Die Wirtschaftsverbände stehen der von der großen Koalition geplanten Frauenquote ablehnend gegenüber. Das hat auch mit der Zusammensetzung ihrer eigenen Führungsgremien zu tun, wo die Männer ganz massiv in der Überzahl sind.
Stuttgart - Die verbindliche Frauenquote für Unternehmensvorstände ist auf dem Weg. Nachdem die Unionsfraktion trotz der Gegenwehr ihres Wirtschaftsflügels zugestimmt hat, ist sich Schwarz-Rot beim zweiten Führungspositionen-Gesetz prinzipiell einig.
Die Initiative dazu hatten die Familienministerin und die Justizministerin (beide SPD) schon Anfang 2020 ergriffen. Im Januar des nächsten Jahres, sagen deren Sprecherinnen, soll der Entwurf vom Kabinett beschlossen werden. Daher werde er zügig in der Regierung abgestimmt. Nach dem parlamentarischen Verfahren könne das Gesetz „damit noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden“.
Nach einer Auswertung der Organisation Fidar (Frauen in die Aufsichtsräte) betrifft das Gesetz 73 börsennotierte Konzerne – bei 32 sitzt bislang keine weibliche Führungskraft in der Top-Etage. Darunter sind etwa der Sportartikelhersteller Adidas, der Pharmakonzern Bayer und der Energieriese Eon.
Bröckelt nun der Widerstand der Wirtschaftsverbände? Die Kritik dort will nicht verklingen, während selbst wirtschaftsnahe Forschungsinstitute Zustimmung äußern. Die Verbände zählen zu den mächtigsten Lobbygruppen. Daher fällt auf, dass sie selbst einen allzu geringen Frauenanteil in ihren Führungsriegen zu bieten haben. Dass sich die Verbände vehement gegen die Quote stemmen, erscheint daher logisch. Programmatik und Besetzung korrespondieren miteinander.
Arbeitgeberpräsident hat verfassungsrechtliche Bedenken
Der neue Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger hat massive Bedenken: „Ich halte eine Quote für den verkehrten Weg, auch weil sie verfassungsrechtlich bedenklich ist“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Wenn es keine geeigneten Kandidatinnen gebe, könne auch eine gesellschaftlich und von den Unternehmen gewünschte Entwicklung nicht per Gesetz erzwungen werden. Dulger steht in der Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA), die 20 Millionen Beschäftigte repräsentiert, einem Präsidium mit 34 weiteren Männern und zwölf Frauen vor. Sieben der acht Vizepräsidenten sind männlich. Im BDA-Vorstand ist das Verhältnis 61 zu 14.
Ein Spiegelbild der Metallindustrie
Die wenigen Präsidentinnen etwa im Verband der Textil- und Modeindustrie oder der Keramischen Industrie haben politisch wenig zu melden, denn in den einflussreichen Verbänden dominieren klar die Anzugträger: Im Gesamtmetall-Präsidium und auch im 18-köpfigen Gesamtvorstand finden sich laut Website exakt null Frauen. Im Südwestmetall-Vorstand sind lediglich zwei Frauen unter 26 Mitgliedern: ZF-Personalvorstand Sabine Jaskula und Balluff-Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle.
Das spiegelt nicht einmal den nur 20-prozentigen Frauenanteil unter allen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Die Arbeitgeber sehen darin durchaus ein Problem. Verwiesen wird aber darauf, dass die Mitglieder die Ehrenämter bestücken, darauf habe man keinen Einfluss. Zudem würden in der Industrie vornehmlich technisch orientierte Angestellte Karriere machen – Männer also. Noch immer mangele es in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) an weiblichem Nachwuchs. Folglich kämen Frauen am ehesten als Personalverantwortliche zum Zuge, selten ganz oben. Eine Ausnahme ist Hildegard Müller, seit Februar Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie. Die frühere CDU-Politikerin gehört zudem dem Spitzengremium des Bundesverbandes der Industrie an, das noch einseitiger besetzt ist.
Selbst im Handel, einer Frauenbranche, sieht es nicht gut aus
Etwas freundlicher sieht es beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) aus – zu dessen Vorstand gehört als eine von immerhin fünf Frauen Marjoke Breuning, die Präsidentin der IHK Region Stuttgart und Chefin von Maute Benger. Trübe ist das Bild in der Handelsbranche, die doch großteils von der Arbeitskraft der Frauen lebt: Im Handelsverband HDE hat Präsident Josef Sanktjohanser stattliche 14 Vizepräsidenten an seiner Seite – nur zwei von denen sind weiblich.
Weil das Geschlechterverhältnis bei den hauptamtlichen Kräften ähnlich einseitig erscheint, zeichnet sich ab: Bis sich die Frauenquote in den Verbänden merklich auswirkt, dürften Jahre vergehen.