Die Jüngeren mögen mit dem Online-Kauf aufgewachsen sein – doch die Kassen lassen im Internet die über 60-Jährigen klingeln. Das zeigt eine große Verbraucherstudie des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (BEVH). Und es gibt noch mehr Überraschungen.
Stuttgart - In diesem Jahr wird der Internet- und Versandhandel wohl erstmals die 100-Milliarden-Euro-Marke knacken. In der Corona-Krise ist der Online-Kauf endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie eine große Verbraucherstudie des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (BEVH) unter 40 000 Personen ergibt. Das zeigt sich auch daran, dass fast jeder dritte Online-Käufer im vergangenen Jahr älter als 60 Jahre alt war. Doch auch andere Ergebnisse überraschen – und sagen viel über unser neues Konsumverhalten aus.
Ergebnis 1: Die Älteren überholen die Jungen
Die Jüngeren mögen mit dem Online-Kauf aufgewachsen und auch versierter sein – doch die Kassen lassen die Älteren klingeln. Im vergangenen Jahr machten bei den Käufen im Internet- und Versandhandel die über 60-Jährigen fast ein Drittel des Umsatzes in Höhe von 83,3 Milliarden Euro aus. Das ist mehr, als die 14- bis 39-Jährigen online ausgaben. 2019 war das Verhältnis noch umgekehrt gewesen.
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Die Angst vor der Ansteckung beim Kauf vor Ort sei nur ein Grund für den Wandel, sagen Handelsexperten. Die ältere Generation entdecke auch durch Messenger-Dienste wie Whatsapp die Online-Welt für sich und spiele in den Internetläden die große Kaufkraft aus. Jüngeren dagegen fehle in der Pandemie oft das Geld, weil zum Beispiel klassische Studienjobs wie das Kellnern wegfielen. Auch ein Trend: Immer mehr Männer kaufen online ein. Zuletzt lag der Anteil der Frauen nur noch bei 52 Prozent. „Die Silver Surfer und die Männer haben das Wachstum im E-Commerce angeschoben“, sagt BEVH-Präsident Gero Furchheim.
Ergebnis 2: Der Online-Einkauf wird alltäglich
Einmal die Woche zum Großeinkauf in den Supermarkt – das ist bei vielen Verbrauchern die Regel. Doch im vergangenen Jahr gingen vier von zehn Verbrauchern auch einmal die Woche im Internet shoppen – im Jahr davor war es nur jeder Dritte gewesen. Dass in der Corona-Krise das Online-Geschäft mit den Waren des täglichen Bedarfs mit 40 Prozent am stärksten stieg, zeige, dass das Internet das Einkaufsverhalten grundsätzlich verändert habe, heißt es beim E-Commerce-Verband – schließlich waren die Geschäfte des täglichen Bedarfs auch im Lockdown geöffnet.
Laut BEVH wird sich der Trend noch verstärken. Mehr als 95 Prozent der Befragten zeigten sich mit ihrem Online-Kauf „zufrieden“ oder gar „sehr zufrieden“. Wohl auch deshalb wollen drei von vier Kunden künftig genauso viel oder noch mehr im Internet kaufen – vor einem Jahr äußerte nur gut jeder zweite Kunde diese Absicht.
Ergebnis 3: Kunden kaufen für das Zuhause ein
Der Lockdown und das Arbeiten, Studieren und Lernen von Zuhause aus wirken sich auch auf die Online-Einkäufe aus. Möbel und Küchenutensilien boomten genauso wie die Unterhaltung, also etwa Fernseher, Computer oder Spielekonsolen. Bei der Warengruppe Einrichtung, zu der vor allem Möbel zählen, hat sich der Online-Umsatz in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt.
Doch es gibt auch klare Verlierer. Die Online-Dienstleistungen, zu denen der Verkauf von Konzerttickets, Flügen, Zugfahren oder Reisen über das Internet zählen, sind im vergangenen Jahr um mehr als 50 Prozent eingebrochen und spielten nur noch rund neun Milliarden Euro ein. Wieweit sich die Dienstleistungsbranche dieses Jahr erholen könnte, darüber wagte der BEVH keine Prognose.
Ergebnis 4: Die Online-Marktplätze gewinnen
Weil viele stationäre Händler keinen eigenen Internet-aden haben, suchten sie im Lockdown ihr Glück bei den großen Online-Marktplätzen, wie sie zum Beispiel Amazon und Zalando anbieten. Diese Marktplätze wuchsen 2020 im Vorjahresvergleich um 20 Prozent – damit machten sie bereits die Hälfte des E-Commerce-Umsatzes aus. Aber auch Händler mit eigenen Online-Kanälen nutzten die boomenden Marktplätze für den Verkauf. Die Marktplätze leisten dabei immer mehr, indem sie zum Beispiel für Möbel virtuelle Besichtigungen anbieten.
Das Geschäft mit den Online-Marktplätzen sei derzeit sehr dynamisch, betont BEVH-Präsident Furchheim. Händler würden ihre Webseite ausbauen oder sich mit anderen Händlern zu einer Plattform zusammenschließen – hier gab es auch viele lokale Initiativen.
Ergebnis 5: Online-Boom in den Großstädten
Überraschend ist der Vergleich des Einkaufsverhaltens in Großstädten ab 500 000 Einwohner mit jenem kleinerer Städte und Dörfer unter 50 000 Einwohnern: In den eher ländlichen Regionen stieg der Online-Umsatz 2020 im Vorjahresvergleich um knapp sieben Prozent. Die Bewohner von Stuttgart, Frankfurt, München & Co. hingegen steigerten ihre Internet-Ausgaben im Schnitt um mehr als 40 Prozent. „Gerade in den Großstädten haben die Leute versucht, Kontakte zu vermeiden – obwohl normalerweise die Versorgungssituation besser ist“, sagt BEVH-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer. Grund ist offensichtlich die höhere Bevölkerungsdichte.