Die Paulskirche in Frankfurt am Main steht etwas vergessen herum – das soll sich mit einem neuerlichen Umbau ändern. Foto: Department Studios/Thomas Pohl

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt zeigt eine Schau zur Baugeschichte der Paulskirche – aus gegebenem Anlass. Denn wieder einmal wird über die Rekonstruktion dieses Denkmals der Demokratie gestritten. Auch die Rechten haben dazu eine Meinung.

Frankfurt a. M. - Einmal im Jahr, wenn in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird, tritt dieses historische Monument in den Fernsehnachrichten als Kulisse des Festakts vor Augen. An den restlichen 364 Tagen führt der klassizistische Sandsteinbau eher ein Mauerblümchendasein. Schaukästen im Foyer rufen seine Rolle als Wiege der deutschen Demokratie in Erinnerung: 1848/49 tagte hier die erste frei gewählte Volksvertretung auf deutschem Boden. Aber alles wirkt ein bisschen angestaubt und verschlafen – der Bedeutung dieses Symbolbauwerks der Republik kaum angemessen.

Nun steht wieder einmal eine technische Sanierung der Paulskirche an. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann will sie nutzen, dieses wichtige Denkmal aufzuwerten und daraus ein Demokratiezentrum zu machen. Bestärkt wird er darin vom Bundespräsidenten und der Kulturstaatsministerin. Zugleich werden, wie schon bei der letzten Sanierung in den achtziger Jahren, wieder Forderungen nach einer Rekonstruktion des Gebäudezustands zur Zeit der Nationalversammlung laut. Angestoßen wurden sie diesmal vom „Zeit“-Autor Benedikt Erenz, der in einer wütenden Polemik den „leeren“, modernen „Sakro-Existenzialismus“ der kriegszerstörten und wiederaufgebauten Paulskirche niedermachte. Erenz will vor allem die einstige Empore zurückhaben, „denn hier saß das Volk, hier saßen wir, die Bürgerinnen und Bürger, erstmals in unserer Geschichte als Souverän im deutschen Haus“.

Ort der Nationalversammlung

Um die Debatte baugeschichtlich auf eine sachliche Grundlage zu stellen, zeigt das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt (DAM) in Kooperation mit der Wüstenrot-Stiftung jetzt die Ausstellung „Paulskirche – ein Denkmal unter Druck“. Markantester Schmuck der schlichten, auf ovalem Grundriss errichteten evangelischen Hauptkirche der Stadt war die von zwanzig ionischen Säulen getragene, umlaufende Empore. Wegen seiner Größe und Modernität wurde der Sakralbau als Tagungsort der Nationalversammlung ausgewählt und diente nach deren gewaltsamer Auflösung 1849 wieder als Kirche. Nach dem Krieg, in dem das Haus bis auf die Außenmauern ausbrannte, machte sich Frankfurt Hoffnungen, Bundeshauptstadt zu werden. Die Paulskirche wurde als Parlamentssitz ins Spiel gebracht, die Ruine 1948 als eines der ersten historischen Gebäude überhaupt wiederaufgebaut, noch vor Gründung der BRD. Ganz Deutschland beteiligte sich mit Spenden, schickte Steine, Holz, Dachpappe, Geld – sogar die SED machte 10 000 Mark locker – und Äpfel für die Bauarbeiter.

Von welchen Gedanken sich die mit der Wiederherstellung beauftragte Planungsgemeinschaft unter Federführung des ­bedeutenden Kölner Kirchenbaumeisters Rudolf Schwarz bei ihrem „interpretierenden“ Wiederaufbau leiten ließ, verdeutlicht die Ausstellung mit Fotos von der Ruine. Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt hat es schon in seiner Schwarz-Monografie von 1997 geschildert: Vom „römischen Pathos“, der „in der ­Zerstörung offenbarten Großartigkeit“ der Überreste, wollten Schwarz und seine Mitstreiter etwas in den Neubau hinüberretten. Vom Ursprungsbau ließen sie die nackten Mauern stehen und zogen ein ­gedrücktes Foyer unterhalb des großen Saales ein. Die Empore gaben sie dran, ebenso das steile Dach. Natürlich hat der Aufstieg aus dem Dunkel der Wandelhalle ins Licht des ­hohen, weiten Saales symbolischen Wert. „Die wiederhergestellte Paulskirche“, schrieb Schwarz, „erinnert an den Willen unseres Volkes, eine bessere Ordnung aus dem Zusammenbruch aufzubauen, durch ihre reine und arme Gestalt.“

Die Trümmer rauchten noch

Wenn nun Rekonstruktionsverfechter wie Erenz oder die BFF (Bürger für Frankfurt) gegen die „fahle Frömmigkeit“ und vollkommene „Enthistorisierung“ der Schwarz’schen Architektur wettern, ­vergessen sie eine Kleinigkeit: den Zivilisationsbruch durch den Holocaust, die ­Millionen von Toten, die deutsche Schuld an der Katastrophe. Die Trümmer rauchten noch, die Wunden bluteten noch, als Schwarz und seine Planungsgruppe sich an die Arbeit machten. Ein wenig Demut war also angebracht bei diesem als ­demokratisches Machtzentrum intendierten Werk, das die historische Zäsur in ­Szene setzt. Es wundert nicht, dass die Rufe, die „Buß- und Reu-Architektur“ der Pauls­kirche (Erenz) rückgängig zu machen, den Beifall der AfD finden, passen sie doch ins Vogelschiss-Bild rechtsradikaler Geschichtsklitterei.

Und noch etwas übersehen die Verächter des Wiederaufbaus: Die Paulskirche ist mittlerweile ein doppelt codiertes Denkmal – Ikone der deutschen Demokratiegeschichte und Plattform großer kultur- und gesellschaftspolitischer Debatten mit eigener, inzwischen bald siebzigjähriger Tradition. Alles nichts gegen eine Empore? Auf diese waren 1848 übrigens vor allem die Frauen verbannt, die damals kein Stimmrecht hatten und nur zugucken durften, wie die Männer drunten Politik machten.

Eine absurde Vorstellung

Deutlich wird in der DAM-Schau, dass diese Galerie fürs Volk kein kleiner Eingriff wäre. Eine Rekonstruktion der „originalen“ Paulskirche würde vielmehr den Abbruch des in seinem Geschossaufbau von Grund auf veränderten, bestehenden Innenraums erzwingen – was dann ja schon eine absurde Vorstellung ergibt: nämlich das authentische Denkmal Paulskirche zu zerstören, um stattdessen auf den Grundmauern einen Neubau zu errichten, der dann so tut, als sei er alt.

Wohlgemerkt, nichts gegen eine pfleglichere Behandlung und Revitalisierung des Hauses auch über die Friedenspreis­zeremonien hinaus. Aber das große Ganze, die Architektur des Wiederaufbaus, geht in Ordnung und kann bleiben, wie sie ist.

Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt a. M. bis 16. Februar, Di–So 10–18, Mi 10–20 Uhr. Der empfehlenswerte Katalog (av Edition) kostet im Museum 29 Euro, im Buchhandel 39 Euro.

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