck für einen Leidensdruck bewirke. In den Gesprächen mit Betroffenen rät sie dazu, sich die eigenen Fähigkeiten bewusst zu machen, statt sich auf neue Möglichkeiten des Scheiterns zu konzentrieren. Und sie empfiehlt, auch mal zeitlichen Druck rauszunehmen: „Unter diesem Stress lässt sich sowieso nicht viel leisten.“
Auch Susanne Seibel hat gelernt, wie wichtig Pausen sind – und der Blick auf das, was sie im Leben schon gemeistert hat. Wirklich besser ging es ihr aber erst mit dem Ende des Studiums.
Weitere Informationen und Rat
Begriffe:
Grundsätzlich muss zwischen psychischen Belastungen wie Ängsten und psychischen Erkrankungen wie einer Depression unterschieden werden. Sabine Knapstein, Ärztin und Psychotherapeutin bei der AOK Baden-Württemberg, sagt: „Wenn sich das Gefühl einstellt, im Studium nicht mithalten zu können, erzeugt das Stress. Das kann die Psyche belasten. Kommen weitere Faktoren hinzu, zum Beispiel finanzielle Probleme, kann dies das Risiko für eine psychische Erkrankung erhöhen.“
Betroffene:
Studentinnen geben Studien zufolge deutlich häufiger an, unter Stress, Ängsten oder psychischen Erkrankungen zu leiden als ihre männlichen Kommilitonen.
Beratung:
Die Studierendenwerke der Universitäten haben psychologische Beratungsstellen, in denen Studierende Hilfe beim Zurechtfinden im Studium bekommen und bei Erkrankungen an Therapeuten oder Kliniken vermittelt werden. Die Krankenkassen bieten außerdem Apps und Online-Programme zur Prävention an. Beispiele hierfür sind das von der Barmer-Krankenkasse unterstützte Programm Studicare. Das Online-Selbsthilfeprogramm Moodgym von der AOK steht auch Versicherten anderer Krankenkassen zur Verfügung. Es soll depressiven Symptomen vorbeugen oder sie verringern. Inzwischen belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit von solchen unterstützenden oder präventiven Online-Programmen.