Jugendliche mit multiplen Problemlagen spricht ein Projekt an, dessen Mittel nun stark gekürzt wurden. Foto: imago//Michael Bihlmayer

Die Sparmaßnahmen des Bundes bei den Jobcentern ziehen Konflikte nach sich. Jüngster Fall in Stuttgart: das Projekt Respekt zur Unterstützung junger Leute in schwierigen Lebenslagen. Evangelische Gesellschaft und Caritas werfen hin. Die Stadt hält dagegen.

Sie haben häufig keinen Schulabschluss und keine Ausbildung, manche dafür Schulden, andere leiden an einer Sucht oder einer psychischen Erkrankung. Wenn sie überhaupt ein Elternhaus haben, ist dieses geprägt von Konflikten, einige sind davongelaufen, haben irgendwo Unterschlupf gefunden und keine eigene Wohnung. „Sie sind ‚lost’, würde man in der Jugendsprache sagen “, erklärt Ulrike Mucke.

 

Die zuständige Bereichsleiterin bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva) bezeichnet mit dem Modewort eine heterogene Gruppe von jungen Menschen mit „multiplen Problemlagen“, wie es im Fachjargon heißt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie durch Angebote nur schwer zu erreichen und bisher durchs Hilfesystem gefallen seien. Deshalb hat das Jobcenter mit der Eva und dem Caritasverband für diese „chancenarmen“ Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren vor knapp fünf Jahren ein Förderprojekt aufgelegt. Titel: Respekt.

Und das lief, wie alle Seiten erst kürzlich noch bekundeten, sehr gut. Insgesamt hätten an dem Projekt seither „279 Menschen teilgenommen“, erklären Eva und Caritas. Im Schnitt würden stets 90 bis 100 junge Leute von neun Beschäftigten (auf 7,5 Vollzeitstellen) begleitet. Die Betreuung ist diffizil. „Der Beziehungsaufbau dauert seine Zeit“, sagt Ulrike Mucke, bis man längerfristige Ziele wie den Einstieg in Ausbildung, Arbeit, Berufsförderung mit den jungen Leuten ins Auge fassen könne. Oftmals müssten in intensiven Einzelgesprächen Lösungen für bestehende Konflikte gesucht, die Wohnverhältnisse geregelt, Kontakte mit Ämtern und Behörden aufgebaut und der Bedarf an Unterstützungsangeboten ermittelt werden. Die Beschäftigten des Projekts sind an drei Standorten in der Stadt tätig, in Mitte/Nord, Zuffenhausen und Wangen.

Auch weil die Rückmeldung aus dem Jobcenter auf die „niederschwelligste Maßnahme“, die man dort finanziert, noch im Sommer so positiv gewesen sei, haben die beiden Sozialträger angeregt, das Projekt in der kommenden Förderphase bis 2030 um zwei Stellen zu erweitern. Es sei „von allen Seiten ein höherer Bedarf an Teilnahmeplätzen zurückgemeldet“ worden, schreiben Caritas und Evangelische Gesellschaft.

Die Einmütigkeit zwischen Trägern und Stadt fand allerdings ein jähes Ende, als das Jobcenter im Dezember die Projekt-Ausschreibung für die kommenden Jahre veröffentlichte. Man sei „entsetzt“ gewesen, erklären Eva und Caritas. Statt einer Aufstocken sei das Projekt wegen fehlender Finanzmittel „um mehr als 50 Prozent gekürzt“ worden, kritisieren die Sozialträger. Und nicht nur das: Die Teilnahmedauer für die jungen Menschen sei auf „maximal neun Monate“ begrenzt, wöchentliche Kontaktzeiten „von mindestens einer Stunde“ in Präsenz gefordert, Dokumentationspflichten erhöht worden, eine anonyme Teilnahme sei nicht mehr möglich.

Diese „neuen hochschwelligeren Projektbedingungen“ passten aber nicht zu dieser vulnerablen Gruppe junger Menschen. Für deren Betreuung bleibe nicht mehr genug Zeit, die „Grundsätze von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung“ seien nicht mehr gewährleistet. Deshalb haben sich Caritas und Eva nicht mehr an der bis zum vorigen Freitag laufenden Ausschreibung beteiligt. „So können wir nicht gut arbeiten“, sagt Ulrike Mucke. „Das ist eine ganz intensive Betreuung.“ Die Bereichsleiterin bei der Evangelischen Gesellschaft fragt sich deshalb auch: „Wer kümmert sich nun, wer kommt da ran?“ Ulrike Mucke ist überzeugt: „Diese Gruppe fällt jetzt durch’s Netz.“ Und das werde dann „für die Gesellschaft teuer“.

Beim städtischen Jobcenter ist man anderer Ansicht. Auf die unerwartete und ungewöhnlich harsche öffentliche Kritik äußert sich die Stadt gegenüber den Trägern, mit denen man viele andere Sozialprojekte realisiert, auf Anfrage überaus kühl. Trotz der „drastischen Einschränkungen in den Fördermöglichkeiten“ durch die Mittelkürzungen des Bundes habe der Rat im Jobcenter „Maßnahmen für Jugendliche und junge Erwachsene, die Bürgergeld beziehen“, als Förderschwerpunkt beibehalten.

Eine kritische Spitze an die Adresse der Träger ist die Feststellung, beim Projekt Respekt handle es sich „nicht um ein Jugendhilfeprojekt“, wie dargestellt, „sondern um eine Leistung zur Eingliederung in Arbeit“. Die jungen Menschen sollten durch intensive und individuelle Betreuung „dabei unterstützt werden, Sozialleistungen zu beantragen und an Regelangebote sowie eine frühzeitige berufsorientierte Förderung herangeführt werden“. Das bisherige Projekt habe man deshalb „angepasst, um die gesetzlichen Ziele besser zu erreichen und im Verhältnis mehr junge Menschen noch wirksamer unterstützen zu können“.

Die Stadt bedauert in ihrer Stellungnahme zwar den Rückzug der beiden Träger. Man geht aber nicht davon aus, dass das Respekt-Projekt damit beendet ist. Man habe „zahlreiche Bewerbungen auf die Ausschreibung erhalten“, erklärt die Stadt. Es handelt sich dabei offenbar um Träger, die man von anderen Projekten bereits kennt. Man sei deshalb „zuversichtlich, dass wir auch künftig ein passendes Angebot für schwer erreichbare Jugendliche haben werden“.