Die Besigheimer Immobilienfirma Layher wirft der Stadt Fellbach eine Blockadehaltung bei der Entwicklung eines Quartiers in der Stadtmitte vor. Das Baudezernat sieht die Schuld bei dem wenig kompromissbereiten Unternehmen.
Beim Verhandlungspoker um ein geplantes Wohnprojekt in der Fellbacher Stadtmitte greift die Immobilienfirma Layher jetzt zu einem ungewöhnlichen Druckmittel. Nach jahrelangem Stillstand bei der Entwicklung hat das in Besigheim im Kreis Ludwigsburg beheimatete Bauunternehmen auf dem betreffenden Grundstück zwischen der Bruckstraße und der Schorndorfer Straße eine Hinweistafel aufgestellt.
Notiert ist auf dem Schild in schwarzer Schrift auf weißem Grund ein Vorwurf an die Adresse der Stadtverwaltung: „Seit zehn Jahren warten wir auf die Baugenehmigung“, beklagt die Immobilienfirma mit großem Ausrufezeichen – und schiebt der Fellbacher Rathausspitze beim Thema Wohnungsnot den Schwarzen Peter zu. Schließlich wäre auf der einst von einer Gärtnerei genutzten Brachfläche in durchaus attraktiver Lage aus Sicht von Layher der Bau von bis zu 100 neuen Wohneinheiten möglich – wenn, ja wenn sich das Baudezernat der Stadt Fellbach bei dem Projekt nicht querstellen würde.
„Mir ist die Kinnlade runtergefallen“, sagt die Baudezernentin
Im Fellbacher Rathaus hat der weithin sichtbare Vorwurf mehr als nur leichte Irritationen ausgelöst. „Offen gestanden ist mir die Kinnlade runtergefallen“, räumt die fürs Baudezernat zuständige Bürgermeisterin Beatrice Soltys ein. Noch Anfang September habe sich die Stadt mit dem Besigheimer Investor auf ein für beide Seiten tragbares Verfahren verständigt, das Gespräch im Rathaus habe mit Einigkeit und einem Handschlag geendet. Jetzt, gerade mal zwei Monate später, ist die vereinbarte Kompromisslösung allerdings offensichtlich ein Fall für den Papierkorb.
Dass die vereinbarten Spielregeln plötzlich nicht mehr akzeptiert werden, macht die Baudezernentin fassungslos. Denn die Stadt sieht sich von dem Immobilienunternehmen zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Um eine Baugenehmigung zu erhalten, müsste es erst mal einen Bauantrag geben. Bisher liegt aber noch nicht mal ein Entwurf für das Quartier vor“, stellt Beatrice Soltys klar.
Aus Sicht der Stadt ist die Immobilienfirma selbst schuld am Stillstand
Aus Sicht der Fachfrau liegt es keineswegs an der Stadt, dass auf dem etwa 1,3 Hektar großen Areal nichts vorangeht. Verantwortlich für den Stillstand ist nach ihrem Verständnis der wiederholte Versuch der Immobilienfirma, mit einer massiven Verdichtung möglichst viele Wohneinheiten auf die Brachfläche zu quetschen – ohne Rücksicht auf eine gute Durchmischung und eine auch architektonisch anspruchsvolle Gestaltung des Quartiers. „Die Vorstellung ist, bis zu siebenstöckige Wohngebäude auf das Areal zu setzen. Und das geht nicht“, sagt Soltys.
Tatsächlich wird hinter den Kulissen schon seit Jahren über die Frage gestritten, wie viel Grün das unter dem Stichwort „Bruckäcker“ laufende Wohngebiet haben soll und ob für eine Fußwegverbindung durch das Areal bebaubare Fläche geopfert werden soll. Die Stadt pochte auf die Durchführung des in Fellbach üblichen Architektenwettbewerbs, die Immobilienfirma zierte sich, den bereits Ende 2013 vom Baudezernat verschickten Vertrag über eine Übernahme der Planungskosten auch zu unterzeichnen. Und: Schon bei der im Herbst 2014 gestarteten Werbekampagne für das Areal suggerierte Layher der an einem Kauf interessierten Kundschaft, dass das Projekt trotz fertig auf dem Tisch liegender Planung von der Fellbacher Bauverwaltung blockiert werde.
Vor 2027 werden die Wohnungen wohl nicht fertig werden
Dennoch füllte sich die Vormerkliste rasch, die kaufwilligen Kunden glaubten an einen trotz aller Querelen baldigen Baustart. Der aber ist nicht in Sicht, an einen Einzug die nächsten Jahre ist nicht zu denken. „Wir haben den Eindruck, dass im Rathaus ein massiver Personalengpass vorliegt. Vermutlich kam es während Corona verstärkt zu Fehlzeiten“, sinniert der Immobilienmann Albrecht Layher über die aus seiner Sicht schleppende Bearbeitung. Frühestens Ende 2023 stehe das Ergebnis des von der Stadt geforderten städtebaulichen Wettbewerbs fest. Und bis zu einer Fertigstellung der geplanten Wohnungen dauere es mindestens bis 2026, wenn nicht 2027. „Beim Thema Bruckäcker haben wir von der Stadt in den vergangenen Jahren etwa zweimal jährlich einen Termin zum Vorsprechen erhalten. Erklärt wurde uns immer, dass es sich um eine baurechtlich schwierige Situation handle. Tatsächlich hat sich aber baurechtlich bis zum heutigen Tag nichts geändert“, sagt der Geschäftsführer.
Der mit seinem Zwillingsbruder Stefan seit mehr als vier Jahrzehnten in der Immobranche aktive Besigheimer bedauert, dass von der Verzögerung vor allem die am Kauf einer Eigentumswohnung interessierten Kunden betroffen sind. „Den Leuten läuft die Zeit davon. Die Zinsen steigen weiter, und für viele Interessenten ist der Kauf wegen der wachsenden Belastung nicht mehr möglich“, sagt Albrecht Layher. Er spricht von einem „Sahnegrundstück“ in zentraler Lage und schreibt die Idee zum Aufstellen der Schilder dem Unmut der interessierten Käufer und der unter Druck stehenden Verkaufsleitung zu. „Leider mussten wir unseren Kunden und Interessenten mitteilen, dass sich das Bauvorhaben nochmals um Jahre verschieben wird. Unser Unternehmen bedauert diese Entwicklung sehr, jedoch können wir ohne Baugenehmigung auch nicht mit dem Bau beginnen“, heißt es in einer Stellungnahme.
Für die Stadt Fellbach geht diese Sicht der Dinge freilich am Problem vorbei. Layher habe sich schlicht nicht an die Spielregeln gehalten und beispielsweise auch die von der Stadt für neue Wohnbauprojekte geforderte Sozialquote nicht akzeptiert. „Bei anderen Projekten ist das alles geräuschlos gelaufen. Nur bei Layher nicht“, sagt Soltys.