Ein Schulsportprogamm für übergewichtige Kinder in Leipzig. Foto: dpa-Zentralbild

Ein Kongress in Karlsruhe befasst sich mit dem Bewegungsmangel von Kindern. Jedes siebte Kind ist übergewichtig, sagen neueste Studien. Der Trend zum Sitzen und zur Passivität ist dramatisch.

Stuttgart - Ob im Kindergarten, in den Schulpausen oder Zuhause – zum Alltag von Kindern gehört das Spielen. Damit verbunden ist nicht nur Spaß, sondern auch Bewegung. Und genau diese ist extrem wichtig: Durch körperliche Aktivität können sich Heranwachsende motorisch und körperlich gesund entwickeln. Seit einigen Jahren aber wird der Mangel an Bewegung bei Kindern und Jugendlichen immer deutlicher – ein Defizit, das die Gesundheit negativ beeinflussen kann. Zu den Folgen gehören Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gelenkbeschwerden. Aktuell sind in Deutschland etwa 15 Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig – also mehr als jedes siebte Kind.

Die meisten Kinder bewegen sich weniger als eine Stunde am Tag

Forscher vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Robert-Koch-Instituts haben ergründet, wie fit Kinder und Jugendliche heutzutage sind. Während des sogenannten Motorik-Moduls (MoMo) der Studie zur Körperlichen Aktivität und Fitness von Kindern und Jugendlichen in Deutschland wurden seit 2003 in Abständen von drei Jahren jeweils 4500 bis 6200 Jugendliche unter 17 Jahren motorisch getestet. Nun liegen Ergebnisse vor – und sind teilweise erschreckend. Beinahe 75 Prozent der Kinder bis 17 Jahre ist nicht einmal eine Stunde am Tag körperlich aktiv, vor einigen Jahren waren es noch 30 Minuten mehr. Dabei müssten sich Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde pro Tag körperlich anstrengen, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Auch Lehrkräften bereitet der Trend zum Sitzen und zur Passivität zunehmend Sorgen. „Das merkt man ganz gewaltig“, meint Sportlehrerin Stefanie Schulze von der Grundschule Raidwangen (Kreis Esslingen). „Stütz- und Haltekraft sind verloren gegangen, die Koordination ebenfalls.“ Besonders fällt ihr das zurückgehende Spielen in der Freizeit auf: „Kinder spielen nicht mehr draußen. Das ist das größte Problem, denke ich.“

Schul- und Vereinssport könnte ein Schlüssel sein

Was kann man gegen diese Entwicklung tun? Beim Schul- und Vereinssport könnte man ansetzen. Die Studie des KIT zeigt nämlich auch, dass sich scheinbar mehr Kinder und Jugendliche in Sportvereinen betätigen. Auch Schulsport scheint in den letzten zwölf Jahren gestärkt worden zu sein. Ausgleichen kann dies die fehlende Alltagsbewegung jedoch nicht. „Schule kann das nicht auffangen“, sagt Schulze, „aber wichtige Impulse geben.“ Es gehe darum, Kindern einen Zugang zum Sport zu ermöglichen und sie für Vereinssport zu motivieren. Die Grundschule in Raidwangen beispielsweise ist auf eine sportlich-erzieherische Ausbildung fokussiert und versucht, Bewegung in den Schulalltag der Kinder zu integrieren und damit die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Auch die MoMo-Studie zeigt die positiven Auswirkungen von organisiertem Sport für die Fitness. Kinder, die längere Zeit in einem Sportverein trainierten, sind motorisch leistungsfähiger als andere. „Die Diskrepanz ist wahnsinnig groß geworden“, meint auch die Sportlehrerin.

Die Gründe für den Bewegungsmangel sind vielfältig. Offen ist die Frage, ob beispielsweise erhöhter Medienkonsum zum Sinken der Leistungsfähigkeit beiträgt. Zwar konnte die Studie des KIT allgemein keinen klaren Zusammenhang zwischen Mediennutzung und körperlichen Aktivität feststellen, doch gerade Jugendliche ab 14 Jahren verbringen deutlich mehr Zeit mit Medien als noch vor wenigen Jahren. Sportlehrerin Schulze meint, dass „der Hauptfeind der Bewegung in Kindheit und Jugend“ die sozialen Medien seien.

Mit all diesen Fragen beschäftigt sich der Kongress „Kinder bewegen“, der dieses Wochenende in Karlsruhe im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) stattfindet. Er richtet sich an Erziehende, Eltern, Lehrer, Ärzte und Wissenschaftler. In Seminaren und Workshops werden wissenschaftliche Erkenntnisse zu einer ganzheitlich gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besprochen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: