E-Sportler vor dem Bildschirm: Wettkampf-Sport oder nur Computerspiel? Foto: dpa/Christoph Soeder

Ist das Sport oder muss das draußen bleiben? Die E-Sport-Szene fordert die Anerkennung durch den traditionellen Sport. Der fürchtet um seine Stellung und wehrt sich mit Händen und Füßen. Trotzdem kommt Bewegung in den Streit um Geld, Werte und Rechte.

Stuttgart - Videospiele am Computer oder auf der Konsole zählen längst zum Alltag in fast jeder Familie. Vielerorts haben Sportvereine die weit gefächerte Szene der digitalen Spieler für sich als neue Zielgruppe entdeckt. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD ist die Anerkennung der E-Gaming-Bewegung als Sportart sogar als Vorhaben fixiert. Allein der organisierte Sport sträubt sich gegen die Aufnahme der E-Sport-Vereinigungen unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB).

Alles nur Marketing?

„Weil Videospiele stigmatisiert werden“, kritisierte Hans Jagnow im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die das baden-württembergische Kultusministerium mit Unterstützung der L-Bank in Stuttgart initiiert hatte. Der Präsident im E-Sport-Bund Deutschland (ESBD) wehrt sich seit langem gegen die „Mauer-Taktik“ der Sportfunktionäre. Die Kritiker werfen dem ESBD vor, zu Unrecht die Gemeinnützigkeit für E-Sportvereinigungen zu fordern. Es gehe der E-Sportszene vor allem darum, Steuervorteile zu genießen und öffentliche Fördergelder einzustreichen. Sie vermuten hinter den Avancen der E-Sportler eine Marketing- und PR-Strategie, um sich gesellschaftlich unverdächtig zu legitimieren. Der ESBD reklamiert nicht nur für reine Sportspiele das Sport-Label, auch für Angebote, deren Wettkämpfe teilweise auf Eroberung, Zerstörung oder Tötung basieren.

Klar ist aber auch: Manch Vereinsvertreter sieht im digitalen Sport mehr die Chance als das Risiko und glaubt neue Zielgruppen für den organisierten Sport begeistern zu können.

Die Regeln bestimmt der Hersteller

Die für den Sport im Land zuständige Kultusministerin Susanne Eisenmann mochte sich auf keiner Seite der streitenden Parteien verorten. „Wir wollen alle Perspektiven beleuchten: Gehen wir in eine Abwehrhaltung oder akzeptieren wir neue Aspekte von Höchstleistungen?“ Eine Frage, die sich für Carmen Borggrefe nicht stellt. Die Sportwissenschaftlerin von der Uni Stuttgart sieht keinen Grund, das bisherigen Verständnisse sportlicher Leistungen um die digitalen Wettkämpfe vor dem Bildschirm zu erweitern. Sie appellierte an Verbände und Organisationen den Forderungen der E-Sport-Szene selbstbewusst zu widerstehen. „Je digitaler unsere Gesellschaft wird, umso wichtiger ist der Sport, so wie wir ihn kennen.“ Elvira-Menzer Haasis, Präsidentin des Landessportverbands Baden-Württemberg, warnte davor, die Deutungshoheit über die Definition sportlicher Betätigung aus den Händen zu geben. „Die liegt immer noch bei uns selbst.“ In den traditionellen Sportverbänden bestimme die Sportart selbst nach welchen Regeln sie ihre Wettkämpfe austrage, in der Gaming-Branche liege dies ausschließlich in den Händen kommerzieller Hersteller.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat schon zu Jahresbeginn eine Anerkennung der Videospieler unter der Rubrik „E-Sport“ mit deutlichen Worten abgelehnt. Der DOSB spricht nur noch von E-Gamern, überlässt es aber seinen Verbänden und Vereinen selbst, ob sie digitale Gruppen in Sportvereinen zu lassen.

Riesige Jugendbewegung mit Potenzial

Jonas Stratmann (E-Sport Rhein-Neckar) und Timo Petersen (VfL Herrenberg) berichteten von positiven Erfahrungen mit E-Sport-Initiativen in ihren Vereinen und appellierten an die Funktionäre, nicht weiter kompromisslos die Lösch-Taste zu drücken. „Diese riesige Jugendbewegung kann uns nicht kalt lassen“, sagte Petersen. Rund drei Millionen E-Gamern stehen bundesweit 28 Millionen Mitglieder in den traditionellen Sportvereinen gegenüber.

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