In welche Richtung fließt der Strom? Durch das bidirektionale Laden lassen sich Energieversorgung und E-Mobilität miteinander verzahnen. Foto: dpa/Patrick Pleul

Günstigen Strom in der E-Auto-Batterie zwischenspeichern und später im Haushalt verbrauchen – noch ist das Zukunftsmusik. Doch das könnte sich ändern.

Die Energiewende krankt daran, dass grüner Strom oft dann produziert wird, wenn ihn niemand braucht. E-Autos, deren Batterie Strom zwischenspeichert, könnten die Stromversorgung wesentlich klimafreundlicher machen und den Besitzern Einnahmen bringen. Die ersten Modelle sollen bald auf den Markt kommen.

 

Ein Elektroauto ist eine teure Sache – in der Anschaffung kann es bis zu 15 000 Euro mehr kosten als ein vergleichbarer Verbrenner. Doch über kurz oder lang soll sich mit ihm auch einmal Geld verdienen lassen.

Schon heute lassen sich mit einem E-Auto um die 100 Euro pro Jahr erlösen, weil es kein CO2 ausstößt und seine Treibhausgasquoten nicht in Anspruch nehmen muss, die sich dann über Zwischenhändler verkaufen lassen – zum Beispiel an Mineralölfirmen. Perspektivisch soll es aber noch weit mehr Möglichkeiten geben, das E-Auto zur Geldquelle zu machen.

Option 1: Optimierung des Eigenverbrauchs

Die einfachste Möglichkeit steht E-Autobesitzern zur Verfügung, die zugleich eine Fotovoltaikanlage besitzen. Die Besitzer können den Bezug von vergleichsweise teurem Strom aus dem Netz senken, indem sie überschüssigen Sonnenstrom aus ihrer Anlage in der Batterie zwischenspeichern, der ansonsten nicht vor Ort hätte genutzt werden können. Steigt der Energiebedarf im Haushalt, etwa am Abend, wird Strom aus der Batterie des Autos entnommen, der ansonsten beim Stromversorger hätte bezogen werden müssen. Auch für das Klima ist das von Vorteil, denn der zusätzlich genutzte Eigenstrom ist klimaneutral.

Um Eigenstrom in der E-Auto-Batterie zwischenspeichern und später im Haushalt verbrauchen zu können, sind allerdings Investitionen notwendig, sagt Claus Fest, der beim Energieversorger EnBW unter anderem für die Energiewirtschaft verantwortlich ist. Vor allem gehört dazu ein Bidi-fähiges E-Auto, wie es bisher auf dem Markt noch eine Rarität ist. Notwendig ist zudem eine Wallbox, die ebenfalls das Bidi-Laden beherrscht. Auch hier entsteht das Angebot erst – und ist bisher teuer. Wer das Bidi-Laden ins Auge fasst, sollte also noch etwas warten, um bei Autos und Wallboxen eine Auswahl zu haben. Es dürften auch Autos auf den Markt kommen, die später per Software-Update bidi-fähig gemacht werden können.

Option 2: Tarifoptimiertes Laden und Entladen

Für diese Art des Sparens ist keine Fotovoltaikanlage erforderlich, dafür aber ein Stromtarif, der über den Tag schwankende Preise vorsieht. Große Stromanbieter sind schon heute verpflichtet, solche variablen Tarife anzubieten. Bei diesen sind die Preise niedriger, wenn gerade viel Ökostrom im Netz ist. Wird das Fahrzeug zu Zeiten geladen, in denen der Strom billig ist, und entladen, wenn er teuer ist, entsteht somit eine Einsparung, die auch der Umwelt nützt. Bis zu 27 Prozent des Haushaltsstromverbrauchs können so aus der Fahrzeugbatterie gedeckt werden, schätzt der ADAC.

Erforderlich ist dafür allerdings neben einem bidi-fähigen E-Auto und einer entsprechenden Wallbox auch ein sogenanntes Energiemanagementsystem, das E-Fahrzeug, Wallbox und – soweit vorhanden – auch Fotovoltaik-Anlage und Wärmepumpe miteinander verbindet. Es kann automatisiert dafür sorgen, dass die Batterie zu möglichst günstigen Zeiten ge- und entladen wird. Auch kann das System den absehbaren Strombedarf des Fahrzeugs selbst berücksichtigen. Wird es zu einer bestimmten Zeit mit einer bestimmten Mindestladung benötigt, lässt sich dies einplanen. Nötig ist zudem ein intelligentes Messsystem, das nicht nur den Stromverbrauch misst, sondern Netzbetreibern, Stromlieferanten und Kunden aufzeigt, zu welchen Zeiten wie viel Strom pro Viertelstunde verbraucht wurde.

Option 3: E-Auto speist ins Stromnetz ein

Hier tauscht das E-Auto Strom nicht mit dem privaten Haushalt aus, sondern mit dem öffentlichen Stromnetz. Der E-Autobesitzer bezieht auf der Basis der Großhandelspreise Strom zu Zeiten, da die Preise niedrig sind, um die Batterie zu laden – und speist ihn ins Netz zurück, wenn er teurer ist. Wichtige rechtliche Voraussetzungen sind bisher aber noch nicht gegeben. So fallen derzeit sowohl beim Be- wie beim Entladen der Batterie Steuern, Abgaben und Umlagen auf den Strom an, die dem möglichen Gewinn stark schmälern. Die Forderungen an die Politik, das zu ändern, werden lauter.

Kohlestrom wird aus dem Netz gedrängt

Für das Klima ist dieses Zusammenspiel zwischen E-Auto und Stromnetz nach Ansicht der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur höchst vorteilhaft. Wird die Batterie vor allem dann geladen, wenn der Strom billig ist, schützt das die Atmosphäre, weil der niedrige Preis dadurch entsteht, dass viel Ökostrom ins Netz drängt und das Angebot erhöht. Teuer sei der Strom dagegen, wenn wenig Ökostrom vorhanden ist und klimaschädliche Kraftwerke hochgefahren werden müssten. Diese Kraftwerke könnten durch die E-Autos verdrängt werden, weil der hohe Strompreis einen Anreiz für die Besitzer darstelle, den billig bezogenen, vergleichsweise grünen Strom ins Netz zurück zu speisen. Auch hier werden E-Auto und Wallbox mit Bidi-Fähigkeit, Energiemanagement-System und intelligenter Zähler benötigt.

Nach Einschätzung von EnBW-Experte Fest könnten sich mit diesen Modellen in Summe einmal 150 bis 500 Euro pro Jahr verdienen lassen. Allerdings berge die Teilnahme an diesem Markt für die Autobesitzer auch Risiken. „Wenn einmal sehr viele E-Autos bidirektional laden können, wird das den Markt verändern“, so Fest. In Zeiten, in denen sehr viel Strom aus E-Autos eingespeist wird, , könne der Markt auch „kippen“. Preis und Einnahmen gingen dann im schlechtesten Fall auch mal gegen Null. „Der erhoffte Gewinn kann dann auch mal wesentlich geringer ausfallen.“

* Hinweis: In einer früheren Version hieß es, erste Autos, die bidirektionales Laden erlauben, kämen vom kommenden Jahr an auf den Markt. Laut ADAC werden erste Modelle aber bereits angeboten.