Die Hesse-Bahn soll auch auf den Schienen der S-Bahn fahren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eine Hesse-Bahn, die zwischen Weil der Stadt und Renningen die S-Bahn-Gleise nutzt, stört im Kampf gegen Verspätungen, sagt der VRS-Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler. Er bringt dagegen eine Express-S-Bahn ins Gespräch.

Stuttgart - Der Verband Region Stuttgart (VRS) ist der Träger der Stuttgarter S-Bahn, er bestellt den Verkehr, gibt den Takt vor und kümmert sich um die Finanzierung – und unternimmt enorme Anstrengungen, um die Verspätungen zu reduzieren. Eine Hesse-Bahn, die einmal zwischen Weil der Stadt und Renningen (Kreis Böblingen) ebenfalls S-Bahn-Gleise benutzt, stört da, sagt der VRS-Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler.

Herr Wurmthaler, der Stresstest hat ergeben, dass sich die Hesse-Bahn nur minimal auf die S-Bahn auswirkt. Freut Sie das?
Der Stresstest ist nach den Regeln erstellt worden, die in Deutschland gelten – und da sind vier bis fünf Sekunden Verspätung im Rahmen. Das ist bitter, aber das müssen wir akzeptieren. Es gilt die Diskriminierungsfreiheit, alle Bahnunternehmen haben also Zugriff auf die Schienen.
Was bedeuten vier bis fünf Sekunden für die S-Bahn?
Jede Sekunde zählt im Stuttgarter S-Bahn-Netz. Sie müssen bedenken, was wir für enorme Anstrengungen unternehmen, um die Qualität des Stuttgarter S-Bahn-Netzes zu verbessern. Ich nenne als Beispiel nur die Einstiegshelfer im Stuttgarter Hauptbahnhof, die dafür sorgen, dass die S-Bahnen wenige Sekunden früher abfahren können. Daher sind wir mit dem Ergebnis des Stresstests nicht glücklich.
Was werden Sie jetzt unternehmen?
Das Ergebnis des Stresstests ist unter bestimmten Voraussetzungen entstanden. Dazu gehört zum Beispiel der absolute Vorrang der S-Bahn oder zusätzliche Signaltechniken, die eingebaut werden müssen. Solche Signaltechniken sind dort heute noch nicht vorhanden. Wir werden darauf drängen, dass das umgesetzt wird.
Wie ist momentan Ihr Verhältnis zum Landratsamt in Calw?
Die Calwer treiben mit viel Engagement und auch mit viel Geld den Nahverkehr voran – dem zolle ich Respekt und Anerkennung. Ich sag aber auch ganz offen, dass ich mir mehr Dialog wünschen würde. An der einen oder anderen Stelle würden wir gerne etwa schneller informiert werden.
Derzeit wird untersucht, ob auch eine S-Bahn-Verlängerung nach Calw wirtschaftlich wäre. Wie weit ist dieses Gutachten?
Das ist ein kleines Ingenieurskunstwerk, da müssen viele Absprachen getroffen werden. Wenn es nach uns ginge, wären wir schon weiter. Dieses Jahr müssten die Ergebnisse aber noch eintreffen.
Wenn die S-Bahn-Verlängerung käme, dann würde die Stuttgarter S-Bahn erstmals die Grenzen der Region Stuttgart verlassen. Fänden Sie das gut?
Wir sind offen, uns das genauer anzuschauen, und in einer ersten Abschätzung haben wir nichts gefunden, was dagegen spricht. Wir haben allerdings auch eigene Interessen, die vorgehen. Derzeit prüfen wir zum Beispiel, ob die S 60 zwischen Renningen und Böblingen auch im 15-Minuten-Takt fahren könnte. Dieses Ergebnis müssen wir erst abwarten, um sagen zu können, ob dieser Takt auf der S 60 eine Auswirkung auf die S-Bahn-Verlängerung nach Calw hätte.
Der Landkreis Calw ist skeptisch, was die S-Bahn-Verlängerung anbelangt.
Das geht nur, wenn das alle wollen, das ist klar. Ich fände aber schade, wenn es nicht klappt. Wenn wir schon so viel Geld in die Hand nehmen, wäre es da nicht vernünftiger, die größere Lösung zu wagen? Daher will ich noch einen anderen Vorschlag ins Gespräch bringen: eine Express-S-Bahn zwischen Stuttgart und Calw. Wäre das nicht spannender, als ein Dieselzug zwischen Calw und Renningen?
Wie realistisch ist eine solche Express-S-Bahn? Werden Sie hier auch die entsprechenden Untersuchungen einleiten?
Da das über die Region hinausgeht, müsste das Thema vom Land aufgegriffen werden, etwa unter dem Stichwort Metropolexpress.
b>Wenn Spezialisten fachlich streiten

Den Verkehrsexperten Klaus Wößner haben wir gebeten, sich den Stresstest genauer anzusehen. Die Anmerkungen haben wir an das Landratsamt Calw weitergegeben. Auch wenn sich der Streit etwas fachlich liest, wollen wir ihn unseren Lesern nicht vorenthalten.

Klaus Wößner betreibt einen Bahn-Blog. factum/Granville These von Klaus Wößner:

Der Stresstest geht von einer „überschlagenen Wende“ der S-Bahnzüge in Weil der Stadt aus. Das bedeutet, dass die S-Bahn in Weil der Stadt nicht ankommt und sofort wieder zurück nach Stuttgart fährt – sondern: Die S-Bahn hat 36 Minuten Wartezeit und muss erst dann wieder nach Stuttgart fahren. Dies unterstellt der Stresstest, wird aber derzeit von der S-Bahn in den Morgenstunden nicht praktiziert. Damit geht der Stresstest von einer Voraussetzung aus, die nicht erfüllt ist.

Antwort von Andreas Knörle:

Die Grundlagen der Fahrplanrobustheitsprüfung wurden mit dem beteiligten Eisenbahnverkehrsunternehmen, der DB Regio S-Bahn Stuttgart, abgestimmt. Die überschlagene Wende der S 6 zu unterstellen war expliziter Wunsch des S-Bahn Aufgabenträgers Verband Region Stuttgart, ebenso wie die Abbildung der zugehörigen Fahrten von und zur Abstellanlage. Diese Prämissen wurden im Vorfeld gemeinsam festgelegt.

These von Klaus Wößner:

Das Betriebskonzept der Hesse-Bahn ist nicht schlüssig. Wenn der S-Bahn tatsächlich absolute Vorfahrt gewährt wird, dann hat die Hesse-Bahn ein extrem hohes Störungsrisiko. Kommt die Hesse-Bahn dann in Weil der Stadt mit nur zwei bis drei Minuten Verspätung an, muss sie die S-Bahn vorlassen und kommt schließlich mit sechs Minuten Verspätung in Renningen an. Dort hätte sie ohne Verspätung acht Minuten für den erneuten Richtungswechsel, jetzt sind es aber nur noch zwei Minuten. Sie nimmt also mindestens drei Minuten Verspätung gleich wieder mit auf den Rückweg nach Calw. Damit wäre ein Verspätungsabbau völlig illusorisch.

Andreas Knörle ist Dezernent in Calw. factum/Bach Antwort von Andreas Knörle:

Wie am 1. Dezember 2017 bei der offiziellen Vorstellung des Ergebnisses der Fahrplanrobustheitsprüfung beim Verband Region Stuttgart dargelegt, ist der Vorrang der S-Bahn vor der Hermann-Hesse-Bahn als Prämisse in der Fahrplanrobustheitsprüfung hinterlegt. Es bleibt festzuhalten, dass dies in der Auswertung über 100 Betriebstage keine negative Wirkung auf die Hermann-Hesse-Bahn zeigt, da im Fahrplan Reserven vorhanden sind, die eine mögliche Verspätung verringern.

These von Klaus Wößner:

Das Risiko für Verspätungen der Hesse-Bahn schätzen die Gutachter folglich als „hoch“ ein. Das betrifft auch den Bahnhof in Calw. Dort bräuchte der Zug zum Richtungswechsel fünf Minuten. Der Fahrplan räumt ihm nur fünf Minuten und zwölf Sekunden ein. Das heißt, jede Sekunde, die die Hesse-Bahn zu spät ankommt, fährt sie auch zu spät ab. So kann sie im Laufe des Tages in Calw keinerlei Verspätungen abbauen. Zudem kann die Hesse-Bahn den Fahrplan anscheinend nur einhalten, wenn ein ganz bestimmter Zugtyp, nämlich der „Regioshuttle RS1“ zur Verfügung steht. Mit alledem lässt sich wohl keine „wirtschaftlich optimale Betriebsqualität“ erreichen, wie es im Stresstest heißt.

Antwort von Andreas Knörle:

Ebenfalls wurde am 1. Dezember 2017 dargelegt, dass die Fahrplanreserven der Hermann-Hesse-Bahn in die Fahrtrichtung von Calw nach Renningen gelegt wurden. Damit findet dort der Verspätungsabbau statt, wie im Ergebnis abzulesen ist. Es wurde an keiner Stelle vom Gutachter das Verspätungsrisiko der Hermann-Hesse-Bahn als „hoch“ eingeschätzt. Das der Fahrplanrobustheitsprüfung zugrunde liegende Fahrzeug RS1 entspricht dem, das später eingesetzt werden soll. Es ist bei einer Fahrplanrobustheitsprüfung durchaus üblich, das Fahrzeug zu unterstellen, welches später zum Einsatz kommen soll. Auch dies wurde im Vorfeld mit den Beteiligten abgestimmt.

Die Experten:

Klaus Wößner betreibt den Blog „S-Bahn-Chaos“ und begleitet die Bahnprojekte in der Region Stuttgart fachlich und kritisch. Andreas Knörle ist als Verkehrsdezernent des Calwer Landratsamts verantwortlich für die Hesse-Bahn.

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