Ein Arzt im OP-Saal: Operationen sind offenbar seltener nötig als gedacht. Foto: Mauritius/Westend61

In Deutschland wird nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung zu häufig unnötig operiert und diagnostiziert. Nicht nur die Ärzte, auch die Patienten seien für die medizinische Überversorgung verantwortlich. Eine Mehrheit glaube, jede Therapie sei besser als abzuwarten.

Stuttgart - In Deutschland wird laut einer aktuellen Bertelsmann-Studie häufig unnötig diagnostiziert und operiert. Das hat Folgen – nicht nur für die Patienten, die unnötigerweise Belastungen und Gefahren ausgesetzt werden, sondern auch für das Gesundheitssystem: Denn damit werden wertvolle Ressourcen verschwendet, die für tatsächlich notwendige Behandlungen fehlen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu der Studie.

In welchen Bereichen wird zu häufig operiert?

Das Berliner IGES-Institut hat in der Fachliteratur medizinische Leistungen identifiziert, die exemplarisch für das breite Spektrum unnötiger Diagnostik und Therapie stehen: So kommt es jährlich zu rund 70 000 Operationen an der Schilddrüse, obwohl es nur bei zehn Prozent dieser Eingriffe einen bösartigen Befund gibt. Ähnliche Werte nennt die Studie bei Eierstock-Operationen. „Wir gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent der medizinischen Leistungen in westlichen Industrieländern auf Überversorgung entfallen“, sagt Wendy Levinson, die Gründerin der Bewegung Choosing Wisely International, (deutsch: Gemeinsam klug entscheiden).

Gibt es auch Medikamente, die unnötig oder zu oft verschrieben werden?

Bei Medikamenten werden nach Angaben der Wissenschaftler insbesondere Magensäureblocker viel zu oft verschrieben. Hier werden bis zu 70 Prozent aller Verordnungen ohne korrekte Indikation vorgenommen. „Das heißt, sie sind medizinisch nicht zwingend notwendig“, so die Studienautoren. Das ist problematisch, denn die Einnahme sei mit vielfältigen möglichen Schäden verbunden.

Was sind die Gründe für die medizinische Überversorgung?

Das Problem sind einerseits die privat zu bezahlenden Zusatzleistungen, auch Igel-Leistungen genannt, deren gesundheitlicher Nutzen umstritten ist. Als Beispiel führen die Studienautoren die Ultraschalluntersuchung bei Eierstöcke an: „Zu unnötigen OPs kommt es, weil vielen Frauen ohne Risiko ein Screening empfohlen wird, obwohl dies gegen Leitlinien verstößt“, heißt es bei der Bertelsmann-Stiftung. Auch die Strukturen des deutschen Gesundheitswesens, etwa falsche Vergütungsanreize für Ärzte und Kliniken, tragen dazu bei, dass vielerorts mehr als nötig gemacht wird. Doch das größte Problem sind wohl die Erwartungen und Einstellungen von Ärzten sowie Patienten: Rund die Hälfte der Bevölkerung vermutet, dass oft unnötige medizinische Leistungen erbracht werden. Das brachte eine repräsentative Umfrage unter mehr als 1000 Menschen zutage. Zusätzlich führte das Kölner Meinungsforschungsinstitut Rheingold Tiefeninterviews mit 24 Patienten und 15 Ärzten. Dabei zeigte sich: Manchen Patienten ist gar nicht bewusst, dass sie selbst unnötige Behandlungen einfordern und sich dadurch Risiken aussetzen. „Die verbreitete Einstellung, im Zweifel lieber nichts unentdeckt und unversucht zu lassen, führt zu Aktionismus“, heißt es in der Studie. In einer Umfrage hätten 56 Prozent betont, jede Therapie sei besser als abzuwarten.

Wie können sich Patienten vor einer Überversorgung schützen?

Zum einen braucht es gesundheitspolitische Maßnahmen: dass etwa ein Teil der Krankenhäuser geschlossen wird zugunsten einer stringenteren Ausrichtung auf die Versorgungsqualität. Auch eine Anpassung der Vergütung, die sich mehr an der Qualität der Behandlung ausrichtet und nicht nur an der Quantität. Zusätzlich dazu empfehlen die Autoren ein international erprobtes Verfahren, dass schon in den Vereinigten Staaten und Kanada zum Einsatz kommt: Unter der Überschrift Choosing Wisely benennen medizinische Fachgesellschaften Leistungen, deren Nutzen-Schaden-Relation als nicht akzeptabel bewertet werden. Entsprechende Listen sollen die Diskussion zwischen Arzt und Patient fördern.

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