Zuckerhaltige Softgetränke könnten dem Gedächtnis schaden. Foto: dpa

Der Mensch ist, was er isst. Eine neue Studie zeigt nun, dass zu viel industriell produzierter Zucker das Erinnerungsvermögen schädigt. Zumindest bei den untersuchten Ratten.

Stuttgart - Der Konsum industriell produzierter fruktosereicher Lebensmittel wie Ketchup und Joghurt, Softdrinks sowie unverdünnter Fruchtsäfte ist stark gestiegen. Zwar kann der Körper über den Darm nicht unbegrenzt viel Fruchtzucker aufnehmen – aber genug, um negative Effekte auszulösen. Fruktose begünstigt zum Beispiel die Entstehung einer Fettleber, einer Barrierestörung der Darmwand oder von Gicht. Hinzu kommt langfristig eine Stoffwechselstörung, die als metabolisches Syndrom bezeichnet wird.

Eigentlich sind das schon genug Argumente für einen zurückhaltenden Konsum. Nun aber zeigt eine kürzlich im Fachmagazin „EBioMedicine“ veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der University of California in Los Angeles, dass Fruchtzucker bei Ratten die DNA der Gehirnzellen verändert, indem sie sogenannte Methylgruppen modifiziert. Diese Anlagerungen an die DNA gehören zu den Teilen des Erbguts, deren Gesamtheit als Epigenom bezeichnet wird. Sie bestimmen, ob ein Gen abgelesen oder lahmgelegt wird. Auf diese Weise steuern Zellen, wann sie welche Eiweiße herstellen. „Die Studie ist gut gemacht, weshalb die Ergebnisse durchaus ernst zu nehmen sind“, sagt der Neurologe Ullrich Wüllner von der Universität Bonn und vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Schade sei, dass die Rolle der Bakterien im Darm nicht berücksichtigt wurde. „Es wäre interessant gewesen zu sehen, welche Effekte der Fruktosekonsum, neben denen im Gehirn, auf das Immunsystem im Darm hat“, so Wüllner.

Das Gehirn arbeitet langsamer

Was bewirkt die Fruktose im Gehirn der Versuchstiere? Die Forscher hatten bereits bei früheren Untersuchungen festgestellt, dass Fruktose die Kommunikation der Gehirnzellen stört und der Langzeitkonsum hoher Fruktosemengen offenbar Lern- und Gedächtnisfunktionen beeinträchtigt. Deshalb untersuchten sie bei Ratten, wie sich ein hoher Fruktosekonsum auf ihr Erinnerungsvermögen auswirkt. Im ersten Schritt trainierten sie die Ratten, ein Labyrinth zu durchlaufen. Dann verteilten sie die Tiere auf drei Gruppen: Gruppe 1 bekam fruktosehaltiges Wasser. Die tägliche aufgenommene Fruchtzuckermenge war umgerechnet so groß wie jene, die ein Mensch mit einem Liter Limonade zu sich nimmt. Die zweite Gruppe bekam sechs Wochen lang täglich Wasser ohne Fruktose, und Gruppe 3 erhielt wie Gruppe 1 Fruktose-Wasser und zusätzlich mit der Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) angereichertes Futter. DHA kommt in wildem Lachs sowie in geringerer Menge in anderen Fischarten, sowie in Fischöl, in Walnüssen, Früchten, Gemüse und Leinsaat vor.

Ergebnis des Experiments: Die Fruktose-Wasser-Mäuse brauchten doppelt so lang wie die Wasser-Mäuse, um die Aufgabe zu bewältigen. Offenbar hatte die Fruktose ihr Erinnerungsvermögen beeinträchtigt. Die Mäuse aus Gruppe 3, die zusätzlich zu Fruktose-Wasser noch DHA zu sich nahmen, waren dagegen genauso schnell wie die Wasser-Mäuse. DHA scheint demnach den negativen Effekt von Fruktose auszugleichen. Die Fruktose-Mäuse waren nicht nur deutlich langsamer als die Mäuse aus Gruppe 2 und 3, sie hatten auch erhöhte Blutzuckerwerte, Triglyzeride und Insulinmengen im Blut.

Zu viel industrielle Nahrung schadet der Gesundheit

Hinzu kamen deutliche genetische Veränderungen in den tierischen Hirnzellen. Im Hypothalamus, dem Stoffwechselkontrollzentrum des Gehirns, hatte Fruktose mehr als 700 Gene, im Hippocampus, beteiligt an Lernen und Gedächtnis, mehr als 200 Gene verändert. Zwei Gene namens Bgn und Fmod stachen besonders hervor. Wenn die Fruktose die Ableserate dieser Gene verändert, indem sie an den DNA-Baustein Cytosin eine biochemische Gruppe anhängt, setzen diese Gene eine Kaskade in Gang. Wie es aussieht, kann die Omega-3-Fettsäure DHA den schädlichen Effekt der Fruktose ausgleichen. „DHA scheint das gesamte Genmuster wieder in den Normalzustand zu bringen, was bemerkenswert ist“, sagt Xia Yang, Seniorautor der Studie und Professor für Integrative Biologie und Physiologie an der University of California. Ein Wundermittel sei DHA aber nicht. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, wie groß der Effekt tatsächlich ist.

Eine der Lehren aus der Studie: Der Effekt der Ernährung auf das Gehirn ist nicht zu unterschätzen. „Nahrung ist wie eine pharmazeutische Verbindung, die auf das Gehirn einwirkt“, sagt Yangs Kollege Gomez-Pinilla. Letztendlich ist der Mensch, was er isst. „Ob industrielle Fruktose neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer fördert, kann man derzeit noch nicht sagen“, so Wüllner. Fest stehe aber, dass einseitige Belastungen durch industrielle Nahrung gesundheitsschädlich seien.

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