Außengastronomie in Stuttgart Wo das Rössle steppt

Von Jan Sellner 

Neue hippe Anlaufstelle: die Sattlerei in der Tübinger Straße Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Neue hippe Anlaufstelle: die Sattlerei in der Tübinger Straße Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart geht vermehrt aus und aus sich heraus – dadurch erhöht sich die Lautstärke in der Stadt. Krach mit Anwohnern ist die Folge. Lokalchef Jan Sellner empfiehlt Rücksicht und Gelassenheit.

Stuttgart - Sommer in der Stadt. Ärger in der Tübinger Straße. Dort hat Mitte Mai die Sattlerei eröffnet, eine Lokalität, die den Pulsschlag im trendigen Stuttgarter Süden nochmals erhöht. Das ausgehfreudige Publikum, das bereits den Marienplatz und die Tübinger Straße bevölkert, hat eine hippe Anlaufstelle mehr. Szenegänger, aber auch der gemeine Stuttgarter mit Sehnsucht nach urbanem Flair beleben das Quartier. Geräuschlos geht das nicht, zumal die neue Bar einen größeren Außenbereich hat. Die Nachricht, dass sich Anwohner davon gestört fühlen, kommt also nicht überraschend. In einer Online-Petition wehren sich einige gegen die abendliche Beschallung. Sie wollen erreichen, dass die Bürgersteige in der Tübinger Straße nicht erst um 23 Uhr hochgeklappt werden, wie erlaubt, sondern bereits eine Stunde früher. Die Unterzeichner bestehen auf zeitige Nachtruhe. Sommernächte hin oder her.

Probleme dieser Art treten vielfach dort auf, wo in Stuttgart das Rössle steppt. Unbestritten ist, dass die Zahl dieser Orte zunmmt. Stuttgart geht vermehrt aus und aus sich heraus – zu besichtigen an Orten wie dem Marienplatz, dem Wilhelmsplatz, rund um den Schlossplatz, auf der „Theo“ oder auch im Bohnenviertel. Draußen sein, draußen sitzen, draußen feiern, das entspricht dem Lebensgefühl nicht nur junger Menschen in der Stadt – auch über den Sonnenuntergang hinaus. Schließlich besteht das Leben durchschnittlich nur aus 80 Sommern.

Ramblas-Charakter hat die Tübinger Straße noch nicht

Damit sollen die Klagen von Anwohnern über lange Feier-Abende auf Straßen, in Biergärten oder auf Terrassen nicht kleingeredet werden – nur etwas abgedämpft. Wo Menschen zusammenleben, gilt es Rücksicht zu nehmen – das sollte klar sein. Sich auf Kosten anderer ausleben, das provoziert berechtigterweise Widerspruch. Anwohner sind deshalb nicht von vornherein Spießer nach dem Motto: „Wenn der Schwabe nicht meckern kann, ist er krank.“ Nachtschwärmer sollten auch an jene denken, die berufsbedingt Frühaufsteher sind. Auf der anderen Seite dürfen Kritiker auch gerne ein bisschen kritisch mit sich selbst sein. Oft wird nicht mit-, sondern übereinander gesprochen. Dabei ließe sich manche Lärmquelle in direktem Gespräch schließen – ohne Krach und Polizei. Und ist es nicht so, dass man selbst das nächtliche Leben anderswo im Süden ganz selbstverständlich schätzt? Speisen um Mitternacht in Barcelona, Ausgehen im Viertel Trastevere in Rom bis tief in die Nacht. Bei allem Respekt vor der Tübinger Straße: Ramblas-Charakter hat sie noch nicht.

Ödnis vor dem Rathaus

Immerhin, ein Platz in Stuttgart bleibt von Dolce-Vita-Nebenwirkungen gänzlich verschont: der Marktplatz. Seit dort das Café Scholz zugemacht hat, ist der Ort gastronomisch tot. Der Marktplatz bildet das graue Kontrastprogramm zum neuen Dorotheen-Quartier, das die Menschen anzieht – kleidungsmäßig, vor allem aber auch durch seine attraktiven Lokalitäten. Wer sich außerhalb von Großveranstaltungen wie dem Weindorf oder dem Sommerfestival der Kulturen in die Ödnis vor dem Rathaus verirrt, ist meist alleine und bleibt es. Schlaflos in Stuttgart – diese Gefahr besteht zumindest am Marktplatz nicht.

jan.sellner@stzn.de

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