Jule Laible (links) und Brigitte Rayer-Pohland sprechen über Politik – und entdecken dabei überraschend viele Gemeinsamkeiten. Foto: Andreas Essig

Eine 18-jährige Schülerin aus Murr und eine 77-Jährige aus Eglosheim – größer könnten die Unterschiede kaum sein. Doch: Im Gespräch über Politik zeigen sich Gemeinsamkeiten.

Die beiden trennen fast 60 Jahre. Die eine, Brigitte Rayer-Pohland, war 28 Jahre lang im Stadtteilausschuss Eglosheim, ist heute Vorsitzende des Stadtseniorenrats Ludwigsburg und hat mit 77 Jahren immer noch vier Ehrenämter inne. Die andere, Jule Laible aus Murr, ist Schülerin am Friedrich-Schiller-Gymnasium Marbach und hat mit ihren 18 Jahren den Großteil ihres Lebens noch vor sich.

 

Zwei Generationen, zwei ganz unterschiedliche Lebenssituationen. Auf Einladung unserer Zeitung haben sich beide getroffen, um über die anstehendende Wahl zu diskutieren, aber auch über Politik im Allgemeinen und die Probleme im Land.

Am Sonntag ist Landtagswahl. Gehen Sie zum Wählen ins Wahllokal oder haben Sie schon Briefwahl gemacht?

Brigitte Rayer-Pohland: Ich bin fertig.

Jule Laible: Ich gehe am Sonntag zum Wählen.

Rayer-Pohland: Zum ersten Mal?

Laible: Nein, nein, ich habe schon mit 16 bei den Kommunalwahlen und der Europawahl mitgewählt. Und da war ich auch gleich Wahlhelfer.

Rayer-Pohland: Sehr schön. So schnell kommt man ins Ehrenamt.

Brigitte Rayer-Pohland bekam 2024 für ihren langjährigen Einsatz im Ehrenamt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Foto: Andreas Essig

Was erwarten Sie sich vom Wahlsonntag?

Rayer-Pohland: Ich erwarte, dass die Leute aufgewacht sind und ihnen bewusst ist, was sie wählen.

Laible: Ich freue mich schon sehr lange auf diesen Tag. Einmal für mich persönlich, dass ich wieder wählen gehen kann, weil ich dadurch das Gefühl habe, Demokratie selbst in der Hand zu haben. Und für die Gesellschaft hoffe ich, dass sie durch das Vergleichen der Wahlprogramme merkt, in welche Richtung sich die Parteien entwickelt haben und dafür sorgt, dass unser Ländle unser Ländle bleibt.

Rayer-Pohland: Ich denke schon, dass die Menschen in Baden-Württemberg noch wissen, was sie an ihrem Ländle haben – auch wenn die Industrie gerade ein wenig in den Seilen hängt. Ich habe 40 Jahre lang bei Porsche gearbeitet und selbst erlebt, was es heißt, wenn von 10.000 Leuten zum Schluss noch 3000 übrigbleiben. Ich habe die Listen geschrieben mit den Namen, wer entlassen wird. Ich hoffe sehr, dass die neue Zeit auch neue Ideen und neue Produkte bringt.

Laible: Das hoffe ich auch. Ich habe Mitschüler, die daran leiden, dass ihre Eltern gerade keinen sicheren Job haben. Das ist so eine große emotionale Belastung.

Also ist für Sie beide im Wahlkampf das Thema Wirtschaft am wichtigsten?

Laible: Ich finde es schwierig zu sagen: Das eine ist am wichtigsten. Die einzelnen Kategorien bedingen sich gegenseitig. Vor allem die Sozialpolitik ist mir aber wichtig.

Rayer-Pohland: Die Sozialpolitik ist ein Riesenpaket. Wenn man die Ausgaben des Landes als Kuchen darstellt, sieht man, dass das größte Stück für die Sozialkosten ist. Da muss ich schon sagen: Irgendetwas geht bald nicht mehr. Wenn wir jetzt nicht anfangen, genau hinzuschauen, was wir uns noch leisten können, dann haben wir verloren. Es wird wehtun, deswegen brauchen wir jetzt mutige Politiker, die nicht immer um alles drumherum reden. Heute wird ein Thema zerredet bis zum Abwinken und dann kommt wieder nichts Vernünftiges dabei heraus. Das ist nicht gut.

Laible: Es ist schwierig. Unserer Gesellschaft hat kein großes Vertrauen mehr in die Politik. Am Dienstag haben wir in der Schule eine Statistik darüber angeschaut, wie groß das Vertrauen in unsere Politiker ist. Auf Bundesebene war das Vertrauen miserabel. Auf Landesebene war es auch nicht besonders hoch. Ich selbst finde es auch schwierig mit dem Vertrauen in die Politik, weil Politiker bei ihren Reden ziemlich indirekt sind, sie können sich nicht auf etwas festlegen.

Rayer-Pohland: Das ist das, was ich mit Mut meine: sich hinstellen und sagen, es geht jetzt geradeaus und nicht um die Kurve. Du musst jede Kurve mitdenken, wenn du es verfolgst, und das ist das, wo ich sage: Das geht nicht, Leute. Ihr müsst uns mitnehmen, und zwar geradlinig mitnehmen, damit wir es auch verstehen.

Laible: Wenn man wirklich im Thema drin ist, kann ich auch verstehen, warum eine Entscheidung gar nicht so einfach zu treffen ist. Aber irgendwann muss sie getroffen werden.

Jule Laible ist im Tennisverein – und trainiert dort auch bereits den Nachwuchs. Foto: Andreas Essig

Können Sie sich vorstellen, eines Tages selbst in die Politik zu gehen, Frau Laible?

Laible: Früher konnte ich das, ja. Aber jetzt habe ich das Gefühl, du wirst immer viele Leute haben, die gegen dich sind und auch persönlich gegen dich sind. Ich wünsche mir später ein Leben, in dem ich mir keine Sorgen machen muss, dass ich verfolgt werde wegen meiner Meinung.

Rayer-Pohland: Ich bin über die kleinste Ebene der Demokratie in die Politik gekommen, das ist zuerst Familie und dann Vereine. Wir müssen alle in unseren kleinen Zellen dieses Vertrauen wieder hinbekommen. Ich habe eines gemerkt: Unausgesprochene Sachen sind schlecht, damit kommt man nicht weiter. Das ist das, was ich in einer Demokratie erwarte, dass man miteinander redet und Wege findet.

Laible: Ich glaube, was wir verlernt haben, ist das Zuhören. Es ist schwierig, jemandem zuzuhören, sich darauf zu beziehen und dann weiterzureden. Ich habe das Gefühl, viele Menschen wollen einfach nur noch etwas mitteilen und gar nicht mehr zuhören.

Rayer-Pohland: Ja, genau. Zuhören ist der erste Schritt. Du hörst jetzt zu und wenn ich fertig bin, kommt dein Statement. Wenn das Jung und Alt hinbekommen, müssen das die Gleichaltrigen doch auch hinbekommen. Es ist auch wirklich schwierig, mit den Leuten zu reden, wenn sie schon ganz aggressiv vor dir sitzen. Es muss sich wieder so entwickeln, dass wir auf die Straße gehen und sagen: ‚Guten Morgen, wie geht’s dir heute?‘ Stattdessen denken wir: ‚Ach, die schon wieder. Das sind ja auch noch Flüchtlinge.‘ Ich weiß, wie schlimm das ist, wie es manchen da draußen geht. Wir können nicht alle retten, aber wir müssen ein Miteinander finden. Die Menschen, die zu uns kommen und arbeiten wollen, die sollen wir auch arbeiten lassen. Ohne die funktioniert unsere Wirtschaft nicht mehr.

Laible: Man sagt immer, es gibt Probleme bei der Integration, aber so etwas erlebe ich überhaupt nicht. Unsere Schule ist riesig, man kennt nicht jeden. Trotzdem erlebe ich, dass in meinem Umfeld alle sehr aufgeschlossen sind. Wenn ich sehe, dass jemand allein herumsteht, den ich kenne, dann quatsche ich ihn an, dann steht der bei uns.

Rayer-Pohland: Ausgrenzung ist gefährlich. Da sind aber auch wir Schuld. Die Menschen kommen zu uns, und wir sagen, sie integrieren sich nicht. Man muss sich aber genau anschauen, warum sie sich nicht integrieren. Weil wir sie zum Teil gar nicht wollen. Was haben wir gegen diese Menschen? Sie nehmen uns nichts weg. Wenn sie von uns etwas bekommen, dann geben sie auch wieder etwas zurück.

Laible: Sie bereichern sogar unsere Gesellschaft. Ich musste nach England kommen, um zu realisieren, dass der Döner aus Deutschland kommt. Da hieß es immer ‚German Döner Kebab‘. Ich habe nie daran gedacht, dass der Döner aus Deutschland kommen könnte. Das hat mich gefreut, weil ich gemerkt habe, es ist so vieles deutsch, was wir nicht als deutsch wahrnehmen, was aber Teil unserer Gesellschaft ist. Wenn wir zusammen als eine Gesellschaft auftreten, dann haben wir so viel, was wir bieten können. Es macht doch viel mehr Spaß, mit Menschen verschiedenster Lebensgeschichten zu reden, als immer mit den gleichen. Wir müssen langsam mal als eine Gesellschaft funktionieren. Wir sind zu faul geworden, dass wir für ein Miteinander kämpfen. Ich habe das Gefühl, während Corona haben wir gemerkt: Allein geht es ja auch.

Corona hat sicherlich dazu beigetragen, aber auch Social Media. Gerade wird munter darüber diskutiert, ob Social Media erst ab 16 erlaubt sein soll. Wie stehen Sie dazu?

Rayer-Pohland: Ich bin dafür.

Laible: Wäre ich jetzt 14, würde ich ganz laut ‚Nein‘ schreien. Jetzt bin ich nicht mehr betroffen, aber im Nachhinein betrachtet – ich hatte nie TikTok. Ich habe es mir vor einem Monat runtergeladen. Da kam dann gleich ein unzensiertes Bild vom Krieg. Ich habe es sofort wieder geschlossen und seitdem nicht mehr geöffnet. Wenn ich auf einer Social-Media-Plattform Kriegsszenen sehe, wie würde ich da reagieren, wäre ich 12, 13, 14? Ich habe Klassenkameraden, die hatten mit 13 schon einen TikTok-Account.

Rayer-Pohland: Das Schlimme ist, dass die Kinder glauben, was da gezeigt wird. Das ist für sie reale Welt. Und das macht mich krank. Ärzte sagen, dass Kinder bis 14, 15 nicht sortieren können, was echt oder unecht ist. Vor 17 sollten sie diese Systeme nicht anfassen dürfen.

Laible: Und es ist ja noch viel schlimmer geworden durch Künstliche Intelligenz. Es gibt jetzt Videos, da kann ich nicht mehr unterscheiden, ob sie echt sind oder nicht. Was mich am meisten an dieser Technik stört ist, dass wir noch keine gesetzliche Grundlage dafür haben.

Rayer-Pohland: Das ist der Mut, den ich vorher angesprochen habe, den man braucht, um zu sagen: ‚Jetzt ist Schluss.‘

Laible: Dann muss man aber auch richtig starke Richtlinien festlegen. Man kann nicht nur sagen: ‚Das kann diffamierend wirken‘. Dieses Gesetz muss wasserdicht sein.

Rayer-Pohland: Jetzt wird es gefährlich. Wir Deutschen wollen immer alles wasserdicht haben. Es gibt Themen, die müssen wasserdicht sein, unbedingt. Aber vor lauter Wasserdichte haben wir eine riesige Bürokratie entwickelt.

Laible: Was ich gemeint habe mit wasserdicht: Wir haben das Recht am eigenen Bild, aber das greift eben noch nicht für KI-Videos, zumindest nicht bei öffentlichen Persönlichkeiten im Netz. Sie sind ziemlich schutzlos ausgeliefert. Deshalb wäre ich dafür, dass man das Recht am eigenen Bild auf KI ausweitet.

Rayer-Pohland: Das wäre aber schnell gemacht.

Laible: Ja, aber man macht es trotzdem nicht.

Rayer-Pohland: Und das ist das, was ich an den Menschen nicht verstehe. Sie reden und reden und wissen genau, es ist schlecht, aber sie tun nichts. Das macht uns politikmüde.

Laible: Dass die Probleme, die man im Alltag spürt, auch wirklich behoben werden. Dass erste Lösungsansätze vorbereitet werden. So etwas sehe ich auch sehr, sehr wenig.

Rayer-Pohland: Wir zwei sollten Politik machen.

Laible: Ja, wir gründen die nächste Partei.

Rayer-Pohland: Sofort.