Viele Beschäftigte arbeiten heute teils von zu Hause, teils vom Büro aus. Forscherinnen haben nun untersucht, wer davon profitiert – und worauf es künftig im Job ankommt.
Gut zwei Jahre nach dem Beginn der Pandemie steht fest, dass Corona die Arbeitswelt umgekrempelt hat. Eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) zeigt nun, wie Firmen über flexibles Arbeiten denken – und was sich Angestellte wünschen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu.
Wie fällt die Akzeptanz von Homeoffice bei Unternehmen aus?
Nach Einschätzung der Fraunhofer-Forscher gehört dem hybriden Arbeiten – dort, wo es machbar ist – die Zukunft. Mit hybridem Arbeiten ist die Mischung aus Homeoffice und Tätigkeit im Unternehmen vor Ort gemeint. Dazu zählen auch zunehmend zeitlich flexiblere Arbeitszeitmodelle. „In den vergangenen zwei Jahren haben die Arbeitnehmer den Beweis erbracht, dass das erfolgreich funktioniert“, sagt Josephine Hofmann, die Studienleiterin des Fraunhofer IAO. „Heute lassen sich Mitarbeitende daher nicht mehr so einfach in die Situation von vor zwei Jahren zurückwerfen.“ Die Forscherin geht nicht davon aus, dass viele Firmen versuchen werden, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Ihre Untersuchung zeigt, dass die Produktivität durch das hybride Arbeiten in der Mehrzahl der Unternehmen gestiegen sei – 41 Prozent der Befragten bejahen dies, 50 Prozent sehen keine Veränderung.
Welche Flexibilität wünschen sich Arbeitnehmerinnen?
Die Studie der Stuttgarter Wissenschaftlerinnen zeigt, dass eine größere Zahl von Mitarbeitern daran interessiert ist, fast vollständig ortsmobil, also in den meisten Fällen von zu Hause aus zu arbeiten: 26 Prozent der Befragten wünschten sich vier oder gar fünf Tage Homeoffice in der Woche. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmerinnen bevorzuge jedoch zwei oder drei Tage Homeoffice, sagt Hofmann. „Wir sehen, dass Ältere, die den „Laden kennen“ eher mehr Homeoffice wünschen als Jüngere, die den Betrieb erst noch kennen lernen wollen.“
Ist der Stress gestiegen oder hat er sich verringert?
Die Barmer Ersatzkasse untersucht gemeinsam mit der Universität St. Gallen wie sich die zunehmend digitale und stärker flexibilisierte Arbeitswelt auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirkt. Dabei werden über dreieinhalb Jahre hinweg 8000 Arbeitnehmer befragt. Laut der jüngsten Studie stieg das Stressempfinden der Beschäftigten zu Beginn der Pandemie, inzwischen ist er jedoch unter den Ausgangswert gesunken. „Digitalisierung und flexiblere Arbeit können die Beschäftigten mittelfristig gesünder und leistungsfähiger machen“, sagt Stephan Böhm, Studienautor von der Universität St. Gallen. „Das sollte die Unternehmen zusätzlich für den digitalen Wandel motivieren.“
Wie wirkt sich hybrides Arbeiten auf die Leistung von Mitarbeitern aus?
„Wenn Unternehmen und Beschäftigte Spielregeln wie die Trennung von Beruf und Privatleben einhalten, haben flexibles Arbeiten und der digitale Wandel keine negativen Folgen. Vielmehr machen sie die Mitarbeitenden leistungsfähiger“, so die Auswertung der Forschungsergebnisse aus St. Gallen. Das Arbeiten auf Distanz und in virtuellen Räumen erschwert es oft jedoch gerade jüngeren Mitarbeitern bei ihrem neuen Arbeitgeber anzukommen. „Es ist schwieriger, neue Mitarbeitende in die Unternehmen zu integrieren“, sagen die Fraunhofer-Forscher. Laut ihrer Studie bestätigen dies 61 Prozent der Befragten.
Welche Probleme bringt das digitale Arbeiten mit sich?
Dass Mitarbeiter dank digitaler Arbeitsformate produktiver sind, könnte aus Sicht der Stuttgarter Forscher ein kurzfristiger Effekt sein. Sie sehen, dass der Wissensaustausch unter Mitarbeitenden schlechter geworden ist: Weil sich Leute nicht mehr zufällig in der Cafeteria treffen, weil sie Dinge nicht mehr in Ruhe untereinander ausdiskutieren können. Dies sei jedoch grundlegend, um Innovationen in den Unternehmen anzustoßen. „Früher haben alle immer geklagt, dass die Meetings Produktivitätskiller sind, aber ganz ohne direkte Begegnung geht auch etwas verloren“, sagt Josephine Hofmann. „In direkten Meetings war man sichtbar, bekam ein ganz anderes Feedback, konnte sich auch mal produzieren. Das hatte auch was mit Karrieren zu tun.“
Auf welche Lösungen setzen die Firmen?
In vielen Fällen verhandeln Unternehmen derzeit mit den Betriebsräten über neue Betriebsvereinbarungen. Diese sollen unter anderem regeln, wie flexibel Mitarbeiter künftig arbeiten können. Die Süddeutsche Krankenversicherung hat in Fellbach ihren Hauptsitz neu gebaut – und dabei auf Corona und die Digitalisierung reagiert: Früher verzeichnete das Unternehmen eine Anwesenheitsquote von 80 Prozent, nach der Pandemie werde diese Zahl nicht mehr erreicht. „Beim Neubau haben wir uns vom Konzept der Zellenbüros verabschiedet und Teamflächen in größeren Raumabschnitten eingerichtet. Untergliedert mit Besprechungsräumen, Kreativräumen, aber auch Rückzugsorten“, sagt das Vorstandsmitglied Benno Schmeing. „Wir wollen so den informellen Austausch fördern.“ Das ganze Haus wird zum Arbeitsort – das bezieht bewusst die Kantine und die Dachterrasse mit ein.
Welche Fähigkeit wird für Arbeitnehmer noch wichtiger?
Die Unternehmenskultur in den Firmen wandelt sich – und mit ihr die Anforderungen für Mitarbeiter: „Die größeren Freiheiten erfordern mehr Selbstverantwortung und auch ein besseres Selbstmanagement von Mitarbeitern“, sagt Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut. Mitarbeiter könnten nicht gleichzeitig sagen: „Ich will beim Arbeiten alle Freiheit der Welt, aber gleichzeitig brauche ich jemand, der auf mich aufpasst.“