Der Fall des Schimpansen Robby wirft die Frage nach der artgerechten Haltung von Wildtieren in Zirkussen und Zoos auf. Wir sprachen mit der hessischen Tierschutzbeauftragten Madeleine M artin über den letzten in einem deutschen Zirkus gehaltenen Menschenaffen und über Tiere in Gefangenschaft.

Lüneburg/Visselhövede - Der Rechtsstreit um den letzten Menschenaffen in einem deutschen Zirkus geht in eine neue Runde: Am 8. November wird vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg verhandelt, ob der Schimpanse Robby aus dem Circus Belly geholt werden soll.

Das Verwaltungsgericht der Stadt hatte im Frühjahr 2017 entschieden, dass Robby in einer für die Resozialisierung von Schimpansen spezialisierte Auffangstation für gequälte Primaten in den Niederlanden das Leben unter Artgenossen lernen soll. Dagegen legte der Zirkusdirektor Klaus Köhler Berufung ein.

Wir sprachen mit der hessischen Landestierschutzbeauftragten Madeleine Martin über den Fall Robby und die artgerechte Haltung von Wildtieren in Zirkussen und Zoos.

„Es war die richtige Entscheidung, die Tiere wegzuholen“

Frau Martin, soll der Schimpanse Robby aus dem Zirkus, in dem er seit mehr als 40 Jahren lebt, herausgeholt und in eine Affen-Gruppe integriert werden, um artgerecht zu leben?

Ich kenne Robby selber nicht. In Hessen hatten wir aber ganz ähnliche Fälle. Einzelne ohne Artgenossen gehaltene, mit der Flasche aufgezogene Schimpansen, wurden in Hessen insbesondere in den 1990er Jahren in kleinen Zoos, Vergnügungsparks und Zirkussen als Attraktion gehalten. All diese Tiere haben wir noch im hohen Alter in Primaten-Tierheime, auch der AAP-Almere-Stiftung in der niederländischen Stadt Almere, gebracht.

Und hat die Umsiedlung funktioniert?

Alle Schimpansen haben sich fantastisch eingefügt und sind wieder zu echten Affen geworden. In Almere haben sie eine erfolgreiche Eingewöhnungsquote von 95 Prozent. Ich kann nur für unsere Fälle sagen: Es war die richtige Entscheidung, die Tiere wegzuholen. Sie konnten ihre letzten Lebensjahre noch bestens als Affen erleben.

Liegt es da nicht nahe, auch Robby aus dem Zirkus Belly, der sein Winterqaurtier in Rastatt hat, zu holen?

Die Fälle, die wir hatten, waren nicht viel anders gelagert. Im Fall von Robby haben insbesondere Tierärzte dafür plädiert, dass er im Zirkus bleiben soll. Wir hatten genau dieselbe Situation in Hessen. Renommierte Tierärzte aus dem Frankfurter Zoo sagten damals, dass man einen Zirkus-Schimpansen nie mehr in eine Affen-Gruppe eingliedern könne. Fakt ist: Die Tierärzte wurden alle Lügen gestraft.

Wie stehen Sie zur Haltung von Zirkustieren?

Man muss da ganz realistisch sein. Kann man in einem reisenden Unternehmen die Bedingungen erfüllen, die ein Tier für eine artgerechte Haltung braucht? Ich denke, nein! In Deutschland haben Zirkustiere sehr viel weniger Platz als Zootiere. Das dies gesetzlich erlaubt ist, liegt an einer Hypothese aus den vergangenen Jahrzehnten, die schlichtweg falsch ist.

Die besagt . . .

Die Arbeit in der Manege sei für Zirkustiere eine solche Erfüllung, dass sie mit noch viel weniger Platz leben können als Wildtiere im Zoo. Heute weiß man, dass dies nicht den Tatsachen entspricht. Ein Beispiel: Selbst einem Zirkuspferd gesteht man weniger Platz als einem anderen Pferd zu! Ein Zirkuspferd steht in der Regel den ganzen Tag in einer Box und kommt zwei Mal am Tag für fünf bis sieben Minuten in die Manege. Jedes andere Pferd muss nach den Pferdeleitlinien inzwischen täglich mehrstündig freien Auslauf haben. Dies ist für Zirkuspferde nicht vorgesehen. Wie soll das für ein Tier, das in Freiheit andauernd in Bewegung ist, ausreichen? Das ist doch lächerlich.

Löst sich das Problem nicht von alleine? Die Akzeptanz der Haltung von Zirkustieren in der Bevölkerung wird immer geringer.

Die Bevölkerung stimmt mit den Füßen ab. Die Menschen gehen in Artistik-Zirkusse wie Flic Flac und Cirque du Soleil, wo die Ränge voll sind, während sie Zirkusse mit Tierdressuren immer mehr meiden.

Wie beurteilen Sie die Haltung von Wildtieren in deutschen Zoos?

In manchen Zoos ist die Haltung artgerecht, in anderen weniger. Das hängt ab vom jeweiligen Zoodirektor. Auch in den Zoos sollte mehr Ehrlichkeit herrschen, welche Tiere man wirklich braucht, um Menschen zu gewinnen, die die Lebensräume dieser Tierart dann schützen.

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