Zur Ganztagsschule gehört auch ein musikalisches Zusatzangebot. Foto: dpa

Die grün-rote Landesregierung hat zwar den Ganztagsbetrieb an Grundschulen vorangebracht. Das reicht aber im Ländervergleich nicht einmal zu einem Mittelfeldplatz, wie eine neue Studie zeigt.

Stuttgart - Baden-Württemberg hinkt im Ganztagsbetrieb an Schulen nach wie vor hinterher. Das bestätigt der erste Ländervergleich zur Ausstattung der Ganztagsschulen, den die Bertelsmann Stiftung an diesem Donnerstag vorstellt. Von gleichwertigen Lernchancen in Ganztagsschulen könne in Deutschland keine Rede sein, kritisieren die Forscher Klaus Klemm und Dirk Zorn, die die Regelungen in den 16 Bundesländern untersucht haben. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, fordert bundesweite Mindeststandards, um gleichwertige Lernchancen zu ermöglichen. Dräger kritisiert: „Wo in Deutschland Ganztag drauf steht, ist leider nicht immer Ganztag drin.“ Der Studie zufolge reicht die Personalausstattung häufig nicht aus, um die zusätzliche Lernzeit an Ganztagsschulen abzudecken.

Baden-Württemberg liegt schon bei der Zahl der Ganztagsschüler unter dem Durchschnitt. Nur zwölf Prozent aller Schüler im Südwesten besuchen eine verpflichtende Ganztagsschule. Im Bundesdurchschnitt sind es knapp 18 Prozent, wie Dirk Zorn, der Bildungsexperte der Bertelsmann Stiftung, ermittelt hat. Er sieht für Baden-Württemberg deutlichen Nachholbedarf beim weiteren Ausbau gebundener Ganztagsschulen.

14 Stunden zusätzliche Lernzeit für Grundschüler

Aussagekräftige Zahlen für den Südwesten liefert die Studie allerdings nur bei den Grundschulen. Bei der Berechnung der Ausstattung der weiterführenden Schulen haben Zorn und Klemm auf die Regelungen für die Gemeinschaftsschulen zurückgegriffen. Für alle anderen weiterführenden Schulen gibt es in Baden-Württemberg keine schulgesetzliche Regelung zum Ganztagsbetrieb. Daher sind auch die baden-württembergischen Gymnasien in dem neuen Ländervergleich gar nicht berücksichtigt. Den Ganztagsbetrieb an Grundschulen hat die grün-rote Landesregierung im Juli 2014 gesetzlich verankert.

Die Grundschulen im Land können beim zeitlichen Angebot im Ländervergleich mithalten. Im Durchschnitt haben Grundschüler an Ganztagsschulen in der Woche knapp 14 Stunden zusätzliche Lernzeit. Baden-Württemberg liegt mit 14,9 zusätzlichen Stunden im guten Mittelfeld. Der Spitzenreiter Hessen bietet dagegen 22,4 Stunden zusätzlich, unter dem Bundesdurchschnitt bleiben Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen.

Anders stellt sich die zusätzliche Zeit an weiterführenden Schulen dar. Hier begnügt sich Baden-Württemberg den Berechnungen der Forscher zufolge mit 7,6 zusätzlichen Stunden pro Woche, im Bundesdurchschnitt sind es 8,2 Zusatzstunden.

Lernzeit und Personal – wie ist das Verhältnis?

Beim Personal knausert Baden-Württemberg jedoch. Bei den Grundschulen wie bei den weiterführenden Schulen liegt der Südwesten unter den Mittelwerten. An den Grundschulen finanziert Baden-Württemberg neun zusätzliche Lehrerstunden pro Woche und Klasse, der Bundesdurchschnitt liegt bei 11,6 Stunden. An den weiterführenden Schulen gibt es in Baden-Württemberg nur 3,8 Lehrerstunden pro Woche zusätzlich für den Ganztagsbetrieb, deutschlandweit sind es 5,3 Stunden. Spitzenreiter bei der Ausstattung mit zusätzlichen Lehrerstunden ist das Saarland. Dort gibt es für Grundschulen 31,5 Lehrerstunden zusätzlich, für weiterführende Schulen 10,6.

Entscheidend für die Qualität des Ganztagsbetriebs ist jedoch das Verhältnis von zusätzlichem zeitlichen Angebot und pädagogischem Personal. Ein gutes Verhältnis zwischen zusätzlicher Lernzeit und entsprechender Personalausstattung bieten Klemm und Zorn zufolge lediglich Berlin und das Saarland. An den baden-württembergischen Grundschulen reicht nach dem Berechnungsmodell der Forscher das vom Land finanzierte Personal lediglich aus, um 61 Prozent der vorgesehenen zusätzlichen Ganztagszeit auch tatsächlich abzudecken.

Gemeinsame pädagogische Standards

Die Bilanz von Dirk Zorn zum Südwesten lautet: „Baden-Württemberg weist im Ländervergleich durchschnittliche Werte für die zusätzliche Lernzeit auf, aber unterdurchschnittliche Werte für die landesseitige Ausstattung mit Personal. Hier besteht Nachholbedarf.“ Zorn erwartet vom neuen baden-württembergischen Kultusminister: „Er sollte sich mit seinen Amtskollegen in der Kultusministerkonferenz für gemeinsame pädagogische Standards für Ganztagsschulen einsetzen.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg setzt sich dafür ein, den Ganztagsbetrieb in allen Schularten schrittweise auszubauen. Das gehe aber nicht ohne zusätzliches Geld auch für die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: