Am Telefon und an der Haustür: Energieunternehmen versuchen derzeit, den Stadtwerken Kunden abspenstig zu machen. Foto: dpa

Der Strommarkt ist so hart umkämpft wie nie. Die kommunalen Versorger in Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg wehren sich gegen unlautere Werbung der Konkurrenz – die SWBB haben jetzt eine einstweilige Verfügung gegen den Essener Eon-Konzern erwirkt.

Ludwigsburg/Bietigheim-Bissingen - Mehr als 60 000 Netzkunden. Mehr als 200 Anbieter, die um diese Kunden werben – der Strommarkt in Ludwigsburg und Kornwestheim ist hart umkämpft, und nicht nur dort. Das muss nicht schlecht sein, immerhin ist Wettbewerb in dieser Branche ausdrücklich gewünscht. In jüngster Zeit mehren sich indes Fälle, in denen Anbieter den Wettbewerb nicht mit fairen, sondern unlauteren Mitteln führen. Die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim (SWLB) haben kürzlich in einer öffentlichen Mitteilung „unschöne Abwerbemethoden“ gerügt, die Stadtwerke in Bietigheim-Bissingen (SWBB) zogen kurze Zeit später nach und warnten vor Betrügern. Um dann am Freitag bekanntzugeben, dass man wegen unlauterer Werbung eine einstweilige Verfügung gegen den Energieversorger Eon mit Sitz in Essen erwirkt habe.

Die Fälle sind unterschiedlich, werfen aber ein Schlaglicht auf eine Branche, in der – zumindest teilweise – am Rand der Legalität agiert wird. Zum Schaden der Kunden. „Oft wird gezielt die Gutgläubigkeit älterer Menschen ausgenutzt“, sagt Reiner Gramlich, der Vertriebsleiter der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim.

Die Abwerber der Konkurrenz treten offenbar sehr aggressiv auf

Offenbar sind in beiden Städten aktuell Vertreter von Energieunternehmen unterwegs, die an Haustüren Menschen zum Wechsel des Stromanbieters drängen. Verboten ist das nicht, aber: „Ein 92-jähriger Kunde hat das Verhalten als sehr aggressiv empfunden, das Vorgehen regelrecht als Überfallkommando beschrieben“, berichtet Gramlich. Weitere Kunden hätten bestätigt, dass sie extrem unter Druck gesetzt worden seien. In anderen Kommunen, etwa in Sachsenheim, sind Fälle bekannt geworden, in denen Senioren von den Abwerbern übel beschimpft worden sein sollen.

Seit 2006 verkaufen die SWLB Strom, die Kundenzahl ist seither deutlich gestiegen – vor allem, nachdem die städtische Tochter im Jahr 2014 das Stromnetz von der EnBW übernahm. Fast 16 000 Kunden beziehen heute Strom von den SWLB – inwieweit das Wachstum durch die Drückerkolonnen der Konkurrenz gebremst wird, ist unbekannt. Die Dunkelziffer ist hoch. „Wir bekommen das nur mit, wenn sich Betroffene danach bei uns melden“, sagt Gramlich. In wessen Auftrag die Abwerber unterwegs sind, will er nicht sagen – noch schrecken die SWLB offenbar vor einer juristischen Auseinandersetzung zurück.

Der Eon-Mitarbeiter soll mit unwahren Behauptungen um Kunden geworben haben

Anders die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen, die vor wenigen Tagen beim Landgericht Heilbronn eine einstweilige Verfügung gegen Eon erwirkt haben. Der Vorwurf: Ein Eon-Mitarbeiter soll einen SWBB-Kunden angerufen haben, ohne dass dieser vorab dem Erhalt von Werbeanrufen zugestimmt hatte – das wiederum ist nicht erlaubt.

Zudem soll der Abwerber, ohne den aktuellen Vertrag des Kunden zu kennen, behauptet haben, dieser könne beim Wechsel pauschal hundert Euro sparen. Damit nicht genug: er soll am Telefon auch erklärt haben, die SWBB seien eine hundertprozentige Tochter von Eon, was ebenfalls nicht zutrifft. „Diese Vorgehensweise kann als unlauterer Wettbewerb und Irreführung verstanden werden“, so die Stadtwerke. „Wir wüssten gerne, was die Beweggründe dahinter sind“, sagt die Sprecherin Sarah Hollborn-Roßbach. Auch sie rät Betroffenen, sich sofort zu melden. „Damit wir reagieren können.“

Betrüger versuchen, an sensible Daten zu gelangen

Erst vor wenigen Wochen hat die Bundesnetzagentur Eon und ein Callcenter wegen unerlaubter Werbeanrufe mit Bußgeldern in Höhe von insgesamt 100 000 Euro bestraft. Zu dem neuerlichen Fall in Bietigheim-Bissingen nahm der Konzern am Montag keine Stellung, Eon hat aber nach Angaben der Stadtwerke inzwischen eine sogenannte Abschlusserklärung abgegeben. Damit komme die einstweilige Verfügung des Gerichts einem rechtskräftigen Urteil gleich, sagt Hollborn-Roßbach. „Wenn so etwas noch mal vorkommt, können wir diesen Beschluss geltend machen.“

Unabhängig von diesem Fall sind die SWBB momentan mit weiteren Herausforderungen konfrontiert: mit Betrügern, die am Telefon vorgeben, sie seien Stadtwerke-Mitarbeiter und hätten Fragen zur Stromrechnung. Das Ziel der Kriminellen sei, an persönliche Daten zu gelangen, vermutet das Unternehmen. Etwa an Bankdaten. Die Empfehlung der SWBB: das Gespräch sofort abbrechen. „Rechnungen korrigieren wir grundsätzlich nicht am Telefon.“

Zwar treten alle diese Fälle aktuell gehäuft auf, neu ist die Problematik aber nicht. Im Jahr 2011 hatten die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim auf juristischem Weg die Verbreitung einer Broschüre der EnBW gestoppt, weil diese falsche Preisinformationen enthielt. 2012 warnte sie vor Drückerkolonnen der RWE-Tochter Süwag. 2015 erwirkten die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen eine Unterlassungserklärung wegen illegaler Telefonwerbung gegen das Unternehmen Energy2day.

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