In Leinfelden-Echterdingen fragt sich ein Patient, warum er über eine Stunde auf Hilfe warten musste. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ein junger Mann windet sich unter schwersten Krämpfen, muss aber trotz Notrufs eine Stunde lang auf Hilfe warten. Er glaubt zu wissen, warum – doch das Deutsche Rote Kreuz widerspricht vehement.

Leinfelden-Echterdingen - Diesen Samstagabend im vergangenen Juli wird der junge Mann aus Leinfelden-Echterdingen (Landkreis Esslingen) nicht so schnell vergessen. Es ist 21 Uhr, als er bei einem Freund eintrifft. „Ich hatte keinerlei Alkohol getrunken“, erinnert sich der Student. Nach wenigen Minuten bekommt er extreme Schmerzen im Unterbauch. Er schleppt sich auf die Toilette und bricht dort zusammen. „Es ging mir innerhalb kürzester Zeit sehr schlecht. Ich habe mich bestimmt zehn Mal übergeben, lag auf dem Boden und konnte nicht mehr aufstehen vor Schmerzen“, erzählt er. Sein Freund bemerkt das und wählt den Notruf 112.

Was dann passiert, beschreiben die beiden als schlimme Erfahrung. Sein Freund habe gefragt, wie lange es dauert, bis der Rettungswagen da ist und zur Antwort bekommen: „Zaubern können wir nicht“, schildert der Student die Situation. Außerdem sei nach Alkoholkonsum gefragt worden, was sein Freund verneint habe. „Danach ist erst einmal eine halbe Stunde lang nichts passiert“, so der junge Mann. Er windet sich unter Krämpfen. Der Hausherr greift nochmal zum Telefon und erkundigt sich besorgt, wo die Retter denn blieben. Die Antwort habe gelautet: Man sei gerade auf der Autobahn.

Nach einer Stunde fährt schließlich ein Fahrzeug vor. Die Besatzung steigt aus, schaut sich den Patienten an – und alarmiert sofort den Notarzt. Der trifft zehn Minuten später ein und hat gleich den Verdacht auf Nierenstein – eine extrem schmerzhafte Sache. Nach der Gabe von Schmerzmitteln kann der junge Mann in ein Krankenhaus gebracht werden. Der Abtransport, so stellt sich später heraus, ist um 22.29 Uhr erfolgt. Wenige Stunden später liegt der Patient zur Not-OP unterm Messer. Ein Nierenstein hat den Harnleiter verstopft, die Niere ist gestaut. Der Betroffene ist sich sicher: „Das hat alles so lange gedauert, weil man dachte, ich sei halt betrunken.“

Statt des Notarztes kommt ein Krankentransport

Diesen Eindruck weist das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Esslingen-Nürtingen entschieden zurück. Man habe den Notfall nachrecherchiert, sagt Rettungsdienstleiter Michael Wucherer: „Das erste Gespräch gestaltete sich sachlich und ohne Emotionen und ergab das Leitbild eines akuten Abdomens.“

Darunter versteht man massive Bauchschmerzen, denen unterschiedliche, teils lebensbedrohliche Ursachen zugrunde liegen können. Oft handelt es sich dabei um Blinddarmentzündungen oder andere akute Entzündungen im Bauchraum. Aussagen am Telefon von schweren Krämpfen und einem Zusammenbruch könne man nicht bestätigen, so Wucherer. Und: „Es wurde nicht über eine mögliche Alkoholisierung des Patienten gesprochen.“ Die hätte ohnehin keine Auswirkungen auf die Wahl des Rettungsmittels haben dürfen, betont Wucherer. Selbst wenn erkennbar nur eine Alkoholisierung ohne Begleitsymptome oder Verletzungen vorliege, werde unter einem speziellen Einsatzstichwort ein Notfalleinsatz eingeleitet, wenn das nötig ist.

Der zweite Anruf, so das DRK, sei mit „einer genauen Standortangabe des Fahrzeuges“ beantwortet worden. Allerdings hat die Leistelle trotz des akuten Abdomens weder einen Rettungswagen noch einen Notarzt zum Einsatzort geschickt, sondern einen Krankentransport. Der dient normalerweise zum Transport von Patienten aus einer Arztpraxis oder von einem Krankenhaus in ein anderes, nicht für akute Notfälle. Die Besatzung darf auch keine Schmerzmittel verabreichen. Sie habe aber, betont Wucherer, sofort Notarzt und Rettungswagen nachgefordert.

„Die Leitstelle wusste von den extremen Schmerzen“, sagt der junge Mann dagegen. „Und es wurde an diesem Abend sehr klar, dass man die Situation mit jungen Leuten an einem Samstagabend eindeutig mit dem Thema Alkohol verbunden hat.“ Zudem wundert er sich angesichts der Schilderungen, dass auf der Rechnung vom DRK kein Krankentransport, sondern Rettungswagen und Notarzt vermerkt gewesen sind. Seine Schlussfolgerung lautet schlicht: „Da hat die Rettungskette versagt.“

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