Der Ausbau der Photovoltaik führt zum Stromüberschuss. Die Folgen für den Bundeshaushalt sind immens. Foto: imago/Jochen Tack

Wind und Sonne statt Kohle und Atom: Der Ökostrom-Anteil erreicht in diesem Jahr Rekordwerte. Für den Bundeshaushalt bedeutet das neue Milliardenbelastungen.

Deutschlands Windräder und Solaranlagen zeigen seit Monaten so richtig, was sie draufhaben. Im ersten Quartal 2024 ist der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien auf fast 60 Prozent geklettert – er lag damit so hoch wie niemals zuvor in den ersten drei Monaten eines Jahres. Doch was nach einer reinen Erfolgsnachricht für die Energiewende klingt, entwickelt sich zugleich zu einem milliardenschweren Problem für die deutsche Staatskasse. Der Grund: Jede Kilowattstunde in der Produktion erneuerbarer Energien wird staatlich bezuschusst.

 

Für 2024 hatte die Ampel-Koalition dafür ursprünglich eine Summe von 10,6 Milliarden Euro reserviert. Doch die tatsächlichen Kosten liegen fast doppelt so hoch. Die Bundesregierung muss Mehrkosten in Höhe von 8,7 Milliarden Euro ausgleichen, wie aus einem Schreiben von Finanzstaatssekretär Florian Toncar (FDP) an Helge Braun (CDU), den Vorsitzenden des Haushaltsausschusses des Bundestages, hervorgeht.

Darum stürzen Strompreise ins Negative

Der Grund für die Mehrkosten sind negative Strompreise. Wenn viel Wind weht oder die Sonne scheint, kann es zu einem Überangebot an grünem Strom kommen, das die Nachfrage übersteigt. In diesen Zeiten stürzen die Preise an den Strombörsen in den Keller – und sogar ins Minus. Im Klartext: Wer in einer solchen Situation an der Strombörse Elektrizität verkauft, muss seinen Abnehmern noch Geld dafür zahlen. In diesen Fällen springt der Staat ein.

Dafür ist nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ein Konto eingerichtet, das von den Übertragungsnetzbetreibern geführt wird. Damit wird die Produktion von Wind- und Solarstrom subventioniert und der Staat muss einen Ausgleich für die negativen Strompreise zahlen. Früher wurden Differenzen zwischen Ausgaben und Einnahmen von den Stromkunden über die sogenannte EEG-Umlage finanziert. Diese wurde abgeschafft, die Mittel kommen nun aus dem Bundeshaushalt.

Mehr Strom aus Erneuerbaren erzeugt als verbraucht

Zuletzt habe vor allem der starke Ausbau der Solarenergie dafür gesorgt, dass der erzeugte Strom aus erneuerbaren Quellen zeitweise größer war als der gesamte Verbrauch, sagt Leonhard Probst, Energieexperte des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), welches die Datenbank Energy Charts betreibt. Ein Beispiel: Am 14. Mai gegen 13 Uhr speisten Solarmodule so viel Strom wie nie ins öffentliche Netz ein: 47,1 Gigawatt (GW). Der bisherige Rekord aus dem Mai 2023 lag bei 40,0 GW.

„Die negativen Strompreise fallen mit Zeiten hoher Solar- und Windstromerzeugung und einer relativ geringen Nachfrage zusammen“, erklärt Probst. Dies sei häufig an Feiertagen oder langen Wochenenden der Fall, wenn witterungsbedingt viel grüner Strom anfällt und gleichzeitig Großverbraucher aus der Industrie nur wenig benötigen. Energieexperte Probst kritisiert, dass trotz Stromüberschüssen klimaschädliche Kraftwerke weiter in Betrieb seien: „Selbst zu Zeiten stark negativer Strompreise sind noch beträchtliche Mengen an konventionellen Erzeugern am Netz.“ Dies trage erheblich zu den stark negativen Preisen bei.

Energiebranche warnt vor Kurzschlussreaktionen

„Negative Strompreise sind kein neues Phänomen und bereits in den Vorjahren aufgetreten“, erklärt Probst. Die bislang längste Spanne mit 36 Stunden negativen Strompreisen am Stück verzeichnete das ISE an Weihnachten 2023. Auch der 26. Februar 2020 sticht heraus, als der Strompreis 22 Stunden lang im Minus lag. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gab es 2023 an insgesamt 301 Stunden negative Strompreise. Zum Vergleich: Im Jahr der Energiekrise 2022 waren es gerade mal 69 Stunden, im Jahr davor 139.

Kerstin Andreae, die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, warnt: „Grundsätzlich darf die aktuelle Entwicklung nicht zu Kurzschlussreaktionen führen, die im Ergebnis den Ausbau der Erneuerbaren Energien ausbremsen“, sagt die Branchensprecherin. „Wir brauchen die aktuelle Dynamik, um die gesetzlich vorgegebenen Ausbauziele zu erreichen.“

Was gegen negative Strompreise hilft

Experten der Denkfabrik Agora Energiewende sehen die Lösung in einem flexibleren Stromsystem – beitragen könnten zum Beispiel Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen, Batteriespeicher und Elektrolyseure, die ihre Nachfrage flexibel anpassen können. „In Zeiten mit viel Wind- und Sonnenstrom beziehen sie Strom und wenn grüner Strom teuer und knapp ist, können sie das Netz entlasten. Auf diese Weise wird der Einsatz von teuren Kraftwerken minimiert“, sagt Fabian Huneke, Projektleiter Energiewende im Stromsektor bei Agora Energiewende.

„Die wachsende Anzahl von Stunden mit negativen Strompreisen, die wir seit 2022 beobachten, zeigt einen Mangel an solcher Flexibilität bei hoher Einspeisung aus Erneuerbaren Energien“, sagt Huneke. Bisher werde das Potenzial aufgrund regulatorischer Hindernisse nur ansatzweise genutzt – zum Beispiel sei es für die Industrie nach wie vor attraktiv, Strom möglichst gleichmäßig zu beziehen. „Solche Fehlanreize müssen Politik und Regulator dringend abbauen“, erklärt Energieexperte Huneke. „Dynamische Strompreise und Netzentgelte könnten stattdessen Anreize für mehr Flexibilität setzen, negative Strompreise zu reduzieren.“

Experten fordern flexibleres Stromsystem

„Negative Preise sind jedoch nicht unbedingt ein Grund zur Sorge“, sagt ISE-Experte Probst. Langfristig seien sie ein Anreiz, die Flexibilität auf der Nachfrageseite zu erhöhen und Technologien wie Energiespeicher und intelligente Netze weiterzuentwickeln. Er empfiehlt der Politik die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Betrieb von Energiespeichern wie Batterien oder Pumpspeicherkraftwerken zu verbessern.

Dadurch sollte ein verstärkter Zubau an Großspeichern, die direkt am Strommarkt teilnehmen, angereizt werden. „Hierbei ist vor allem die dauerhafte Entfristung der Befreiung von doppelten Netzentgelten für Stromspeicher für die Investitionssicherheit dergleichen von herausragender Bedeutung.“ Zudem könne die Modernisierung des Stromnetzes, einschließlich intelligenter Netztechnologien, dazu beitragen, die Stromverteilung zu optimieren und Engpässe zu vermeiden.