Der Besitzer des „Ludwigsburger Brauhaus“ und des Kornwestheimer „Applaus“ provoziert mit seiner Kritik an der Bundesregierung. Mittlerweile hat er die Plakate wieder abgehängt, und der Branchen-Verband ist sauer.
Die Nachricht über die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent war eine Hiobsbotschaft für die Gastronomie in ganz Deutschland. Viele Wirte sind sauer auf die Bundesregierung, einige greifen bei ihrer Kritik zu drastischen Mitteln und Worten. Wie Ralph Wagner, der das Ludwigsburger Brauhaus und das Kornwestheimer Applaus betreibt.
Der Wirt sorgte in den vergangenen Tagen mit einer provokanten Aktion für Gesprächsstoff. Wagner hängte an den Türen seines Ludwigsburger Gaststätte in der Nähe des Bahnhofs ein Plakat mit der Aufschrift „Haus- & Bewirtungsverbot“ für die Bundesregierung auf. Darauf Fotos der Ministerinnen und Minister und die Begründung: „Aufgrund von asozialem Verhalten und der Vernichtung von Existenzen und Arbeitsplätzen.“ Wagner fühlt sich von der Politik ungerecht behandelt, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Aktion solle provozieren – doch das gefällt nicht jedem.
Provokation ist gewollt
Er habe sich vergangene Woche sehr über die Bundesregierung geärgert, erklärt Wagner die Plakataktion. „Uns wurde lange gesagt, dass die Mehrwertsteuer bei sieben Prozent bleibt, dann wurde das kurzfristig gekippt“, sagt Wagner – er fühle sich „verarscht“. Dabei gehe es ihm nicht nur um die Mehrwertsteuer, in den vergangenen Jahren hätte es immer wieder kleine Nadelstiche gegeben, die die Gastronomen in Bedrängnis gebracht hätten. Die Situation der Branche frustriere ihn zunehmend.
Mit Blick auf die Plakataktion sei er sich natürlich bewusst, dass sich niemals ein Mitglied der Bundesregierung in eine seiner Schenken verirren würde. Mit dem Plakat an der Eingangstür seines Brauhauses habe er seinem Frust einmal Luft machen wollen. „Und natürlich will ich damit auch provozieren“, sagt Wagner.
Diese Provokation stößt bei den Gästen auf ganz unterschiedliche Resonanz. In den Kommentaren unter einem Facebook-Post des Ludwigsburger Brauhauses entbrannte in den vergangenen Tage eine Diskussion, bei denen Politiker teilweise übel beleidigt wurden. Viele unterstützen Wagner in seiner Kritik. „Wenn ich nächstes Jahr wieder in Ludwigsburg bin, komme ich vorbei und bedanke mich bei Ihnen“, schreibt beispielsweise Facebook-Userin Gabriele Bauer. Es gibt aber auch einige Kritiker der Aktion. „Wenn ich so einen Mist sehe, dann erst recht 19 Prozent“, schreibt zum Beispiel User Michael Hitzler.
Er verurteile die beleidigenden Kommentare, sagt Wagner über die Facebook-Diskussion. Das habe er nicht hervorrufen wollen, aber leider würden Online-Diskussionen häufig so verlaufen. Doch nicht nur auf Facebook, auch in seinen Gasthäusern hat Wagner mehrere aufgekratzte Reaktionen auf die Plakate wahrgenommen.
Dehoga findet Plakataktion nicht zielführend
Ein paar Gäste hätten die Aktion heftig kritisiert, und auch die Stadt Kornwestheim, Verpächter des Applaus, habe ihn gebeten, die Plakataktion zu überdenken. Aus Rücksicht vor seinen Mitarbeitern, die er vor hitzigen Diskussionen schützen wolle – und wegen der Sorge, Stammgäste zu verlieren – habe er sich am Sonntag dazu entschieden, die Plakate wieder abzuhängen. Zu seiner Meinung, die Bundesregierung habe die Gastronomen an der Nase herumgeführt, stehe er aber trotzdem, sagt Wagner. Während eine gesellschaftlich wichtige Institution wie die Gastronomie vernachlässigt werde, gebe es unzählige fehlgeleitete Subventionen der Bundesregierung.
Marco Angas stimmt Ralph Wagners inhaltlicher Kritik zu – die Art und Weise der Kritik unterstützt er derweil nicht. Angas ist Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Kreis Ludwigsburg und findet die Plakataktion nicht zielführend. „Im Grunde kann jeder sagen, was er denkt – und jedem Hausverbot geben, dem er will – wir sollten aber konstruktiv bleiben.“
Er habe mit Ralph Wagner am Montagmittag telefoniert, sagt Angas, und könne den Frust des Gastronomen verstehen. „Wir sollten uns als Branche aber von Stammtischparolen distanzieren“, sagt der Dehoga-Chef. Stattdessen sollte die Gastronomie nun darauf achten, im Gespräch zu bleiben und versuchen, weiterhin mit Politikern an einen Tisch zu kommen. „Wir sind erst einmal leider gescheitert, die Diskussionen werden aber weitergehen“, sagt Angas. Er sei zwar enttäuscht über die jüngste Entscheidung der Bundesregierung, für ihn ist das Thema Mehrwertsteuer auf Speisen aber noch lange nicht beendet.
Streit um Mehrwertsteuer
Hintergrund
Um Gastronomen zu entlasten, wurde der Mehrwertsteuersatz für Restaurants während Corona auf sieben Prozent gesenkt. Nun hat die Bundesregierung entschieden, dass die Steuer wieder auf den Ursprungswert von 19 Prozent gesetzt wird. Auch wegen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur Schuldenbremse, durch das 60 Milliarden Euro im Haushalt fehlen.
EU-Vergleich
Deutschland gehört von 2024 an zu den EU-Ländern mit dem höchsten Mehrwertsteuersatz für Speisen in Restaurants. Laut Dehoga gilt nämlich in 23 von 27 EU-Ländern ein reduzierter Steuersatz für Gastronomen. In Ländern wie Österreich, Frankreich und Italien werden zum Beispiel nur 10 Prozent Mehrwertsteuer erhoben.