Die Protokolle des Corona-Krisenstabs im Robert Koch Institut liegen nun in voller Länge und ohne Schwärzungen vor. Sie zeigen, dass im RKI intensiv über einzelne Maßnahmen diskutiert wurde – und dass die Politik sich teilweise über den Rat der Experten hinweggesetzt hat.
Rund 3900 Seiten umfassen die vollständigen Corona-Protokolle des RKI, die am Dienstag in Berlin auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurden. Die freie Journalistin Aya Velázquez hat sie nach eigenen Angaben von einer zuvor im Bundesgesundheitsministerium beschäftigten Person zugespielt bekommen und online gestellt. Das RKI hatte im Mai bereits die Protokolle für den Zeitraum Januar 2020 bis April 2021 veröffentlicht, nachdem ein Journalist auf die Herausgabe geklagt hatte. Allerdings waren darin etwa Namen oder Interna beteiligter Unternehmen geschwärzt.
Velázquez und ihre Mitstreiter erheben schwere Vorwürfe gegen das RKI und die politisch Verantwortlichen während der Coronapandemie. Ein zentraler Kritikpunkt lautet, dass das Bundesgesundheitsministerium sich teilweise über die Empfehlungen der RKI-Experten hinweggesetzt habe. Tatsächlich deuten einige Stellen in den Protokollen in diese Richtung. So wurde zum Beispiel in einer Sitzung des Krisenstabs darüber diskutiert, ob sich die von Politikern und Medien zeitweise verwendete Formulierung „Pandemie der Ungeimpften“ wissenschaftlich begründen lässt. „Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt (zur Verbreitung – d. Red.) bei“, sagt ein Sitzungsteilnehmer laut Protokoll vom 5. November 2021. Da der Minister – er heißt zu dieser Zeit Jens Spahn (CDU) – diese Formulierung bei jeder Pressekonferenz verwende, könne sie „eher nicht korrigiert werden“, sagt darauf ein anderer Teilnehmer. Die Formulierung diene als Appell an Ungeimpfte, sich impfen zu lassen, heißt es im selben Abschnitt.
Nicht nur eine „Pandemie der Ungeimpften“
Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer bezeichnete den Begriff „Pandemie der Ungeimpften“ gegenüber der ARD als „etwas überspitzt“, weil er nahelege, dass nur Ungeimpfte sich anstecken würden. Bekanntlich gab es auch unter den Geimpften viele Corona-Infektionen, die allerdings seltener zu schweren Verläufen führten. Dafür spricht jedenfalls die Relation zwischen Geimpften und Ungeimpften auf den Intensivstationen im Winter 2021.
Auch der inzwischen mangels Nachfrage vom Markt genommene Vektorimpfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca hat den RKI-Krisenstab immer wieder beschäftigt. Allein in den Protokollen aus dem Jahr 2021 taucht der Suchbegriff 43 Mal auf. Die Einträge zeigen, dass es auch intern Kritik an der vergleichsweise geringen Wirksamkeit des Vakzins gab, das aber früher als die mRNA-Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna zur Verfügung stand. Damals setzten viele Gesundheitsexperten auf einen möglichst schnellen Beginn der Impfkampagne – in der Hoffnung, sich aus der Pandemie „herausimpfen“ zu können. Allerdings stellte sich bald heraus, dass eine Impfung zwar recht gut vor schweren Krankheitsverläufen schützt, aber nur bedingt vor Infektionen mit dem Coronavirus.
Auch die als Nebenwirkung in einigen Fällen beobachteten Sinusvenenthrombosen bei mit Astrazeneca Geimpften wurden mehrfach thematisiert. Diese Komplikation wurde vor allem bei Frauen beobachtet, trat aber auch bei Männern auf. An einer Stelle ist hier sogar von einer „zwanzigfach erhöhten Inzidenz im Vergleich zur Hintergrundinzidenz“ die Rede. Mit der Verwendung des Vakzins sei die Bevölkerung unnötigen Gesundheitsgefahren ausgesetzt worden, so die Kritiker. Tatsächlich wurde zunächst nur der Einsatz bei jüngeren Menschen eingeschränkt, weil die Thrombosen vor allem in dieser Altersklasse aufgetreten waren.
Diskussion über Streichung von Phase-III-Studien
Mit Blick auf den Impfstoff von Biontech/Pfizer heißt es im dem Protokoll vom 4. Juni 2022: „EMA (die europäische Arzneimittelagentur – d. Red.) und Pfizer überlegen, ob sie ggf. die Phase III Studien auslassen und direkt in eine breite Anwendung gehen“. In solchen Studien werden Wirksamkeit und Sicherheit an größeren Probandenzahlen getestet. Bekanntlich gingen die Behörden seinerzeit nicht auf diesen Vorschlag ein. Auch viele Aussagen, die in den RKI-Protokollen zu den Booster-Impfungen, zur Impfung von Kindern, zu Masken, Tests oder Schulschließungen auftauchen, sind in den Augen der Kritiker skandalträchtig.
Sie verweisen etwa auf diese Passage vom 4. Juni 2022: „Die Positivitätsraten bei Kindern ähneln denen von Erwachsenen, auch in den Daten von Christian Drosten zur Virusausscheidung unterscheiden (sie) sich bei Kindern nicht grundlegend“. Allerdings wird in diesem Zusammenhang auch mehrfach auf eine unsichere und teilweise widersprüchliche Datenlage verwiesen – und auf die vielen anderen europäischen Länder, die ihre Schulen zeitweise geschlossen haben.
Im Nachhinein herrscht weitgehend Konsens darüber, dass etwa die Schulschließungen aus infektiologischer Sicht wenig bewirkt, aber bei Kindern und Jugendlichen viel Schaden angerichtet haben. Auch der Virologe Christian Drosten, der sich den Protokollen zufolge für diese Maßnahme ausgesprochen hat, sieht das inzwischen so.