Am Bau von Verbrennermotoren (im Bild die Montage bei Daimler) hängen viele Arbeitsplätze in der Region. Foto: dpa/Franziska Kra

Die Transformation kostet die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Kreis Esslingen Kraft und Ressourcen. Das geht auch auf Kosten der Beschäftigten.

Die anhaltende Strukturkrise hat auch die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Landkreis Esslingen weiterhin fest im Griff. Wie bewerten die Tarifpartner die Lage und wie wirkt sich die Krise auf die Beschäftigten in den Betrieben aus?

 

Südwestmetall analysiert die Lage so: „Die Auftragseingänge konnten zwar Ende vergangenen Jahres zulegen. Aber die Produktion tritt weiterhin auf der Stelle, und bei den Personalplänen stehen die Zeichen auf weiteren Abbau von Arbeitsplätzen“, erklärt Ralph Wurster. Der Geschäftsführer der Bezirksgruppe Neckar-Fils ergänzt: „Die Transformation kostet viel Kraft und Ressourcen. Gleichzeitig ist der Standort durch hohe Kosten und überbordende Bürokratie stark belastet. In der Folge wird zu wenig investiert – mit dem Risiko, dass Innovationsfähigkeit verloren geht.“

Tarifliche Standards werden aufgeweicht, um Arbeitsplätze zu sichern

Die Sicherung von Beschäftigung habe für viele Unternehmen sehr hohe Priorität, denn es gelte qualifizierte Beschäftigte und betriebliches Know-how im Unternehmen zu halten, um bei einer wirtschaftlichen Erholung handlungs- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Kurzfristige Entlastung dürfe nicht zulasten der langfristigen Zukunftsfähigkeit gehen. Das bedeute für Beschäftigte zumindest mittelfristig Planungssicherheit.

Ein wichtiges Instrument zur Beschäftigungssicherung ist die gesetzlich verankerte Kurzarbeit. Bevor allerdings Kurzarbeitergeld bezahlt werden kann, prüfe die Bundesagentur für Arbeit „im Einzelfall, ob die im Betrieb zulässigen Instrumente zur Arbeitszeitflexibilisierung genutzt wurden“, erklärt Kerstin Fickus, die Sprecherin der Göppinger Arbeitsagentur. Es gebe eine große Bandbreite an Arbeitszeitmodellen und Arbeitszeitkonten, die in den Betrieben individuell geregelt seien – etwa durch Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder arbeitsvertragliche Regelungen.

Kurzarbeitergeld ist eine gesetzlich verankerte Leistung, die von den Arbeitsagenturen ausbezahlt wird. Foto: dpa

Von bewährten und flexiblen Instrumenten spricht auch Wurster und meint den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektro-Industrie. Dieser ermögliche, durch individuelle Vereinbarungen befristet von tariflichen Standards abzuweichen, um Beschäftigung zu sichern und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.

Festo und Balluf haben teils die Arbeitszeit reduziert

So könne die Arbeitszeit um bis zu 14 Prozent abgesenkt werden – verbunden mit einer entsprechenden Anpassung des Monatsentgelts. Stundenreduktion, wie sie bereits bei den Unternehmen Festo und Balluf praktiziert worden sei, mache man nach Worten von Max Czipf, dem Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Esslingen, aber nicht lange, „weil es den Beschäftigten extrem an den Geldbeutel geht“. Beim Krisenmanagement spricht Czipf von einer Kaskade an Möglichkeiten. Der erste Schritt sei die gesetzlich verankerte Kurzarbeit, deren Laufzeit seit der Gesetzesänderung im Dezember 2025 nun von 12 auf 24 Monate verlängert werden kann. Erst als zweiter Schritt sollte die besagte Absenkung von Arbeitszeit erfolgen nach dem Grundsatz „lieber Stunden entlassen statt Menschen“.

Urlaubs- und Weihnachtsgeld wird im Kreis Esslingen zeitweise gekürzt

In einem dritten Schritt verhandelten Gewerkschaft und Unternehmen über weitere Einschnitte, die in einem Ergänzungs-Tarifvertrag fixiert werden können. So wie im vergangenen Jahr bei Eberspächer am Standort Esslingen zum Beispiel, wo unter anderem eine übergangsweise Einschränkung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes sowie eine Steigerung der Arbeitszeit um zwei auf nun 37 Stunden vereinbart wurden.

Außerdem werden zeitlich befristet Sonderzahlungen gekürzt oder ausgesetzt, Tariferhöhungen verschoben oder zusätzliche unentgeltliche Arbeitsleistungen gegen klar definierte Beschäftigungssicherungszusagen im Gegenzug vereinbart, erklärt dazu Wurster.

Für Familien, die ihre Immobilie finanzieren müssen, ist die Krise eine Gefahr

„Beschäftigte kaufen sich damit Sicherheit“, formuliert es Czipf und spricht in dem Zusammenhang von einer „Jongliermasse für die Arbeitgeber“. Tarifliches Zusatzgeld werde teils verpflichtend in freie Zeit umgemünzt wie beim Nürtinger Unternehmen Heller beispielsweise. Bei Entgeltverlusten sieht der Gewerkschafter allerdings rote Linien. So sollte das Grundentgelt nicht angefasst werden, da es sonst für Beschäftigte, die beispielsweise einen Hauskredit abbezahlen müssen und gleichzeitig mit steigenden Lebenshaltungskosten konfrontiert sind, existenziell werde.

Aber es kommt bekanntlich auch zum Verlust von Arbeitsplätzen. Zu den Hiobsbotschaften der letzten Monate gehört die vor vier Monaten bekannt gewordene Ankündigung von Bosch, das Werk in Leinfelden-Echterdingen mit 230 Beschäftigten zu schließen und damit dort die Produktion von Elektrowerkzeugen Ende 2026 endgültig einzustellen. Und das Unternehmen Balluff hatte vor einem Jahr erklärt, in Neuhausen 200 Stellen zu streichen.

Von der Dauer der Krise zeigt sich auch Max Czipf beeindruckt: „Es brennt momentan überall. Vor Corona dachten wir, wir würden nur über die Transformation weg vom Verbrenner reden.“ Aber angesichts vom Krieg in Europa, dem Preisschock und der Zollpolitik der Trump-Administration gehe es nicht mehr um eine konjunkturelle Delle, die man mit Kurzarbeit abfedern könne.

Kurzarbeit auf hohem Niveau

Kurzarbeit
Nach den jüngsten Zahlen, die sich auf den Juni 2025 beziehen, sind im Kreis Esslingen 3775 Beschäftigte in 169 Betrieben (Juni 2024: 137 Betriebe) von Kurzarbeit betroffen. Rund 90 Prozent von ihnen arbeiten im Verarbeitenden Gewerbe mit Schwerpunkt Maschinenbau.

Krise
Die aktuelle Strukturkrise wird von Beobachtern als deutlich einschneidender betrachtet als die Maschinenbaukrise der 1990er Jahre oder die Banken- und Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009. Die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen sieht allerdings in ihrer Januarumfrage erste Anzeichen einer Erholung dank einer verbesserten Auslandsnachfrage.