Eine Studie der Universität Hohenheim hat die Wahlprogramme der Bundestagswahl auf die Länge, ihre Verständlichkeit und den Grad des Populismus hin untersucht. Wie die Parteien dabei abschneiden.
Fremdwörter, Anglizismen und Satz-Monster: Die Parteiprogramme zur Bundestagswahl sind etwas kürzer als 2021, aber nach wie vor schwer verständlich, so eine Auswertung von Forschern der Universität Hohenheim. Demnach hat die CDU/CSU ihren Wählerinnen und Wählern das verständlichste Programm vorgelegt, das am wenigsten verständliche stammt von der AfD.
Die Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider und Claudia Thoms haben dafür mit ihrem Team die Wahlprogramme von CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, AfD und BSW auf Verständlichkeit, die verwendete Sprache sowie Populismus untersucht. Die Studie ist Teil eines Langzeitprojekts, das die Wahlprogramme aller im Bundestag vertretenen Parteien seit 1949 untersucht.
Programm der Grünen am längsten – BSW und FDP am kürzesten
Was die Länge betrifft, kommen Brettschneider und seine Kollegen zum Schluss, dass die Wahlprogramme im Schnitt aus etwa 25 500 Wörtern bestehen. Damit sind die Vorschläge der Parteien mehr als vier Mal so lang wie noch 1949. Im Vergleich zum letzten Wahlkampf 2021 sind die Programme allerdings im Schnitt um 20 000 Wörter kürzer geworden – was Brettschneider auf den kürzeren Wahlkampf zurückführt, weil die jeweiligen Facharbeitskreise weniger Zeit hatten, ihre Kapitel zu besprechen. Das längste Programm haben traditionell, wie der Forscher sagt, die Grünen vorgelegt – mit rund 30 700 Wörtern. Die kürzesten Fassungen stammen vom BSW und der FDP mit etwa 17 000 und 19 500 Wörtern.
Üblicherweise bieten Parteien ihren Wählerinnen und Wählern zusätzlich Kurzfassungen, Versionen in leichter Sprache, Gebärdensprache oder Audios und Videos an. So haben CDU/CSU und FDP Kurzwahlprogramme auch in Fremdsprachen formuliert. Ein Programm in leichter Sprache gibt es nur bei der SPD, bei der Linken wird das Kurzwahlprogramm in Gebärdensprache erläutert. „Die knappe Zeit für die Vorbereitung des Wahlkampfes hat hier das Angebot gegenüber früheren Wahlen eingeschränkt“, wird Frank Brettschneider in einer Pressemitteilung zitiert.
Bandwurmsätze beim BSW, Fremdwörter bei Grünen und SPD
Insgesamt resümieren die Forschenden, sind die Programme zur aktuellen Wahl im Schnitt mit 7,3 Punkten verständlicher als die Programme zur vergangenen Bundestagswahl 2021 (5,6 Punkte). Damit gehören die Programme zu den verständlicheren der vergangenen 76 Jahre.
Die formale Verständlichkeit der Programme wurde mithilfe einer Textsoftware ermittelt, die den Hohenheimer Verständniskodex ausgibt. Der Hohenheimer Verständnisindex reicht von null bis 20.
Das verständlichste Wahlprogramm haben der Studie zufolge die Unionsparteien mit 10,5 Punkten vorgelegt. Damit führen CDU/CSU seit 1949 in puncto Verständlichkeit. Auf Platz zwei folgt die SPD mit 7,1 Punkten – auch das deckt sich mit den durchschnittlichen Verständlichkeitswerten seit 1949. Das BSW landet mit 6,6 Punkten auf dem vorletzten Platz vor der AfD mit 5,1 Punkten.
Beim BSW sind die Sätze daher auch am längsten und am meisten verschachtelt. Die FDP glänzt unterdessen mit zusammengesetzten Wortneuschöpfungen wie dem „Telekommunikationsnetzausbaubeschleunigungsgesetz“, die Grünen und die SPD mit Fremdwörtern und Anglizismen wie „Quick Freeze“ oder „Catcalling“.
„Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten Parteien ihre Positionen klar und verständlich darstellen“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider. Wahlprogramme seien dabei ein Mittel, um die eigenen Positionen darzulegen.
AfD und BSW verwenden am meisten populistische Sprache
Populistische Äußerungen finden sich den Forschenden zufolge links und rechts der politischen Mitte, insbesondere bei der AfD, dem BSW und der Linken. Im Vergleich zu bisherigen Wahlen gehöre der derzeitige Wahlkampf zu den populistischeren – gemessen an der Dimension des Anti-Elitismus. Das BSW und die Linke weisen eher linkspopulistische Aussagen auf, die AfD eher rechtspopulistische. Um zu bestimmen, wie populistisch die Programme sind, wurde ein Sprachmodell verwendet. Das ist ein Computerprogramm, das darauf trainiert wurde, populistische Äußerungen in Texten zu erkennen, indem es sprachliche Muster analysiert.
In der Vergangenheit wurde Populismus häufig mit einer größeren Verständlichkeit in Verbindung gebracht wurde, so Brettschneider: „Für 2025 zeigt sich: Populistischere Parteien sind nicht zwangsläufig diejenigen, die formal die verständlichsten Wahlprogramme formulieren.“
Forscher: „Verkürzter Wahlkampf hat keinen Einfluss auf Ergebnisse“
Brettschneider beobachtet – abgesehen von der Länge der Wahlprogramme – keine Auswirkungen durch die vorgezogene Bundestagswahl auf die Ergebnisse. Und zieht aus den Ergebnissen folgenden Schluss: „Parteien verschenken immer noch gute Kommunikationschancen, um den Wählerinnen und Wählern mitzuteilen, wie sie die Welt sehen und wie sie sie verändern möchten.“ Das sei jedoch nicht naturgegeben, daran könne man etwas ändern. Bei der letzten Landtagswahl 2021 in Baden-Württemberg habe die SPD einen großen Sprung in Sachen Verständlichkeit hingelegt und das verständlichste Programm vorgelegt. „Das lag daran, dass sie Fachbegriffe und Fremdwörter im Wahlprogramm in kleinen Kästen erklärt haben.“