Johannes Fridrich wehrt sich gegen die neue Flugroute – er fürchtet, dass bald sehr viele Menschen unter mehr Fluglärm leiden werden. Foto: /Achim Wörner/ StZ

Etliche Orte rebellieren gegen die neue Abflugroute am Stuttgarter Flughafen. Die Kritiker beklagen mangelnde Transparenz – und misstrauen den Gutachten. Ihr Anführer ist Nürtingens OB Johannes Fridrich. Was treibt ihn an?

Nürtingen - Wenn Johannes Fridrich anschaulich machen will, was einem Teil seiner Bürger dräuen könnte, führt er den Gast dieser Tage auf die Oberensinger Höhe. Dort öffnet sich ein traumhafter Blick hinüber zur Schwäbischen Alb. Auf der einen Seite der Landstraße Richtung Wolfschlugen residiert auf einem Aussiedlerhof der Biolandwirt David Traub. Die Villa Domnick, wo der Arzt Ottomar Domnick und seine Frau Greta in den 1960er Jahren eine herausragende Sammlung abstrakter Kunst zusammengetragen haben, steht mitten in der schönen Landschaft, ein Kleinod ersten Ranges. Auf der anderen Seite liegt das ruhige Wohngebiet des Ortes Hardt, Häuser in teurer Hanglage, ein begehrter Platz zum Wohnen, ruhig und mit viel Natur drumherum, ein Schlafort mit prominenten Bewohnern, auch Fußball-Profis sind darunter.

 

Vereint gegen den Fluglärm, steht auf Plakaten

Doch der an diesem Nachmittag strahlend blaue Herbsthimmel trügt, dunkle Wolken sind aufgezogen über Oberensingen und Hardt, der Villa Domnick und Landwirt Traub, seit der Plan für eine neue Flugroute am Stuttgarter Flughafen für die Urlaubsflieger gen Mallorca publik gemacht wurde. „Vereint gegen Fluglärm“ steht auf einem Plakat im Schaukasten gleich am Ortseingang. Der OB sieht es mit Wohlgefallen. Bürger und Rathausspitze Seit’ an Seit’.

Durch die zusätzliche Abflugstrecke sollen Gemeinden im Norden und Nordosten des Flughafens wie Ostfildern, Deizisau oder Plochingen entlastet werden, deren Zustimmung bleibt leise. Widerstand ist leichter zu mobilisieren, er ist lauter, wie andernorts im Kreis Esslingen, wo mit mehr Lärm durch Jets gerechnet werden muss, in Denkendorf und Neuhausen auf den Fildern, in Wolfschlugen und Aichtal – und eben auch in Nürtingen. In diesen Gemeinden haben sich binnen kurzer Zeit mehrere Bürgerinitiativen gebildet, rund 11 000 Menschen haben bisher eine Petition gegen den potenziellen neuen Korridor unterschrieben, und jeden Tag kommen neue Unterzeichner hinzu, alle Gemeinderäte haben ihren Unmut artikuliert.

Eine Koalition des Widerstands

Gleich neun Bürgermeister und Oberbürgermeister wandten sich im Schulterschluss dieser Tage direkt an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und seinen Verkehrsminister Winfried Hermann, der zugleich Aufsichtsratschef des Flughafens ist. Ihr Ziel: den „rasenden ICE doch noch aufzuhalten“, wie Johannes Fridrich sagt. Irgendwie. Und ein neues Verfahren, unter Beteiligung aller betroffenen Kommunen, anzustoßen. Der Nürtinger Rathauschef steht vorne in der Phalanx der Kritiker, er ist, wer es so will, der Anführer der Fluglärmrebellen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Die neue Flugroute ist eine große Chance“

Fridrich, 44 Jahre alt und verheirateter Vater einer sieben Monate alten Tochter, ist erst seit August 2019 im Amt, er ist ehemaliger Richter und Staatsanwalt. Ihn leitet ein großes Gerechtigkeitsgefühl, wie im Gespräch mit ihm schnell deutlich wird. „Transparenz, größtmögliche Offenheit, keine Hinterzimmerpolitik“ – explizit damit hat er im Wahlkampf vor zwei Jahren geworben. Und jetzt das: Die Fluglärmkommission mit ihren 15 Mitgliedern unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Christof Bolay aus Ostfildern hat, so Fridrichs Lesart, seit drei, vier Jahren heimlich, still und leise an der neuen Flugroute gebastelt. Es gehe anders, wie die Frankfurter Lärmkommission zeige, die alle Protokolle veröffentliche.

Sicherheitsbedenken und juristische Zweifel

Dass Gemeinden wie Nürtingen, aktuell ohne Sitz und Stimme in der Kommission, erst im Frühjahr informiert wurden, empfindet er als „völlig unzureichend“, wie er sagt. „Das ist ein Verfahren aus einer anderen Zeit, das nicht in unsere politische Landschaft passt, in der Transparenz und die Beteiligung von Bürgern und Kommunen großgeschrieben werden.“ Verhindert werden müsse daher, dass die Kommission am 2. November eine Empfehlung abgibt. Zuletzt sprach viel dafür, dass die Mehrheit der Mitglieder die Route befürwortet und dieses Plazet an die entscheidenden Stellen in Berlin weitergibt – es wäre mehr als ein Fingerzeig. Fridrich fordert mehr Zeit und Ruhe, um die „vielen offenen Fragen“ zu klären. Denn „bisher kennen wir nur ein paar Powerpointpräsentationen, aber keine Gutachten, die den Namen auch nur im Ansatz verdienen“.

Fridrich hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen hineingebissen in das komplexe Thema. Seit zwei Jahren ist er dabei, Nürtingen aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, hat den Stadtbalkon am Neckar für Flaneure freigemacht, die Belebung der Innenstadt durch pragmatische Entscheidungen angeschoben, kümmert sich aktuell um den Wohnungsbau wie den Hochwasserschutz – und im Moment vor allem um die Flugrouten. Ohne Pause kann er reden über Lärmanalysen, Sicherheitsbedenken wegen der engeren Kurvenradien, die die Maschinen künftig fliegen sollen, oder über rechtliche Bedenken des städtischen Anwalts, dass eine solch gravierende Änderung der Abflugstrecke vom sogenannten Planfeststellungsbeschluss für den Flughafen und luftrechtlichen Genehmigungen, zuletzt 2013 aktualisiert, nicht gedeckt sein könnte.

Kein Vertrauen in die Fluggesellschaften

Einen ganzen Stapel an Mails und Briefen hat er auf dem Besprechungstisch in seinem Büro liegen, die wichtigen Stellen, die seine Bedenken belegen sollen, mit einem gelben Textmarker angestrichen. Darunter beispielsweise ein Schreiben der Deutschen Flugsicherung, wonach gerade der nun ins Auge gefasste Korridor extrem von Vorgaben der internationalen Luftfahrtbehörde abweiche. Offiziell halten sich die amtlichen Stellen alle bedeckt: In der Sache soll am zweiten November gesprochen werden.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Über welche Orte fliegen die Flugzeuge künftig?

Suspekt ist Fridrich schon allein der Umstand, dass die Initiative von Fluggesellschaften wie Lufthansa und Eurowings ausging, Unternehmen, die durch kürzere Startstrecken Zeit und Geld sparen wollen. Ein berechtigtes Interesse, wie der parteilose Fridrich meint. Aber ob das automatisch auch den Menschen am Boden nützt? Wo bleiben die objektiven Parameter? An der Berechnung, wonach durch die neue Route 90 000 Menschen wirklich spürbar entlastet werden, hat er jedenfalls so seine Zweifel. Die tatsächliche Verbesserung könnte, so seine Vermutung, sehr gering ausfallen. Zugleich fürchten die Kritiker, dass die neue Route Menschen in ähnlich hoher Zahl stärker belasten werde. Dies, zumal darüber spekuliert wird, dass der Flughafen Stuttgart ein Wachstum der Passagierzahlen anstrebe.

Winfried Kretschmann wird in die Pflicht genommen

All dies hätte Johannes Fridrich gerne geklärt, ehe die Kommission eine Empfehlung abgibt. Für ihn, das sagt er dezidiert, liege schlicht „eine unzureichende Tatsachengrundlage“ für eine Entscheidung vor. Da dringt der promovierte Jurist durch, der in Tübingen und Aix-en-Provence studiert hat. Auch ein Probebetrieb, den sein Kollege Bolay anregt, kommt deshalb für ihn nicht in Frage. In einem offenen Brief appelliert Fridrich mit seinen acht Kollegen an Kretschmann und Hermann, „das Flugänderungsverfahren mit der neuen Flugroute zu stoppen und den Tagesordnungspunkt der Fluglärmkommission am zweiten November abzusetzen“. Punkt. Schluss. Aus.

Dabei den Landesvater ins Visier zu nehmen – das ist ein Coup der Kritiker. Spätestens mit diesem Brief hat die Debatte über die Flugrouten eine politische Dimension bekommen. Der Ministerpräsident vertritt, obwohl er in Laiz bei Sigmaringen wohnt, seit 1980 den Wahlkreis Nürtingen. Erst im März erzielte er dort ein Rekordergebnis. Fridrich lässt durchblicken, dass Kretschmann nun das in ihn gesetzte Vertrauen auch rechtfertigen soll – und erinnert an eine Bundesratsinitiative von Baden-Württemberg, die beim Lärmschutz mehr Bürgerbeteiligung ermöglichen sollte.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Mehr als 10 000 Unterschriften gegen neue Flugroute

Immerhin: Für Mittwochabend hat Kretschmann die Rathauschefs aller betroffenen Kommunen zur Audienz gebeten. „Ich bin gespannt“, sagt Fridrich. Kretschmann hat die Erwartungen an das Treffen gedämpft: Das Land habe keine eigene Zuständigkeit, und er selbst habe „keine Position“ bei dem umstrittenen Thema. Es sei eine rein sachbezogene, fachliche Entscheidung zu treffen.