Bayer und Monsanto sind eine unselige Verbindung eingegangen – die Arbeitnehmervertreter im Bayer-Aufsichtsrat konnten sie nicht verhindern. Foto: AFP

Die Beteiligung von Arbeitnehmern steigert die Rendite und sichert Jobs. Dies belegen Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Marburg in einer umfassenden Studie zum Erfolgsmodell der deutschen Mitbestimmung.

Stuttgart - Während die Mitbestimmung durch Betriebsräte hart umkämpft bleibt, ist es um die unternehmerische Mitbestimmung ruhig geworden. Das 43 Jahre alte deutsche Gesetz steht so da wie ein Fels in der Brandung. Dies wohl zurecht, denn Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Marburg stellen nun in einer tiefgründigen Studie fest, dass Unternehmen, bei denen Arbeitnehmer im Aufsichtsrat mitentscheiden, seit der Finanz- und Wirtschaftskrise ökonomisch besser dastehen.

 

Belegen lässt sich dies anhand handfester Kennzahlen – etwa bei der operativen Rendite, der Bewertung am Kapitalmarkt oder der Beschäftigungsentwicklung. Die Mitbestimmung habe in der Krise „kurzfristiges Verhalten von Unternehmen verhindert“ und danach ein „schnelleres Umschalten in den Wachstumsmodus ermöglicht“, betonen Marc Steffen Rapp (Marburg) und Michael Wolff (Göttingen) in der von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderten Analyse.

Die Arbeitnehmerbeteiligung an der Spitze sei mehr Chance als Hindernis und ermögliche eine „dreifache Win-Win-Situation“: Sie biete die Möglichkeit, Risiken für das Unternehmen und die Arbeitnehmer besser abzufangen und damit die Volkswirtschaft als Ganzes zu schützen. Während Digitalisierung und Globalisierung sowie unberechenbare Rahmenbedingungen die Unternehmen immer mehr unter Druck setzen, könne die Mitbestimmung im Aufsichtsrat „als Element einer modernen Corporate Governance (gute Unternehmensführung) verstanden werden“, regen die Forscher an. Damit ließe sich den Gefahren der Transformationsprozesse besser begegnen.

Dank Verzicht auf größere Entlassungen schneller auf Kurs

So lag die kumulierte (jahresübergreifende) Aktienrendite mitbestimmter Unternehmen zwischen 2006 und 2011 um 25 bis 28 Prozentpunkte höher als bei vergleichbaren Firmen ohne Arbeitnehmerbeteiligung. Und die Umsatzrentabilität sank ohne Mitsprache auf dem Höhepunkt der Krise um 3,1 Prozent, während sie in paritätisch mitbestimmten Firmen um 2,7 Prozent stieg. In den Jahren danach ging sie in Firmen ohne Arbeitnehmervertreter weiter zurück, legte aber in paritätisch mitbestimmten Firmen zu.

Dass Unternehmen, bei denen die Arbeitnehmer Einfluss auf die Ausrichtung nehmen, flexibel und dennoch vorausschauend agieren, zeigte sich insbesondere im Verzicht auf größere Entlassungen. Der Studie zufolge ging die Mitarbeiterzahl in paritätisch mitbestimmten Unternehmen in der akuten Krisenphase um 2,4 Prozent zurück, legte dann im Anschluss bis 2011 wieder um 4,5 Prozent zu, um in Summe 2,1 Prozent über dem Vorkrisenniveau zu liegen. In Firmen ohne Mitbestimmung wurde die Belegschaft zunächst um sieben Prozent reduziert und lag anschließend 1,9 Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Zugleich haben mitbestimmte Unternehmen schneller „das Arbeitsentgelt nach unten hin angepasst“.

Dies hing vor allem mit den reduzierten Arbeitszeiten zusammen – bis hin zur Kurzarbeit, die von der damaligen Bundesregierung reaktionsschnell unterstützt wurde. Die Beschäftigten konnten Zeitguthaben auf ihren Konten abbauen und dort sogar ins Minus gehen. Als es wieder besser lief, war somit das Personal da, um die Produktion rasch auszuweiten.

Ehe von Deutscher Bank und Commerzbank gerade noch verhindert

Parallel dazu haben mitbestimmte Unternehmen ihre Investitionen in die Zukunft – also in Anlagen sowie Forschung und Entwicklung – im Vergleich weniger zurückgefahren und nach der Krise stärker ausgebaut. Dies sei ein weiterer wichtiger Indikator, warum es in kürzerer Zeit gelinge, „an die vorherige Performance anzuknüpfen“, meinen die Forscher Rapp und Wolff. Darüber hinaus haben mitbestimmte Firmen weniger Geld für Aktienrückkäufe ausgegeben und sich bei Zukäufen eher zurückgehalten. Zugleich hatten sie weniger Schulden, und im Anschluss gingen die Schuldenstände auch noch schneller zurück.

Unter die Lupe genommen hatten die Wirtschaftsprofessoren 560 börsennotierte Unternehmen – darunter 280 deutsche mit einer paritätischen Vertretung im Aufsichtsrat (ab 2000 Beschäftigte), mit einer Drittelbeteiligung der Arbeitnehmer (500 bis 2000 Beschäftigte) sowie ohne Mitsprache. Diesen haben sie zum Vergleich 280 passende Firmen, die keine Mitbestimmung haben, aus anderen europäischen Ländern zugeordnet.

Trotz der gesetzlich verankerten Stellung der Arbeitnehmerseite in Großunternehmen ist ihr Einfluss in der Realität oft begrenzt: Nicht in jedem Fall kann sie im Aufsichtsrat wenig verheißungsvolle Deals verhindern, wie die unglückliche Fusion von Bayer und Monsanto zeigt. Gleiches galt einst für die unselige „Hochzeit im Himmel“ von Daimler und Chrysler. Die Ehe der Deutschen Bank mit der Commerzbank hingegen ist auch am Widerstand der Arbeitnehmer gescheitert, was die Botschaft der Studie unterstreicht.