Am Sonntag ist Zeugnistag für Europas Banken. Am 26. Oktober wollen die Europäische Zentralbank und die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA die Stresstest-Noten bekanntgeben.
Frankfurt - Die Nervosität steigt, die Spekulationen nehmen zu. Doch hinter den Fassaden der Europäischen Zentralbank (EZB) wird geschwiegen. Alle Angaben über den Bilanzcheck und den Stresstest der 131 größten Banken der Eurozone seien „hochspekulativ“, heißt es in der EZB. Erst am 26. Oktober herrscht Klarheit. Dann wird die Notenbank die Ergebnisse veröffentlichen, 48 Stunden vorher werden die Banken informiert. „Wir wissen nichts“, versichert Deutsche Bank Co-Chef Jürgen Fitschen. Mit „bösen“ Überraschungen rechne er aber bei deutschen Instituten nicht.
Angeblich hat auch die Commerzbank bestanden. Vor Kurzem galt sie wegen maroder Schiffskredite wie auch die NordLB als Wackelkandidat. „Einige werden nachsitzen müssen“, sagt Fitschen. Sie müssen sich zur Abdeckung ihrer Risiken zusätzliches Kapital beschaffen. Klappt das nicht, droht die Abwicklung.
6000 Bankenaufseher der EZB, der nationalen Aufsichtsbehörden – in Deutschland die Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin und die Bundesbank – und zusätzlich eingeschaltete Experten haben die Bücher der Banken in den letzten Monaten angeschaut. 120 000 Kredite mit einem Volumen von 1,6 Billionen Euro wurden analysiert und nachgesehen, ob genügend Kapital zur Absicherung der Risiken vorhanden ist.
Letzter Schritt war ein Stresstest mit der Annahme unter anderem eines Konjunktureinbruchs und einem Absturz an der Börse. Dafür wurden 45 Millionen Daten untersucht. Sinn der Übung: Die EZB will am 4. November, wenn sie die Aufsicht über die Banken in Europa übernimmt, keine „faulen Eier“ im Nest haben. Verhindert werden soll, dass letztlich der Steuerzahler für die Schieflage einer Bank gerade stehen muss. Fehlt einer Bank Kapital, hat sie sechs Monate Zeit, die Lücke durch private Kapitalgeber zu schließen. Klappt das nicht, droht das Aus. Ob das einer der 131 geprüften Banken – davon 23 deutsche – passiert, weiß aktuell niemand. Nicht alle werden bestehen, sagt Bafin-Chefin Elke König. „Die eine oder andere Bank dürfte die Latte reißen“. Auch aus der Bundesbank und von EZB-Präsident Mario Draghi gibt es nur vage Aussagen. Basis für den Test sind die Bilanzen des Jahres 2013.
Seitdem, hält Draghi den Instituten zugute, sei viel passiert. „Sie haben ihre Bilanzen seit Sommer 2013 um 203 Milliarden Euro gestärkt.“ Das Kapital wurde erhöht, Gewinne einbehalten, kritische Wertpapiere und Kredite verkauft. Der Test habe bereits dazu geführt, dass die Banken ihre Kapitalbasis gestärkt hätten. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret sieht das als Erfolg. „Das Bankensystem ist schon heute sicherer“.
Das Mannheimer Institut für Wirtschaftsforschung (ZEW) und die Frankfurt School of Finance warnen. „Gemessen am absoluten Betrag des Eigenkapitals der Banken hat sich die Solidität des Bankensystem 2013 nicht verbessert“, sagt ZEW-Chef Clemens Fuest. Vor allem die Großbanken, heißt es in einer Studie der beiden Institutionen, hätten Eigenkapital abgebaut statt es zu erhöhen. Sie hätten die Quoten dadurch verbessert, dass die Bilanzsummen schneller hätten schrumpfen lassen als das Eigenkapital.
Als größtes Risiko betrachten die Ökonomen und Wissenschaftler einen Einbruch an den Finanzmärkten. Im schlimmsten Fall könne sich dadurch bei den 131 Banken eine Finanzlücke von 154 Milliarden Euro auftun, im günstigsten von 58 Milliarden. 14,4 Milliarden davon entfielen auf deutsche Banken. Problematischer sieht es nach Berechnungen der Forscher aus, wenn das Verschuldungsmaß zurate gezogen wird. Die sogenannte Leverage Ratio misst das Eigenkapital einer Bank im Verhältnis zu ihrer Bilanzsumme. Dann fehlten deutschen Banken 66 Milliarden Euro. Freilich: Die Kapitalerhöhungen seit Anfang 2014 sind dabei nicht berücksichtigt – laut Draghi waren es bei allen 131 Banken fast 62 Milliarden Euro. Trotzdem malen auch ZEW und Frankfurt School keinesfalls schwarz. „Ich erwarte nicht den großen Knall“, sagt Studien-Mitautor Professor Michael Schröder. Die Banken seien deutlich sicherer geworden. „Aber noch nicht sicher genug“, schränkt er ein.