Mitglieder der Stuttgarter Burschenschaft Ghibellinia sitzen gemütlich beisammen – an diesem Wochenende dürfte die Atmosphäre in der Sängerhalle hitziger sein. Foto: Ghibellinia Stuttgart

Studentenverbindungen im Richtungskampf: Die einen beharren auf konservativen, teils rechtslastigen Vorstellungen, die anderen fordern eine Liberalisierung. Ein außerordentlicher Burschentag soll die Fronten klären.

Stuttgart - Michael Csaszkóczy lächelt. Es ist der verständnisvolle Blick eines Pädagogen, der ein komplexes Thema erklärt. An diesem Abend ist es aber nicht sein Auftrag, seinen Schülern etwas über Geschichte beizubringen. Der Realschullehrer ist für die antifaschistische Initiative Heidelberg ins Lilo-Herrmann-Haus nach Stuttgart gekommen. Er berichtet den Angehörigen der örtlichen linken Szene von der Geschichte der Deutschen Burschenschaft.

Die Antifaschisten haben sich getroffen, um ihre Protestaktionen zu besprechen gegen den Burschentag, der an diesem Wochenende im Untertürkheimer Sängerheim stattfindet. Mittvierziger Csaszkóczy hat keine Haare mehr auf dem Kopf, aber unzählige Ringe im Ohr. Auf einer Leinwand zeigt er eine „Spiegel-TV“-Reportage vom letzten Burschentag in Eisenach. Ungläubiges Gelächter, Spott und Entsetzen über die gezeigten Bilder erfüllt den Raum.

Stauffenberg hängt an der Wand

Zehn Auto-Minuten entfernt steht – in nobler Halbhöhenlage – das Haus der Burschenschaft Hilaritas (lateinisch: Heiterkeit). Eine Villa mit einem Turm auf dem Dach, die wirkt wie ein kleines Schloss, das über der Stadt thront. Im Innern des Hauses hängen Hirschgeweihe wie Kronleuchter von der Decke. Hagen Spielmann ist Sprecher, das heißt Vorsitzender der Aktivitas im laufenden Semester. Der Mann, Anfang 20, führt einen Erstsemester-Studenten durch das Haus. „Die Stafflenbergstraße wurde damals extra für unser Haus angelegt“, erzählt er und zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Bild im Saal. Im Gemeinschaftsraum hängt ein moderner Flachbildschirm an der Wand. Die Burschenschaftler waren gemeinsam Blut spenden, um ihn sich leisten zu können. An der gegenüberliegenden Wand blickt Claus Schenk Graf von Stauffenberg von einem Plakat. „Es lebe das heilige Deutschland“, steht unter dem Konterfei des Hitler-Attentäters. „Er war ein Freiheitskämpfer für Deutschland“, sagt Spielmann selbstbewusst. „Deshalb hängt das Plakat dort.“

Studentenverbindungen stehen häufig nicht im besten Ruf und werden von linken Initiativen vehement bekämpft. Schuld daran haben zum Großteil immer stärker werdende, rechte Tendenzen im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB). Die Hilarier bezeichnen sich selbst ausdrücklich als Burschenschaft der liberalen Mitte.

Nicht alle ihre Bundesbrüder halten Stauffenberg und andere Kämpfer gegen das Nazi-Regime, gemäß ihres Wahlspruchs „Ehre, Freiheit, Vaterland“, in Ehren. Beispiel Norbert Weidner: Der 40-jährige ist Ex-Landesgeschäftsführer der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FDAP) in Nordrhein-Westfalen, die inzwischen als neonazistische Organisation verboten wurde. Seit 2008 ist er Chefredakteur der burschenschaftlichen Blätter. Im Verband nennen sie dieses Amt „Schriftleiter“.

Nicht rechtsextrem, sondern „ganz klar rechts“

In einem Leserbrief in der Mitgliedszeitung seiner Burschenschaft, den Raczeks, bezeichnete er den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“, weil er politische und militärische Pläne an die Briten weitergegeben hatte. Ein Brief, der aus Weidners Feder stammt, wie er zugibt. Derzeit läuft deshalb ein Verfahren gegen ihn. Er sei nicht rechtsextrem, sondern „ganz klar rechts“, sagt er.

Auf dem jährlichen Burschentag in Eisenach, im vergangenen Sommer, war Weidner mit knapper Mehrheit als Chefredakteur wiedergewählt worden. Die liberalen Burschen aus dem DB-Vorstand traten geschlossen zurück, unter ihnen der Stuttgarter Hilare Michael Schmidt, der Pressesprecher der DB war. Der Burschentag wurde vertagt.

Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die heute in Bonn sitzt, war häufiger wegen rechter Tendenzen negativ in den Schlagzeilen. Deren Name stammt von einer Gaststätte, in der sich die Burschen im frühen 19. Jahrhundert zu geheimen Besprechungen trafen. Für einen weiteren Skandal sorgten die Raczeks, die den Ausschluss einer Mannheimer Burschenschaft aus dem Bund forderten. Diese hatten einen Studenten mit chinesischen Eltern aufgenommen.

Zuviel für die Stuttgarter Burschenschaften Hilaritas, Ghibellinia und Alemannia. Sie gründeten die Stuttgarter Initiative, die mittlerweile die Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) eingerichtet hat, die Forderungen für den Burschentag erarbeitet hat. Deren Sprecher ist nun Michael Schmidt.

Ginge es nach den Antifaschisten im Lilo-Herrmann-Haus, würden sie dem Treiben der Burschen Einhalt gebieten – und sie auflösen. „Die Studentenverbände stehen für ein Gesellschaftsbild, in dem es keinen Platz für sozialen Fortschritt, Geschlechtergleichberechtigung und internationale Solidarität gibt“, sagt eine junge Aktivistin der Stuttgarter Frauengruppe. Die Burschen hielten zu sehr an überholten Rollenbildern zwischen Mann und Frau fest. Zudem reihten sie sich in Gruppen ein, die gegen Zuwanderer hetzten.

Hitlergruß? Nein, nur eine Bewegung beim Tanzen!

Die Informationen stehen auch auf den Flugblättern, die in Kartons auf einem Tisch stehen. Am Samstag um 12 Uhr treffen sich die Gruppen im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim zu Gegenveranstaltungen. Zwischen 200 und 400 Demonstranten sollen es werden. Mit Töpfen und Trillerpfeifen wollen sie so viel Lärm wie möglich machen.

Dass die Burschen im 19. Jahrhundert aus der Demokratiebewegung hervorgingen und einen großen Teil der ersten Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche stellten, sei kein Argument für eine Verharmlosung von Studentenverbindungen, sagt Antifaschist Csaszkóczy. „Auch die angeblich liberale Hilaritas Stuttgart, hat in der Vergangenheit schon rechte Tendenzen gezeigt“, behauptet er. So singe die Burschenschaft das Deutschlandlied mit allen drei Strophen. Vor drei Jahren habe sie den Rechtsextremisten Herwig Nachtmann zu einem Vortrag eingeladen. Der war einst wegen terroristischer Aktionen in Südtirol verurteilt worden. Zudem kursieren im Internet Bilder eines Hilaren, der auf einer Feier den Hitlergruß zeigt.

„Die erste Strophe des Deutschlandliedes hat eine lange Tradition“

Die Stuttgarter Burschen wehren sich: „Die erste Strophe des Deutschlandliedes hat eine lange Tradition, deshalb singen wir sie, auch wenn sie im Dritten Reich missbraucht worden ist“, sagt Spielmann. Der Hitlergruß auf dem Foto sei ein „ganz normales Wackeln mit dem Arm beim Tanzen“. Dass die Hilaren Nachtmann zu einem Vortrag eingeladen hatten, räumt Schmidt ein: „Er hat einen Vortrag über Südtirol gehalten. Das fanden viele Mitglieder unserer Burschenschaft interessant und er kennt sich in diesem Thema aus.“ Zwar hätten sich die Burschen vor der Einladung darüber Gedanken gemacht, aber „ich kann mir auch eine Meinung anhören, ohne sie teilen zu müssen“, sagt Schmidt.

In Baden-Württemberg beobachtet der Verfassungsschutz keine Burschenschaft. Bundesweit dagegen schon. Etwa die Danubia in München. Verbindungsforscher Dietrich Heither hält Burschenschaften generell für gefährlich: „Da sind oft relative Dumpfbacken dabei“, sagt er. Zwar fühlten sie sich elitär, „zur geistigen Elite zählen sie allerdings nicht.“ Das Problem sei das Verständnis der Burschenschafter von Rechtsextremismus, sagt Heither:„Sie halten Rechtsextreme für prügelnde Nazi-Skinheads.“ Dabei würden sie nicht sehen, dass sie im Prinzip selbst schon ein gefährliches Politikverständnis hätten.

Wer Mitglied bei den Hilaren werden will, muss nicht deutsch sein, wie in anderen Burschenschaften, sondern sich lediglich zu Deutschland bekennen, sagt Spielmann. Der Bewerber müsse Deutschland voran bringen wollen und dazu stehen, Deutscher zu sein. Einer der aktiven Studenten bei den Hilaren ist dunkelhäutig, was kein Problem sei.

Frauen seien für Burschenschafter meist nur schmuckes Beiwerk

Im Lilo-Herrmann-Haus sind inzwischen die Vorbereitungen der Frauengruppe getroffen. Auf der Leinwand ist eine Damenbinde mit der Aufschrift: „Mensur ist Menstruationsneid“ zu sehen. Die junge Frau, die ihren Vortrag hält, erklärt meist den jungen Zuhörern, dass Frauen für Burschenschafter meist nur schmuckes Beiwerk seien.

„Ich habe einmal gelesen, dass die Linken behaupten, Frauen seien für uns nur schmuckes Beiwerk“, sagt Spielmann ein paar Kilometer weiter im Burschenhaus der Hilaren zu dem jungen Studenten, der sich für einen Eintritt interessiert: „Das ist absoluter Unsinn. Bei uns dürfen die Freundinnen übernachten, wann immer sie wollen.“ Er nimmt einen Schluck aus seinem Bierglas.

Die beiden Studenten kommen zum Ende der Hausführung durch den kleinen Saal. Eine Studentin sitzt neben einem Flügel – vertieft in ihre Bücher. Durch das meterbreite Fenster der Villa bietet sich ein malerischer Blick auf Stuttgart. Spielmann lächelt. „Es ist wirklich schön hier“, sagt er. „Ich kann mir nicht erklären, woher dieser unsägliche Hass der Linken auf uns kommt. Jegliche Form von Extremismus lehnen wir ab.“

Weil das nicht jede Burschenschaft tut, verlangt die IBZ an diesem Wochenende, außer Weidners Abwahl als Chefredakteur, auch die drei Burschenschaften auszuschließen, die offen rechtsextreme Tendenzen zeigen. Darunter: Die Raczeks. Fällt der Hilaritas-Antrag durch, fordern sie die Auflösung des Verbands. Scheitert auch dies, „ist es möglich, dass wir dann aus der Deutschen Burschenschaft austreten“, warnt Spielmann.

Den Antifaschisten geht das nicht weit genug. Die Banner, die am Samstag in Untertürkheim wehen werden, geben ihre Marschrichtung vor: „Gebt endlich auf! Deutsche Burschenschaft auflösen!“ Dabei hätten sie schon an diesem Wochenende, mit den Stuttgarter Burschenschaften die Möglichkeit, zumindest ein Teilziel zu erreichen.

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