Der Tafelladen in Ditzingen bietet frische Ware für den kleinen Geldbeutel – hier ein Bild aus dem Interimsquartier. Foto: Simon Granville

Der frisch modernisierte Tafelladen heißt in Ditzingen Strohgäuladen. Er liegt abgelegen und ist dennoch zentral. Das Tafel-Team würdigt die Kunden – doch es gibt auch Grenzen.

Die Gruppe der Wartenden vor dem Tafelladen ist groß, minütlich wird sie größer, je näher die Öffnung rückt. Ein Mann sitzt auf der Bank an der Hauswand mit seinem Trolley. Er habe Probleme mit dem Laufen, erzählt er – später sieht man ihn stark humpeln – der Weg vom Bus ist mühsam, aber machbar. 170 Euro blieben ihm monatlich zum Leben, seit acht Jahren ist er auf die Tafel angewiesen. Der 60-Jährige ist gelernter Werkzeugmacher. Er blickt auf anstrengende Arbeitsjahre, sei dann ein Opfer eines größeren Stellenabbauprogramms geworden. Inzwischen sei er kein Individuum mehr, so beschreibt er die Kommunikation mit den Ämtern, „ich bin eine Nummer“.

 

Der gebürtige Serbe wartet auf den Einlass in die Tafel, nacheinander und einzeln erhalten die Kunden Einlass, zuvor wird ihr Ausweis kontrolliert. Das kleine Kärtchen bescheinigt, dass der Mann oder die Frau bei der Diakonie das Einkommen nachgewiesen hat: Einkaufsberechtigt in der Tafel sind alle Menschen, die am Existenzminimum leben. Ältere Männer, junge Frauen mit Kindern, Seniorinnen, die sich zu kennen scheinen, verschiedene Nationalitäten, sie alle begehren Einlass.

Tafelladen in Ditzingen will Kunden „mit Respekt und Würde“ begegnen

Schokolade kostet hier in der Tafel 40 Cent pro Tafel, eine Zitrone 20 Cent. „Maximal ein Drittel darf ich verlangen“, sagt Martina Holler, die Leiterin des Tafelladens, über Preise im Vergleich zum regulären Handel. Wäre es nicht sinnvoll, Obst und Gemüse günstiger abzugeben, damit sich ihre Kunden gesund ernähren können? Holler lässt die Frage unbeantwortet im Raum verklingen.

Zu Weihnachten oder Ostern verpackt die Leiterin der Tafel bisweilen gespendete Schokolade in kleine Päckchen, um sie mit Stil verkaufen zu können. Sie macht darum nicht viele Worte. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis, ihren Kunden mit Respekt und Würde zu begegnen, Atmosphäre zu schaffen. „Wenn sich die Kunden freuen, freue ich mich auch.“ Dazu gehörte für sie aber zuletzt auch, auf die dringend erforderliche Sanierung des Ladenlokals hinzuwirken.

Martina Holler, Ditzinger Tafel-Leiterin, bei der Eröffnung nach der Sanierung. Foto: Simon Granville

Die Tafel, Strohgäuladen genannt, liegt einen Katzensprung vom Rathaus entfernt. Genauso kurz ist der Weg zur evangelischen Kirche, wenig entfernt von der Bushaltestelle. Und doch ist es keine 1 A-Lage, würde man im Handel sagen. Für die Tafelverantwortlichen aber ist es wegen der zentralen, gleichwohl nicht ganz offensichtlichen Lage, genau das. Auch deshalb hatte sich die Stadt vor einigen Jahren dazu entschlossen, das Gebäude zu kaufen – und damit die Existenz der Einrichtung in der Mittleren Straße zu sichern. Zumal sie froh ist, eine solche im Ort zu haben, wie es der Oberbürgermeister Michael Makurath nach der Sanierung anlässlich der Wiedereröffnung Ende vergangenen Jahres formulierte. Es dürfe nicht nur Angebote im hochpreisigen Segment in einer Kommune geben: Das andere benötige man ebenfalls, als „Teil der sozialen Infrastruktur“.

Rund eine Viertelmillion Euro wurde in die Sanierung des Strohgäuladens in Ditzingen investiert

Seit 25 Jahren ist die Ditzinger Tafel eine Anlaufstation für Menschen mit einem sehr kleinen Geldbeutel. Gespendete Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs werden dort zu kleinen Preisen verkauft. Die Räume in der Verantwortung der Kreisdiakonie sind vorigen November wiedereröffnet worden. 260 000 Euro wurden investiert. Die Arbeiten begannen, nachdem ein Großteil der erforderlichen Summe an Spenden eingegangen war.

Der kleine Lebensmittelmarkt hatte zuvor den Charme der 1970er Jahre. Die Regale mannshoch, der Boden abgenutzt. Die Ladenfläche wurde dann vergrößert, der Sortierraum – wo die Waren angeliefert werden – aufgewertet, Büro und Sozialraum dafür verkleinert. Holler ist zufrieden damit, zumal nun nicht nur das freundliche Wort, sondern auch die Räume Wertschätzung und Respekt den Kunden gegenüber vermitteln. Manches Mal werden dort persönliche Dramen offenbar. Wenn etwa ein Familienvater erzählt von seinen Kindern, zugleich aber dort einkaufen muss, weil er seine Ausbildung bezahlen muss.

Manches persönliche Drama wird in der Tafel offenbar

Der kleine Lebensmittelmarkt hatte zuvor den Charme der 1970er Jahre. Die Regale mannshoch, der Boden abgenutzt: Die Ladenfläche wurde vergrößert, der Sortierraum – dort also, wo die Waren angeliefert werden – aufgewertet, Büro und Sozialraum dafür verkleinert. Holler ist zufrieden damit, zumal nun nicht nur das freundliche Wort, sondern auch die Räume Wertschätzung und Respekt den Kunden gegenüber vermitteln – zumal dort auch manch Drama offenbar wird. Wenn etwa der Familienvater erzählt von seinen Kindern, zugleich aber dort einkaufen muss, weil er seine Ausbildung bezahlen muss.

Hier geht’s rein: 35 Ehrenamtliche halten den Stohgäuladen am Laufen, dazu drei Minijobber und eine Putzkraft. Foto: Simon Granville

500 bis 600 Tafelausweise sind derzeit ausgegeben. Nur Ditzinger erhalten das Kärtchen. Damit soll ausgeschlossen werden, dass Kunden die Tafelläden in der Region anfahren, einkaufen und die Ware dann in die Heimat schicken. Was sich mit Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs herausgebildet hatte, soll auf diese Weise unterbunden werden.

Die Tafel-Leiterin Martina Holler kann auch sehr deutlich werden

Ihre Freundlichkeit verdeckt nicht, dass Martina Holler auch deutlich werden kann. Das reiche soweit, dass man Kunden auch mal den Ausweise abnehme und ihn für eine gewisse Zeit sperre. „Die Erwartungshaltung hat sich verändert“, sagt sie. Fordern und dann verärgert sein, wenn das gewünschte Produkt nicht vorhanden ist. Gleichwohl hat die Leiterin der Tafel Verständnis: nicht immer sei dies ein Ausdruck von Anspruchsdenken. In manch anderen Ländern gebe es eben keine derartige Einrichtung, die auf Spenden- und Ehrenamtsbasis funktioniere. Dann sei vor allem Aufklärungsarbeit gefragt. Die Tafel sei „nur ein Zusatz“, ersetze nicht die herkömmliche Lebensmittelladen, erklärt sie dann. „Wir sind kein Vollversorger.“

Zumal nur an die Kunden abgegeben werden kann, was gespendet wird. „Wenn ich nicht viel habe, kann ich nicht viel geben.“ Einige große Handelsketten sind unter den Spendern, dazu Bäckereien, der Landhandel, Landwirte, die verlässlich Kartoffeln und Zwiebeln spenden, so wie die Mühle das Mehl. Treue Spender sind aber auch Kirchen, andere Gruppen und private Spender, die sich erkundigen, was benötigt wird, ehe sie zum Großeinkauf fahren. Trotz aller Spendenbereitschaft gibt es immer auch eine Saure-Gurken-Zeit: „Im Januar und Februar gibt es nicht viel Frisches“, sagt Holler. Auch das hat sie im Blick: Dass sich ihre Kunden gesund ernähren können. Nicht nur, aber vor allem auch die Kinder.

Zugekauft wird nichts: Wenn Waren weg sind, ist es so

„Ich kaufe nichts zu“, nennt Holler einen Grundsatz. Wenn es nichts mehr gebe, gebe es eben nichts mehr. Diejenigen, die morgens die Waren bei den Spendern abholen und in die Tafel bringen, werden daher besonders beäugt. Bisher mussten die Fahrer vom Parkplatz quer durch den Laden zum kleinen Lagerraum. Das sei das immer eine Stresssituation gewesen, sagt Holler. Mit der Sanierung wurde das geändert: Es gibt nun einen zweiten Eingang. Den Fahrern werden nun nicht mehr beim Betreten des Ladens etwa gleich Erdbeeren abgenommen. 

Martina Holler und ihre Kolleginnen füllen die Regale auf und planen – damit jeder Kunde die Möglichkeit hat, auf alle Waren zugreifen zu können. Nicht dass es nur an einem Tag Mehl gibt, sondern mindestens auch am Folgetag.

35 Ehrenamtliche halten die Tafel am Laufen, dazu drei Minijobber und eine Putzkraft – ohne sie wäre die Tafel bei allem Engagement von Stadt, Kirche, Diakonie und Privatpersonen nichts, macht Holler deutlich. Strom, Wasser, das Auto: All das werde über Spenden finanziert. Aber das Ehrenamt lässt sich nicht in Geld aufwiegen. OB Makurath hat es so formuliert: „Professionell wäre es gar nicht zu leisten.“