Längst nicht bei jedem Hausbesuch arbeiten ambulante Pflegedienste auch kostendeckend Foto: Fotolia

Im Konflikt um die wachsenden Finanznöte bei der ambulanten Pflege üben die kirchlichen Träger im Südwesten jetzt den Schulterschluss. Vertreter von Caritas und Diakonie übergeben an diesem Mittwoch im Stuttgarter Landtag die Unterschriften von 60 000 Bürgern aus Baden-Württemberg, die sich für eine Erhöhung der Kostensätze bei der häuslichen Hilfe einsetzen.

Stuttgart - Im Konflikt um die wachsenden Finanznöte bei der ambulanten Pflege üben die kirchlichen Träger im Südwesten jetzt den Schulterschluss. Vertreter von Caritas und Diakonie übergeben an diesem Mittwoch im Stuttgarter Landtag die Unterschriften von 60 000 Bürgern aus Baden-Württemberg, die sich für eine Erhöhung der Kostensätze bei der häuslichen Hilfe ein-setzen. In Empfang nehmen wird die Listen der amtierende Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) am Rande einer Plenarsitzung.

Von dem landesweit unterstützten Hilferuf erhoffen sich die kirchlichen Träger, mit ihrer Forderung nach einer besseren Finanzausstattung endlich auch in der Politik mehr Gehör zu finden. „Wir brauchen die Einsicht, dass den Sozialstationen das Wasser inzwischen bis zum Hals steht“, erklärt Thomas Wilk, Sprecher des Caritasverbands der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Allein in diesem Bereich unterhält die katholische Kirche gut 80 ambulante Pflegedienste.

Wie vielen sozialen Hilfseinrichtungen vom Roten Kreuz bis zur Arbeiterwohlfahrt fällt es ihnen immer schwerer, die Lücke zwischen steigenden Personalkosten und den in der Vergangenheit kaum erhöhten Er-stattungen der Krankenkassen zu schließen.„Seit Jahren deckt die Refinanzierung der Kassen nicht mal die Tariferhöhungen“, beklagen Caritas und Diakonie in der 60 000-fach unterzeichneten Protestnote.

Außerdem hätten die Pflegekräfte in ihrer täglichen Arbeit mit betroffenen Patienten mit immer mehr Bürokratie zu kämpfen. Bezahlt werde die von den Krankenkassen unter dem Stichwort „Qualitätssicherung“ verlangte Schreibtischarbeit in der Regel nicht. Im Gegenteil: Obwohl es die Pflegedienste immer öfter mit multimorbiden Fällen zu tun haben, kann jeweils nur die teuerste Leistung abgerechnet werden. Für einen Hausbesuch mit Blutzuckermessung, Insulinspritze, der Gabe von Augentropfen und dem Anziehen von Kompressionsstrümpfen erhält etwa das Diakonische Werk selbst bei einem dement-aggressiven Patienten gerade mal 9,66 Euro. Der Wechsel eines komplizierten Wundverbands wird von den Krankenkassen nach Recherchen unserer Zeitung wie vor nur mit 20,79 Euro honoriert – auch wenn für den Einsatz eine 30-Kilometer-Anfahrt über im Winter verschneite Schwarzwaldstraßen nötig ist.

Nach Schätzungen von Pflegeexperten schreiben mittlerweile etwa 60 Prozent der 1110 Pflegedienste im Land nur noch rote Zahlen. „Es ist sicher, dass in nächster Zeit einige Angebote unter die Räder kommen“, betonte Achim Uhl vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, als unsere Zeitung im April die Finanznöte zum Thema machte. Als eines der ersten Opfer der Sparwelle gilt das Rote Kreuz in Ludwigsburg, das seine seit Jahren defizitäre Sozialstation im Juli schließen wird. Auch in Buchen im Odenwaldkreis hat sich das DRK aus Kostengründen bereits aus der häuslichen Pflege verabschiedet. Obwohl ein Engpass bei der ambulanten Versorgung vor allem in dünn besiedelten Regionen befürchtet wird, hat bei der Caritas mit der Sozialstation in Karlsruhe eine der ältesten Einrichtungen die Segel gestrichen. Die Diakonie behilft sich bisher, verschiedene Pflegedienste zu größeren Einheiten zu verschmelzen, um finanziell nicht in Schieflage zu geraten.

Die im November vergangenen Jahres nach einer monatelangen Hängepartie von einem Schiedsgericht festgelegte Erhöhung der Kostensätze um wenigstens 3,7 Prozent ist übrigens noch immer nicht in trockenen Tüchern. Die AOK Baden-Württemberg klagt in dem als richtungsweisend geltenden Fall vor dem Stuttgarter Sozialgericht gegen den Beschluss. Mit einer Entscheidung wird frühestens im Sommer gerechnet.

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