Die Hochzeit und der Weg dorthin werden häufig glorifiziert. Manche Paare brechen unter dem Druck zusammen. Hochzeitsplanerin und Mentaltrainerin Miriam Haab aus Dettenhausen hilft ihnen, die Nerven zu bewahren.
Eigentlich fing alles an wie man es aus Märchen, Hollywood-Filmen oder romantischen Kindheitsträumen kennt: Erst kam der Antrag im Kreta-Urlaub, dann die Zusage für die Traumlocation und ein paar Wochen später der Besuch im Brautmodenladen. „Dort habe ich den äußeren Druck zum ersten Mal bewusst wahrgenommen“, erzählt die 31-jährige Jasmin, „ich hatte genaue Vorstellungen davon, wie mein Kleid aussehen soll, aber meine Schwiegermama hatte andere Wünsche. Ich war mir in meiner Meinung sicher, wollte sie aber auch nicht enttäuschen.“ Als die zukünftige Braut ihrem Verlobten davon erzählt, kommt es am selben Abend zum Streit. Fehlendes Verständnis sei der Auslöser gewesen. Seine Erwähnung, dass das Kleid bloß nicht zu teuer sein dürfe, brachte das Fass dann zum Überlaufen. „Eigentlich ist das ja der Punkt bei der Planung, auf den man sich am meisten freut“, sagt Jasmin unserer Redaktion, „aber für mich war das ab dem Tag nur noch ein stressiges Thema“.
Im Vorfeld hatte ihre Schwiegermutter ihr angeboten, das Brautkleid zu zahlen. „Sie hat selbst nicht viel Geld und ich war sehr dankbar für das Angebot, weil auch unser Budget knapp war“. Allerdings ging es bei der Diskussion im Brautmodenladen gar nicht ums Geld: „Das Kleid, das sie für mich wollte, war sogar teurer als mein Favorit“. Für die Schwiegermama sei klar gewesen: Sie finanziert den Traum in weiß, also hat sie auch ein Mitspracherecht. „Mit Mitspracherecht hatte das aber nicht mehr viel zu tun. Bis heute bereue ich es, dass ich sie an diesem Tag überhaupt mitgenommen habe. Aber irgendwie habe ich mich gezwungen gefühlt“, reflektiert Jasmin.
Ihr Verlobter, der schon immer ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte, konnte ihren Ärger nicht verstehen, es fielen Sätze wie „Meine Mutter hat doch einen guten Geschmack, vertrau ihr“, bei ihr liefen Tränen. „Ich hatte das Gefühl, dass es gar nicht mehr um uns ging, dabei soll es doch genau darum bei einer Hochzeit gehen“, erzählt die zukünftige Braut. Am Ende einigten sie sich auf ein Kompromiss-Kleid: „Aber das Thema schleppten wir drei noch eine Weile mit uns herum und der Druck war während der ganzen Planung deutlich spürbar“.
Budgetplanung ist ein großer Streitpunkt
Miriam Haab kennt viele Fälle wie diesen, wie sie am Telefon erzählt. Die gelernte Schauwerbegestalterin organisiert zusammen mit ihrem Team seit zehn Jahren die Feier rund um das Ja-Wort – von der ersten Idee der Tischdeko bis zur Vorort-Betreuung an der Hochzeit selbst. So weit, so normal. Doch seit Kurzem bietet sie neben der klassischen Hochzeitsplanung auch Mental-Programme für Brautpaare an.
„Wir haben in den letzten zehn Jahren die Erfahrung gemacht, dass Brautpaare, die viel selbst machen, immer wieder aneinandergeraten und sich irgendwann nur noch streiten. Ich saß schon vor Paaren, die sich nur noch angezickt haben“, sagt Haab, die ein eigenes Studio in Dettenhausen leitet. Die Gründe dafür seien bei den meisten Paaren ähnlich: Ungenaue Kostenkalkulation, auseinandergehende Vorstellungen, äußerer Druck – aber vor allem fehlende Kommunikation über all das. Dass bei den Hochzeitsvorbereitungen „nicht immer alles rosarot ist“ und die Planung, neben romantischen Gefühlen, auch viel Konfliktpotenzial birgt, ist für viele Paare immer noch ein großes Tabuthema, erzählt Haab, „fast niemand spricht darüber und viele wollen sich das nicht eingestehen“.
Ein großer Teil des Mental-Programms für Brautpaare sind deshalb Gespräche über die Vorstellungen der anstehenden Hochzeit und welche davon umgesetzt werden können. Dabei helfen der Hochzeitsplanerin ihre langjährige Erfahrung und ihr Studium zur Mental-Trainerin: „Ich biete den Paaren eine Kommunikationsmöglichkeit, wo man unteranderem auch bespricht, wie unterschiedlich Frauen und Männer bei diesem Thema denken“.
Dabei seien die äußeren Einflüsse, mit denen Braut und Bräutigam in dieser Phase konfrontiert werden, nicht zu unterschätzen: Familie und Freunde, die „es doch nur lieb meinen“, Erfahrungen als Gast von anderen Hochzeiten, Inspirationen durch Hochzeitsmessen oder Onlinerecherche – und dann kommen auch noch die perfekten Fotos auf Instagram dazu. „Der Druck von außen hat in den letzten Jahren rapide zugenommen“, erzählt die Hochzeitsplanerin von ihren Erfahrungen. Vergessen werde dabei aber oft, dass es sich bei den perfekten Fotos häufig um sogenannte Style-Shoots handelt oder dahinter ein für die meisten Paare unrealistisch hohes Budget steht.
„Einmal habe ich überlegt, die Hochzeit abzusagen“
Zwar „jage nicht jede Frau dem Prinzessinnentraum hinterher“, doch „90 Prozent haben die klassische Märchenvorstellung und träumen schon im Kindergartenalter davon zu heiraten“, sagt die Erfahrung der Mentaltrainerin. „Für die meisten Männer kommt das Thema rund zwanzig Jahre später ein wenig plötzlicher“, erzählt Haab weiter, „auf sie wartet dann ein Berg an Themen, mit denen sie sich noch gar nicht auseinandergesetzt haben“. Die Kommunikation über die Planung beginnt dann an unterschiedlichen Punkten. In erster Linie gehe es deshalb darum, Braut und Bräutigam auf ein „ähnliches Level zu bringen“.
Auch Jasmin hat während der Planungsphase bemerkt, dass ihr Partner sich über viele Dinge noch gar keine Gedanken gemacht hat, während sie schon vor dem Antrag Pinterest-Boards erstellt hat. Am Anfang habe sie das für fehlendes Interesse gehalten, dann aber gemerkt, dass für ihn vieles einfach neu war. Das Mental-Programm von Miriam Haab haben die beiden nicht in Anspruch genommen. Jasmin glaubt aber, dass das Paaren in der Vorbereitungszeit helfen kann.
„Man unterschätzt total, wie viele Meinungen bei diesem Thema auf einen einprasseln“, sagt sie, „ich habe mich teilweise wie ein Fähnchen im Wind gefühlt und wollte es jedem recht machen. Mein Partner hat das alles besser abschotten können. Das hat mich dann noch mehr gestresst“. Probleme beim Schlafen habe sie während dieser Zeit gehabt, weil sie auch nachts die Gedanken an die Hochzeit nicht abschalten konnte. „Einmal lag ich nachts wach und habe überlegt, die Hochzeit abzusagen, weil mir einfach alles zu viel war“. Bis zum Ja-Wort im August hat Jasmin deshalb beschlossen, Instagram und Pinterest von ihrem Handy zu löschen, „um gar nicht erst Gefahr zu laufen, sich zu vergleichen“.
Wie schnell einstige Traumvorstellungen in Unsicherheiten und Zweifel umschwenken können, beobachtet Miriam Haab immer wieder in ihrem Studio – und rät dann zu mehr Selbstreflexion. „Ich halte nichts von diesem schneller, höher, weiter. Mir ist es wichtig, jedem Paar eine authentische Hochzeit zu planen.“ Dabei sei es wichtig, genau in sich hineinzuhören und sich immer wieder zu fragen, will ich das wirklich oder liegt es nur daran, wie jemand anderes aus meinem Umfeld geheiratet hat oder eine andere Person es sich wünscht. „Wenn sich Paare von anderen Meinungen abgrenzen, kann viel Gegenwind auf sie zukommen“, sagt Haab, „auch das kann dann zu mentalem Druck führen“.
Mit Yoga-Übungen zur entspannten Hochzeitsplanung
Um diesem Druck standzuhalten, bietet die Hochzeitsplanerin in ihrem Mental-Programm auch Entspannungsübungen, wie beispielsweise Muskelrelaxation oder angeleitete Traumreisen, die ein wenig an Hypnose erinnern. Das Brautpaar begibt sich dabei gedanklich in eine Art Fantasiewelt und stellt sich unter anderem die gemeinsame Zukunft vor. Im Fokus dabei stehe immer die Fragen, was möchte ich eigentlich? Was passt zu uns? Äußere Meinungen und Einflüsse sollen dadurch besser abgeschirmt und das Vertrauen auf die eigene Stimme gefördert werden. „Durch solche mentalen Übungen kann man das Gehirn ein bisschen umprogrammieren und je öfter man das macht, desto klarer werden die eigenen Gedanken“, so Haab.
Weil die Hochzeitsplanerin großen Bedarf sieht, sollen Yoga-Einheiten mit einer entsprechenden Trainerin das Mental-Programm in Zukunft ergänzen. Außerdem denkt die Mentaltrainerin darüber nach, auch Trauzeuginnen und Trauzeugen ein ähnliches Programm anzubieten, „weil es auch da großes Konfliktpotenzial gibt und ich schon ein paar Freundschaften daran zerbrechen habe sehen“.