Ein Jet über dem südbadischen Engen: Das Land will weiteren Fluglärm nicht hinnehmen Foto: dpa

Der Flughafen Zürich versucht, das gefährliche Knäuel seiner Starts und Landungen zu entflechten. Doch das sollten die Schweizer nicht über Baden tun, sondern auf eigenem Territorium, meint der deutsche Nachbar.

Zürich - Die vom Züricher Airport beantragte Änderung der Routen für an- und abfliegende Verkehrsmaschinen zieht nach Meinung der Landesregierung erheblich mehr Lärm für Südbaden nach sich. In einer Stellungnahme, die Baden-Württembergs Verkehrsstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne) jetzt dem Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt zugeleitet hat, lehnt sie das Ansinnen offiziell ab.

Gleichzeitig haben sich auch die grenznahen Kreise Waldshut, Konstanz, Lörrach und Schwarzwald-Baar gegen die Neuerung ausgesprochen. Auch sie befürchten, dass künftig die allermeisten Flugzeuge mit dem Ziel Zürich über Baden zur Landung ansetzen: „Damit würde die Nordausrichtung des Flughafens dauerhaft zulasten Deutschlands zementiert“, heißt es in einem gemeinsamen Schreiben.

Die Entscheidung darüber liegt freilich nicht in ihrer Kompetenz, sie fällt in Bern. Da die neuen Routen über deutsches Hoheitsgebiet führen, redet Berlin allerdings mit. Die Signale von dort sind mehrdeutig: Einerseits versprach Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kürzlich, die Interessen der Bürger „vollumfänglich“ wahrzunehmen. Andererseits beschied seine Behörde den Grünen, die neuen Routen hätten „keinerlei Auswirkung auf die Lärmbelästigung der süddeutschen Grenzregion“.

Das sehen die Bundestagsabgeordneten aus Südbaden völlig anders – allen voran die Mitglieder der beiden Berliner Regierungsfraktionen. Sowohl CDU-Landesgruppenchef Thomas Strobl als auch SPD-Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter haben sich bereits gegen das neue „Ostanflugkonzept“ ausgesprochen. Dennoch hat man am Hochrhein Zweifel, ob das Fluglärmthema dem Ressortchef von der CSU wirklich wichtig ist. Daraus erklärt sich wahrscheinlich der scharfe Ton, mit dem die Vertreter von Land und Kommunen das Ansinnen der Eidgenossen jetzt zurückweisen.

Das Schweizer Konzept sieht vor, bei Westwind (also meistens) alle Anflüge von Norden her einzufädeln – und zwar auf die in Ost-West-Richtung verlaufende Piste 28. Bisher nutzen die Maschinen auch noch die beiden anderen Landebahnen. Startende Flugzeuge sollen sich zunächst im Norden sammeln, ehe sie nach Süden abdrehen.

Die Steuerung der sich bisher kreuzenden Routen sei „sehr komplex“, begründet der Airport seinen Antrag. Er reagiert damit nicht zuletzt auf eine Anregung der Schweizer Flugsicherheitsbehörde SUST. Im Frühjahr 2011 war es nämlich beinahe zu einem Zusammenstoß gekommen, weil zwei Flugzeuge gleichzeitig gestartet waren.

Was diese Entflechtung für die Region nördlich des Hochrheins bedeutet, schildern die Landräte so: „Die Reihung der Flugzeuge erfolgt über Südbaden an der Landesgrenze Deutschland/Schweiz, bevor sie über den Kanton Schaffhausen hinweg in den Endanflug geführt werden.“ Soll heißen: Die Maschinen aus allen Himmelsrichtungen stauen sich über Stühlingen/Blumberg.

Diese Antwort auf die Sicherheitsfrage ist nach Ansicht der deutschen Seite aber keinesfalls zwingend. Der Flughafen habe vielmehr versäumt, Alternativen aufzuzeigen – etwa in Form zusätzlicher Starts und Landungen über dem Süden der Stadt. Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass damit die wohlhabenden Regionen am Zürichsee stärker in Mitleidenschaft gezogen würden.

Um neue Argumente zu finden, lassen die grenznahen Kreise nun prüfen, ob die Eidgenossen mehr Sicherheit wirklich nur über baden-württembergischem Territorium gewinnen können. Mitte des Jahres soll das Gutachten vorliegen. Das neue Ostanflugkonzept nennen die Landräte schon jetzt ein „verkapptes Nordanflugkonzept“. Damit setze das Nachbarland eine Ausweitung seines Flugverkehrs durch – und zwar ganz ohne Staatsvertrag. Dieser wurde zwischen beiden Ländern zwar ausgehandelt, bisher allerdings nur von der Schweiz unterschrieben. Die deutsche Seite verweigert sich unter dem Druck des Bürgerprotestes.

Schon heute führten rund 77 Prozent aller Starts und Landungen über südbadisches Gebiet, begründet Staatssekretärin Gisela Splett (Grüne) ihr Nein. Mit dem neuen Betriebskonzept wären es dann 91 Prozent. Welche Folgen dies für die Menschen habe, könne nur mit einer grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfung ermessen werden. „Dies ist bislang nicht erfolgt und sollte deshalb schnellstmöglich nachgeholt werden“, rät Splett.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: