Leonberg war einst ein Zentrum des Obstanbaus, geprägt von historischen Persönlichkeiten. Ein Blick auf eine goldene Ära – und daraus hervorgegangene Streuobstwiesen.
Die Zeit der Obstblüte beginnt, und es dauert noch, bis im Herbst wieder enthusiastische Idealisten auf ihren Stückle die Früchte einsammeln, sie zu Saft pressen, zu Most keltern, oder zum Obstler brennen. Es ist schon seit Langem pure Liebhaberei, denn Geld verdienen lässt sich damit kaum. Aber die Menschen hegen und pflegen einen Schatz, um den Baden-Württemberg beneidet wird – die Streuobstwiesen.
Es ist eine einzigartige, historisch entstandene Form des Obstbaus. Starkwüchsige, hochstämmige Obstbäume mit großen Kronen stehen in lockeren Beständen und prägen in vielen Teilen das Landschaftsbild. Rund 70 Prozent der Streuobstwiesen Deutschlands sind in Baden-Württemberg zu finden – etwa 3000 Stückle auf 1100 Quadratkilometern Fläche.
Zwischen Rhein und Donau, Odenwald und Bodensee steht die größte Streuobstlandschaft Europas. Jeder zweite Apfel in Deutschland wächst hier. Doch seit 1990 sind drei Viertel der Bestände abgeholzt worden – zugunsten von Siedlungs- und Verkehrsflächen. Zudem haben viele Besitzer die Nutzung aufgegeben wegen der geringen Erlöse beim Obstverkauf.
Die erste Erwähnung von Obstbaumgärten im Land stammt aus Rutesheim
Die Römer hatten den gezielten Obstbau nach Germanien gebracht. Im Mittelalter legten die Klöster Obstbaumgärten an, die die Bauern nachahmten und später auf freien Flächen erweiterten. Die erste Erwähnung von Obstbaumgärten in Württemberg stammt aus Rutesheim. In einer Chronik wird erwähnt, dass im Jahr 1399 in einem Obstbaumgarten mehrere Äcker angelegt wurden. Diese Art der Bewirtschaftung war der Ursprung der Streuobstwiesen.
In Württemberg stand Obstbau immer hoch in Kurs. Schon 1515 gab es ein Gesetz zum Obstschutz. Der Schweizer Arzt und Botaniker Johannes Bauhin hat 1598 im Herzogtum 60 Apfelsorten und 40 Birnensorten mit jeweils eigenen Namen beschrieben und abgebildet. Noch im 19. Jahrhundert hieß es, „das wohlfeile Leben kommt aus dem Holz“, also aus dem Erlös der Früchte der Obstbäume und der Weinreben. Denn die Erträge des wetterabhängigen Getreides ließen die Menschen oft hungern. Die Art der Streuobstwiesen, wie sie heutzutage bekannt sind, entstand im frühen 20. Jahrhundert.
Durch Johann Caspar Schiller erfuhr der Obstanbau im Herzogtum Württemberg eine entscheidende Förderung, sein Werk „Die Baumzucht im Großen“ wurde zum wichtigen Standardwerk. Er hat 20 Jahre lang als Intendant die Herzoglichen Gärten des Schlosses Solitude in Diensten Herzog Carl Eugens (1728 bis 1793) geleitet.
Welchen Stellenwert der Obstbau im Königreich Württemberg hatte, zeigt auch das Buch „Württembergs Obstbau“, das 1871 der deutsche Pomologe Eduard Lucas, eine Koryphäe auf diesem Gebiet, veröffentlicht hat. Lucas hatte 1860 in Reutlingen das „Pomologische Institut“ gegründet. Mit seiner Fachschule erlangte es ein hohes Ansehen als erste Lehranstalt für Obst- und Gartenbau in Deutschland: Es bot sowohl wissenschaftliche Tätigkeit als auch einen praxisbetonten Unterricht an.
Im Oberamt Leonberg sind Apfelbäume prägend – vor allem die Luiken
Lucas hat in seinem Buch den Stand des Obstanbaus in den 64 Oberämtern Württembergs erfasst, darunter auch im Oberamt Leonberg. „Der Obstbau ist in allen Ortschaften des Bezirkes bedeutend“, schrieb er. Vorherrschend seien die Apfelbäume, dabei dominiere die Sorte Luiken. Zudem seien Fleiner, Roter Herbst-Calvill, Goldparmäne, Backapfel verbreitet. Bei den Birnen waren damals Stuttgarter Gaishirtenbirne, Knausbirne, Palmischbirne, Rechte Bratbirne und andere Mostbirnen beliebt.
Sehr um den Obstbau im Bezirk Leonberg würden sich, so Lucas, zwei Männer bemühen. Der eine war der Leonberger Stadtrat, Landwirt, Pferdezüchter und Unternehmer, der Initiator der freiwilligen Feuerwehr, einer Versicherungsanstalt und Schöpfer der Hunderasse Leonberger: Heinrich Essig. Der andere war der Eltinger Ehrenbürger Johann Friedrich Ostertag, einst Pfarrer, der auch die Ortschronik führte.
Die Tradition als Obstbauland führt Baden-Württemberg derweil weiter und ist mit den drei Anbaugebieten Bodensee, Rheinebene und Neckar-Tauber das bedeutendste Obstbauland in Deutschland. Rund 9000 Betriebe im Land bewirtschaften etwa 21 300 Hektar Intensivobstanbauflächen. Damit ist Baden-Württemberg der größte Obstproduzent und Vermarkter in Deutschland.