Der Anteil von erneuerbar hergestelltem Strom im deutschen Mix ist zuletzt gestiegen. Foto: Marijan Murat/dpa/Thomas Fritsch

Seit dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke unken konservative Kreise, Deutschland sei von Importen abhängig geworden. Die Versorgungssicherheit sei gefährdet. Daten zeigen, dass das Unsinn ist.

Vor gut 100 Tagen sind die drei letzten deutschen Atomkraftwerksblöcke vom Netz gegangen. Seither hat Deutschland mehr Strom importiert als im selben Zeitraum der Vorjahre. Stimmen aus Union, AfD und einigen Medien erheben nun den Vorwurf, Deutschlands Stromversorgung sei zu sehr vom Ausland abhängig. Ist das so?

 

Was hat sich in den letzten Monaten verändert?

Mit dem Abschalten der drei Atomkraftwerksblöcke Isar 2, Neckarwestheim II und Emsland ist lediglich ein kleiner Teil der deutschen Stromversorgung vom Netz gegangen. Die drei Reaktoren erzeugten in dem verlängerten Betrieb zwischen dem 1. Januar und dem 15. April 2023 laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme insgesamt 6,7 Terawattstunden (TWh) Strom. Das entspricht noch nicht einmal drei Prozent des deutschen Verbrauchs im ersten Halbjahr. Der Wegfall der Atomkraftwerke sei durch „geringeren Verbrauch, verringerte Exporte, gesteigerte Importe sowie den Zubau von Solar- und Windkapazität kompensiert“ worden, so das Fraunhofer-Institut in seinem Bericht für das erste Halbjahr 2023.

Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hat das nicht überrascht: „Es war zu erwarten, dass wir mehr erneuerbare Energien im System haben werden und aufgrund der Tatsache, dass die französischen Atomkraftwerke wieder am Netz sind, weniger Exporte nach Frankreich notwendig sind.“

Ersetzt nun Kohle den Atomstrom?

Seitdem macht erneuerbare Energie einen Großteil der deutschen Stromerzeugung aus, die Atomkraftwerke wurden dabei nicht durch mehr Kohlestrom ersetzt. Im Gegenteil: Kohle wurde im Mai und Juni laut Daten der Bundesnetzagentur deutlich weniger verstromt als in den Vorjahresmonaten, Solarstrom verzeichnete dagegen zum Beispiel in einigen Wochen im Mai und Juni Rekorderzeugungsmengen.

Im Juni deckten heimische Erneuerbare 56,8 Prozent des gesamten Stromverbrauchs – der höchste Juniwert seit 2015 –, ebenso wie im Mai mit 57,5 Prozent. Das zeigen Fraunhofer-Daten. Die absolute Menge des erneuerbar erzeugten Stroms ist dabei übrigens gegenüber dem Vorjahr etwas gesunken – da aber auch der gesamte Stromverbrauch niedriger ist, liegt der prozentuale Anteil des Ökostroms höher als im Vorjahr.

Wie viel Strom importiert Deutschland?

Seit Mai führt Deutschland unterm Strich deutlich mehr Strom ein als aus. Dass im Sommer mehr importiert als exportiert wird, passiert seit 2019 jedes Jahr und kam auch vorher immer wieder vor – mit Ausnahme von 2022, als viele Atomkraftwerke in Frankreich ausfielen. Ungewöhnlich ist daran nur die deutlich höhere Menge als in den vergangenen Jahren: Im Juni lag die Bilanz laut Bundesnetzagentur-Daten bei rund vier TWh Nettoimport – etwa 3,1 TWh wurden exportiert, 7,1 TWh importiert. In den Jahren davor betrug der höchste Nettoimport nur etwa zwei TWh im Mai 2020.

Ersetzt französischer Atomstrom nun deutschen?

Der Juni-Nettoimport von vier TWh entspricht etwa elf Prozent des deutschen Verbrauchs in diesem Monat. Unter den Importen befindet sich auch Atomstrom. Importiert wird der Strom aus elf Ländern. Im Juni kamen beispielsweise 20 Prozent des Importstroms aus der Schweiz, 18 Prozent aus Frankreich und 17 Prozent aus Dänemark.

Atomstrom machte an diesen Importen im Mai 23 Prozent und im Juni 25 Prozent aus, der größte Teil entfiel auf Erneuerbare (50 und 48 Prozent). Diese Anteile hat der Thinktank Agora Energiewende berechnet.

Hängt Deutschland jetzt „am Tropf“?

Nein. Deutschland verfügt über genug Erzeugungskapazität, um seinen eigenen Bedarf zu decken, und kann zusätzlich noch Mengen ins benachbarte Ausland exportieren. Dass aktuell weniger selbst erzeugt und mehr importiert wird, liegt am europäischen Binnenmarkt: Importiert wird Strom immer dann, wenn er anderswo günstiger zu haben ist als im eigenen Land. Mit der Lücke, die durch das Abschalten der Atomkraftwerke entstanden ist, hat der gestiegene Import nur insoweit zu tun, als Atomkraftwerke sehr günstig erzeugen konnten. Weniger günstige Erzeugungskapazität, die jederzeit einsetzbar und nicht so volatil wie die Erneuerbaren ist, hat Deutschland nun also. Die Entscheidung für den Import ist rein ökonomisch begründet.

Ist die deutsche Versorgungssicherheit gefährdet?

„Fakt ist: Deutschland könnte den benötigten Strom zu jeder Zeit selbst erzeugen“, betont Energie-Ökonomin Kemfert. „Aufgrund der hohen Preise für Erdgas und Steinkohle einerseits und der hohen CO2-Zertifikatskosten andererseits ist das aber gerade nicht rentabel. Viele fossile Kraftwerke sind abgeschaltet oder gerade in Jahresrevision. Diese wird immer in die Sommermonate gelegt, weil da genügend Strom vorhanden ist und nur wenig Geld verdient werden kann.“

Der grenzüberschreitende Austausch von Strom ist keine neue Erfindung. Das europäische Verbundsystem wurde bereits seit 1951 aufgebaut, um Versorgungssicherheit innerhalb Europas zu garantieren. Allerdings nimmt die Bedeutung eines gemeinsamen Strommarktes mit dem Ausbau erneuerbarer Energien enorm zu. Denn Wind und Sonne treten regional unterschiedlich stark auf, und auch für Wasserkraft sind manche Regionen sehr gut, andere wenig geeignet. Der Austausch ist auch im Sinne der Verbraucher, wie Kemfert betont: „Strom wird durch einen effizienten Markt günstiger, Wirtschaft und Verbraucher können von niedrigeren Preisen profitieren.“

Wird Deutschland Importeur bleiben?

Voraussichtlich nicht. Typischerweise müsste der Export in den Herbst- und Wintermonaten wieder steigen, weil dann beispielsweise in Frankreich mit vielen Stromheizungen der Bedarf wieder steigt und deutsche Kohle- und Gaskraftwerke wieder rentabel zu betreiben sind.

Ist der CO2-Ausstoß Deutschlands durch das Atom-Aus gestiegen?

Nein, das ist er bislang nicht. Der Anteil der Erneuerbaren an der deutschen Stromerzeugung ist gestiegen, insofern lässt sich für die Zeit seit dem Abschalten der Atomkraftwerke klar sagen, dass der CO2-Ausstoß der Stromproduktion gesunken ist.

Zu Stromimporten kursieren Falschinformationen

Tage statt Strommenge
Kommen 82 Prozent des Stroms aus dem Ausland? Das hatte AfD-Chefin Alice Weidel in einem Tweet behauptet. Sie bezog sich darin auf einen Artikel der „Bild“-Zeitung vom 3. Juli. Darin wurde berichtet, dass Deutschland vom Atom-Aus bis Mitte Juni an 47 von 57 Tagen Strom importiert habe. Tatsächlich hat Deutschland an umgerechnet 82 Prozent der Tage in diesem Zeitraum mehr Strom importiert als exportiert – jedoch keineswegs 82 Prozent des Strombedarfs. Über die Menge des importierten Stroms sagt diese Rechnung nichts aus.