Warum kehren Menschen der Kirche den Rücken? Eine Studie wollte dies herausfinden. Die Gespräche mit den Abtrünnigen waren immerhin freundlich.
Stuttgart - Die Aussage eines 20-Jährigen ist typisch: „Für mich ist es mit der Kirche wie mit einem Fitness-Studio, für das ich Beitrag zahle, aber nie hingehe.“ Viele in der jüngeren Generation, die der Kirche den Rücken kehren, haben den Bezug zum Glauben verloren, möchten oder müssen das Geld sparen oder vermissen eine Gegenleistung.
Das ist eines der Ergebnisse einer Pilotstudie der Evangelischen Landeskirchen von Württemberg und Westfalen zu den Motiven der Kirchenaustritte. Nachdem 2019 so viele Menschen wie noch nie ausgetreten waren, wollten es die Verantwortlichen mit ihrer repräsentative Untersuchung genau wissen. So wurden im vergangenen Herbst und in diesem Frühjahr Leute angerufen, die zuvor der Kirche ihren Rücken gekehrt hatten.
„Schön, dass die Kirche anruft“
Bei den meisten kam die Rückfrage gut an. Das ist auch daran zu sehen, dass sich sechs von zehn Angerufenen auf ein Gespräch eingelassen haben. „Viele waren überrascht und dankbar, dass sich die evangelische Kirche für ihre Motive interessiert“, betonen die Autoren der Studie.
In Württemberg war die Resonanz sogar besonders freundlich. Hier nahmen nämlich Pfarrer selbst die Klagen der Abgewanderten entgegen, um daraus womöglich demnächst Schlüsse für ihr eigenes Handeln zu ziehen. Insgesamt waren die Belastung durch die Kirchensteuer und die zunehmende Distanz zur Religion am bedeutsamsten für die Austritte der rund 460 Auskunft gebenden Befragten. Einer von ihnen brachte diese beiden Beweggründe auf den Punkt, indem er deutlich machte: „Ich glaub nicht an Gott und will mir das Geld sparen.“
Frauen sind weniger gleichgültig
Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass Männer der Kirche tendenziell gleichgültiger gegenüberstehen als Frauen. Manchmal schlug die Kirchensteuer besonders ins Kontor. So haben Männer über 40 die Kirche auch verlassen, weil die Kirchensteuer auf eine hohe Abfindung oder einen Veräußerungsgewinn fällig geworden wäre. Besonders bei Älteren spielten zudem die politische Haltung der Kirche oder konkrete Anlässe eine wichtige Rolle: „Ich finde das unmöglich, dass die Kirche den Pfarrern Anweisungen gibt, alte Leute in der Corona-Zeit nicht mehr zu besuchen“, sagte zum Beispiel eine 59-Jährige. Des Weiteren wurden der Missbrauch ebenso wie das Engagement der Kirche für die Flüchtlingsrettung genannt. Die Ausgetretenen können übrigens nach Auffassung der Forscher als überwiegend technikaffin gelten und sind mit ihrem Leben zufrieden.
Eine Abwanderung in andere Glaubensgemeinschaften findet übrigens kaum statt. Das sei bestenfalls, so die Studie, ein „Randphänomen“. Wenigstens ein Befund klingt für die Kirchen tröstlich: Immerhin 62 Prozent der Ausgetretenen halten es weiter für wichtig, dass es die evangelische Kirche gibt.
„Rezepte helfen nur beim Kochen“
Als erste Konsequenz aus der Studie legte die Württembergische Landeskirche eine neue Broschüre „Kirchensteuer wirkt“ auf: Sie soll den Mitgliedern transparent aufzeigen, wie ihr Geld verwendet wird. Nicht nur auf die Begleitung ihrer Schäfchen durch Seelsorge oder beispielsweise 4500 Trauungen pro Jahr wird hingewiesen. Die Kirche betont darin auch ihre gesellschaftliche Funktion. Sie ermögliche zum Beispiel regelmäßig mehr als 2000 jungen Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sie begleite Menschen mit Behinderung oder psychischen Krankheiten.
Der Abwärtstrend wird dadurch allein allerdings sicher nicht aufgehalten. Landesbischof Frank Otfried July weiß, dass es mehr Anstrengungen braucht: „Uns darf nicht gleichgültig sein, was unsere Mitglieder von uns erwarten und wo sie aus der Kirche austreten.“ Der Theologe sagt, wichtig seien das persönliche Zeugnis, eine Vielfalt von Gottesdiensten und eine gemeindenahe Diakonie. Allerdings gebe es keine Patentlösung. July meint: „Rezepte funktionieren beim Kochen, aber nicht in der Kirche.“